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Interview / Archiv | Beitrag vom 11.03.2017

Psychologin Claudia Hammond"Geld trickst unser Gehirn aus"

Claudia Hammond im Gespräch mit Ute Welty

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Geld wirke im Gehirn wie eine Droge. Es beeinflusse uns unbewusst, lenke und manipuliere unser Verhalten. Das sagt die britische Psychologin Claudia Hammond - und bringt viele Beispiele aus dem Alltag. Besonders tückisch sei unser Umgang mit Geld, wenn wir bargeldlos "nur mit Karte" bezahlen, warnt sie.

Die britische Psychologin und Autorin Claudia Hammond rät zum klugen Umgang mit Geld und hält im Moment eine Abschaffung von Bargeld für problematisch. Heute erscheint ihr Buch "Erst denken, dann zahlen: Die Psychologie des Geldes und wie wir sie nutzen können" in der deutschen Übersetzung. 

"Droge und Werkzeug"

Geld wirke im Gehirn wie eine Droge, sagte Hammond im Deutschlandradio Kultur. Aber Geld könne zugleich auch ein wunderbares Werkzeug sein, das viele Menschen verbindet. Neurologische Untersuchungen zeigten, dass Geld zu bekommen, stimulierend auf das Belohnungssystem im Gehirn wirke: 

"Gehirnsscans haben gezeigt, dass das Gefühl, was man hat, wenn man Geld bekommt, eine unmittelbare Belohnung ist", so die Psychologin und preisgekrönte Sachbuch-Autorin.

Geld trickse auf vielfältige Weise unser Gehirn aus: Bei Kaufentscheidungen tendierten beispielsweise die Menschen dazu, bei niedrigpreisigen Produkten die günstigere Variante eines Produkts zu kaufen, um 10 Euro zu sparen. Bei Ausgaben von 500 Euro wiederum hätten wir den Eindruck, es lohne sich nicht, das Konkurrenz-Produkt für 490 Euro zu wählen. "In Wirklichkeit lohnt es sich immer, egal wo wir diese zehn Euro sparen", rät Hammond. Studien zeigten auch, dass Kunden bei einer Auswahl aus drei gleichzeitig präsentierten Produkten das mittlere wählten, anstatt das günstigste Angebots.

Abschaffung von Bargeld?

Da wir bei Kartenzahlung offenbar bereit sind mehr Geld auszugeben und auch schneller den Überblick über unsere Finanzen verlieren, wäre aktuell eine komplette Abschaffung von Bargeld keine gute Idee, meint Hammond. Bezahlen mit Karte erscheine offenbar weniger real. Für die Zukunft verspricht sich Hammond hier Abhilfe durch neue Technologien: "Dass man zum Beispiel dann auf seine Karte tippt und diese einem dann anzeigt, diese Woche hast du alleine für Kaffee schon 20 Euro ausgegeben." Solche hilfreichen Technologien, um klüger mit Geld umzugehen, würden sich auch im Zuge weiterer Apps verbessern.

Claudia Hammond: Erst denken, dann zahlen: Die Psychologie des Geldes und wie wir sie nutzen können
Klett-Cotta Verlag 2017, übersetzt von Dieter Fuchs
432 Seiten, 18,95 Euro
(Im Original: Mind Over Money: the psychology of money and how to use it better, Canongate, Mai 2016)

(picture alliance / ZB / Jens Kalaene)Ein fünfjähriger Junge sitzt an einem roten Tisch und zählt sein gespartes Taschengeld. (picture alliance / ZB / Jens Kalaene)


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Wissen Sie auf Anhieb und ohne nachzuschauen, wie viel Geld Sie noch im Portemonnaie haben? Ich wage an dieser Stelle die These, dass viele von Ihnen spontan mit "zu wenig" antworten. Geld kann man ja bekanntlich nie genug, denn Geld stinkt nicht, aber Geld allein macht auch nicht glücklich. Über unser Verhältnis zum Geld hat sich Claudia Hammond Gedanken gemacht. Die Psychologin, Moderatorin und Autorin empfiehlt dringend: Erst denken, dann zahlen! Und so ist auch ihr neues Buch überschrieben, das genau heute erscheint. Ich habe Claudia Hammond im Vorfeld der Buchveröffentlichung zum Gespräch treffen können – herzlich willkommen zu "Studio 9", welcome to "Studio 9"!

Claudia Hammond: Thank you very much for having me – lovely studio!

Welty: Wissen Sie denn, wie viel Geld Sie gerade dabei haben?

Hammond: Ich weiß es ehrlich gesagt nicht genau. Ich hab jetzt ein paar Euro und ich habe, glaube ich, auch noch 20 Pfund und eine Menge Kleingeld, aber da weiß ich auch nicht, wie viel das ist.

Welty: Lässt sich anhand der Summe im Portemonnaie schon erkennen, welche Beziehung die Person zum Geld hat, ob sie eher reich ist oder eher arm?

Hammond: Nicht unbedingt, weil manche Leute einfach gerne viel Bargeld mit sich rumtragen und andere sich einfach nur auf ihre Karten verlassen, dass wir mit Karte zahlen. Man kann es vielleicht dann sehen, wenn Leute immer nur 10 oder 20 Euro oder Pfund auf einmal abheben, weil sie eben gerade nicht mehr haben oder erst warten müssen, bis wieder was reinkommt. Also es sagt eigentlich nur was darüber aus meistens, ob die Leute lieber mit Karte oder bar zahlen.

Welty: In Ihrem Buch sprechen Sie rund 260 Studien an, die dieses Verhältnis zum Geld untersuchen. Nach Ihren Recherchen, gibt es die eine große Erkenntnis über Geld, vielleicht die, dass eben Geld eine Droge ist?

Geld kann "sowohl Droge als auch Werkzeug sein"

Hammond: Ich denke, was die Studien alle zeigen, ist, dass Geld sowohl Droge als auch Werkzeug sein kann, also ein Mittel. Einmal, dass es eine Droge ist, sieht man daran, dass es eine bestimmte Wirkung auf das Gehirn hat. Gehirnscans haben gezeigt, dass das Gefühl, was man hat, wenn Geld bekommt, eine unmittelbare Belohnung ist. Das ist so, als ob man Schokolade oder Apfelsaft ausgehändigt bekommt. Gleichzeitig ist es ein Werkzeug, denn Geld ist nützlich. Wir können dafür Dinge kaufen, wir können bestimmte Projekte damit realisieren, wir können auswählen, was wir damit machen, wir haben verschiedene Möglichkeiten – also Droge und Werkzeug in verschiedenen Funktionen zu verschiedenen Zeitpunkten.

Welty: Wenn es dieses durchaus ambivalente Verhältnis zum Geld gibt, wie schaffen wir dann so etwas wie einen kontrollierten Umgang mit dieser Abhängigkeit?

Hammond: Das ist schwierig, denn wir müssen ja mit Geld umgehen. Und es ist aber gleichzeitig auch großartig, weil es ganz fremde Menschen zusammenbringt, komplett fremde Leute müssen miteinander kooperieren. Nehmen wir zum Beispiel ein Kino: Wenn dort alle sitzen, haben sie alle Geld für ihr Ticket bezahlt. Die Schauspieler, die man auf der Leinwand sieht, die an dem Film mitmachen, alle anderen Beteiligten sind für ihre Arbeit bezahlt worden. Geld bringt also all diese Leute zusammen. Gleichzeitig kann es aber auch Probleme und Sorgen bereiten. Es ist ja auch nicht immer rational, wie wir mit Geld umgehen. Unsere Entscheidungen bezüglich des Geldes sind nicht unbedingt rational. Aber es gibt viele Wege und viele Methoden, wie wir etwas tun können, um Geld in unserem Leben besser unter Kontrolle zu bringen.

Welty: Welche Strategien sind das?

Fehler, die wie häufig machen

Hammond: Ein Beispiel – es gibt einen Fehler, den wir sehr häufig machen: Wenn wir etwas sehen, was 30 Euro kostet, und wir kriegen es woanders für 10 Euro billiger, dann werden wir sofort die 10 Euro billigere Variante auswählen. Wenn aber etwas 500 Euro kostet und woanders nur 490, also auch 10 Euro billiger, dann interessiert uns das nicht, dann lohnt sich das nicht, denken wir. Aber in Wirklichkeit lohnt es sich immer – egal wo wir diese 10 Euro sparen können, wir müssen es machen, aber es ist unwahrscheinlich, dass wir bei dem höheren Preis darauf achten. Ein anderes Beispiel sind Läden oder Onlineangebote, wo von einem Produkt immer drei Stück auf einmal angeboten werden: ein sehr günstiges, ein etwas teureres und dann ein sehr teures. Und die tauchen in einer Reihe auf und verführen uns dazu, das mittlere zu nehmen. Also es hat sich gezeigt, wenn wirklich drei angeboten werden, dass zweimal so viele Menschen sich für das mittlere Preissegment entscheiden, als wenn nur zwei angeboten werden oder eins alleine. Also das teurere ist da, um zu sagen, oh, ich hätte doch gerne etwas Besseres, und deswegen entscheidet man sich nicht für das günstigste, sondern für das mittlere.

Welty: Inwieweit macht es einen Unterschied, ob wir mit Bargeld umgehen oder mit Kreditkarten? In vielen Ländern wird ja darüber debattiert, das Bargeld abzuschaffen – halten Sie das für eine gute Idee?

Bezahlen mit Karte erscheint als weniger real

Hammond: Das ist interessant. Es ist ja jetzt so, dass die Leute tatsächlich weniger Geld ausgeben, wenn sie bar bezahlen, als wenn sie mit Karte bezahlen. Dafür gab es in den USA ein Experiment, das über ein Jahr lang Supermarktkunden beobachtet wurden, und da stellte sich heraus, dass diejenigen, die bar bezahlen, viel weniger ausgeben und auch weniger ungesunde Snacks kaufen als diejenigen, die mit Karte bezahlen. Das mag daran liegen, dass einem das Bezahlen mit Karte als weniger real erscheint. Dann gibt es diese kontaktlosen Karten, wie sie jetzt zum Beispiel in Großbritannien sehr beliebt sind und immer mehr um sich greifen, wo man nur ganz kurz antippt. Man kann Milch kaufen, Sandwiches, was auch immer, und Leute, die diese kleinen Dinge gekauft haben, haben hinterher oft überhaupt keine Ahnung, wie viel sie ausgegeben haben. Sie wissen gar nicht, wie viel es gekostet hat, wohingegen beim Barzahlen einem das immer klar ist. Aber der Trend geht natürlich dazu, dass immer mehr mit Karte bezahlt wird. Das ist aber auch nur momentan problematisch, da ich denke, dass auch neue Technologien kommen werden, die dann so sein werden, dass man zum Beispiel auf seine Karte tippt und die einem dann anzeigt, diese Woche hast du alleine für Kaffee schon 20 Euro ausgegeben, und dass sich das sicher auch noch im Zuge weiterer Apps verbessern wird. Aber derzeit ist es durchaus noch problematisch.

Welty: In welchem Zusammenhang stehen Geld und Charakter? Bei gewissen Persönlichkeiten kann man sich ja des Eindrucks nicht erwehren, dass Geld tatsächlich den Charakter verdirbt.

Hammond: Das ist auch interessant, denn die Forschung zeigt ja, wie man schon erwarten kann, dass die Leute, die ein ausgeprägtes Bewusstsein haben, die sich sozusagen klar sind, was sind Risiken und so weiter, und eine Haltung dazu haben, dass diese Leute mehr sparen, und dass andere, die risikobereiter sind, weniger sparen und ihr Geld auch eher für unnütze Dinge ausgeben, die sie gar nicht brauchen. Also die Haltung, die man dazu hat, ist natürlich sehr entscheidend – und auch sehr unterschiedlich. Das sieht man daran, dass sich Paare zum Beispiel sehr oft streiten, weil sie eben eine komplett verschiedene Haltung zum Geld haben oder einen verschiedenen Charakter in dem Sinne. Die Menschen wollen auch aus ganz unterschiedlichen Gründen viel Geld haben. Manche wollen mehr Geld haben, weil sie damit angeben können und anderen zeigen können, sieh her, was ich mir kaufen kann, und andere wollen wirklich bestimmte schöne Dinge haben, und denen gefällt das, diese Dinge zu besitzen. Also der Charakter ist da durchaus entscheidend, und es ist auch entscheidend dafür, ob es gut ist, dass jemand mehr Geld hat oder nicht.

Welty: Geld und Gedanken. Die Autorin Claudia Hammond zu Gast in "Studio 9", herzlichen Dank dafür, thank you very much!

Hammond: Thank you for having me!

Welty: "Erst denken, dann zahlen" heißt das neue Buch von Claudia Hammond, aus dem Englischen übersetzt von Dieter Fuchs. Und wenn Sie erst gedacht haben, dann zahlen Sie für die rund 430 Seiten knappe 19 Euro.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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