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Interview | Beitrag vom 24.01.2020

Psychologin zu Vorwürfen gegen Ballettschule"Es ist gefährlich, wenn Kinder das Gefühl für ihre Grenze verlieren"

Jeannine Ohlert im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Der Fuß einer Tänzerin der Ballettschule der Oper in Nanterre, (AFP PHOTO / Lionel Bonaventure)
"Ich kann einen Drill so gestalten, dass er nicht automatisch total schädigend ist", sagt Sportpsychologin Ohlert zum Ballett-Training. (AFP PHOTO / Lionel Bonaventure)

Wie viel Schinderei muss sein? Angesichts von Vorwürfen gegen die Staatliche Ballettschule Berlin, Kinder gedrillt zu haben, betont die Sportpsychologin Jeannine Ohlert: Kinder müssen ihre Leistungsgrenzen selbst herausfinden dürfen.

Drillartige Ausbildungsmethoden, Überlastungen und Verstöße gegen Jugendschutzreglungen: Die Staatliche Ballettschule Berlin wird durch anonyme Vorwürfe belastet, über die der Rundfunk Berlin-Brandenburg berichtet hat. In Folge des Drucks soll es zu häufigen Essstörungen und Anzeichen extremer Erschöpfung gekommen sein.

Nun hat Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) eine Untersuchungskommission eingesetzt. Die Kommission soll klären, ob das seelische und körperliche Wohl von Schülerinnen und Schülern der Ballettschule unzureichend geschützt wurde.

Im Deutschlandfunk Kultur betont in diesem Zusammenhang die Sportpsychologin Jeannine Ohlert, dass Kinder im Leistungssport zwar nicht darauf verzichten könnten, über ihre Grenzen hinauszugehen. "Wenn ich irgendetwas Neues lerne, muss ich meine Grenzen immer weiter verschieben, ich muss mich auch ein bisschen quälen", so die Psychologin. Allerdings seien Trainings, die auf Strafe basierten, eher kontraproduktiv. Das führe dazu, "dass die Sportler aufhören, dass die weniger motiviert sind".

"Kinder wollen Freiheiten, wollen sich entwickeln"

Es sei gefährlich, wenn Kinder das Gefühl dafür verlören, wo denn tatsächlich ihre Grenze seien, - "gerade wenn es da auch um emotionale Gewalt, um sexualisierte Gewalt geht". Bei moderneren Trainingsmethoden versuchten die Trainer, Macht abzugeben, und eben nicht nur zu sagen "Du musst das jetzt machen", sondern auch zu erklären, warum.

Dadurch bliebe die Motivation erhalten. Leistung erreiche man eben nicht nur über Druck. Denn: "Kinder wollen Freiheiten, Kinder wollen sich entwickeln." Andernfalls "sagen die halt: Na gut, dann mache ich eben keinen Leistungssport mehr", so Ohlert. Der Sport habe immer sehr hierarchisch funktioniert. Doch die Verbände müssten heute umdenken, um die Kinder im Sport  zu behalten.

(huc)
 

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