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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 26.01.2015

Psychologie des SteuerzahlensZu viel gearbeitet, vergessen, verschlampt

Von Florian Felix Weyh

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Dienstmarke eines Steuerfahnders auf einer Akte des Finanzamts (dpa / picture-alliance / Uli Deck)
Geschichten rund um Steuermoral und Steuerhinterziehung (dpa / picture-alliance / Uli Deck)

Die Öffentlichkeit ist daran gewöhnt, dass sich Fußballer oder Formel-1-Fahrer um die Steuer drücken. Sie werden in der Kategorie raffgierige Aufsteiger geführt. Geschichten rund um Steuermoral und Steuerhinterziehung.

Dr. Achim Doerfer, Anwalt für Steuerstrafrecht: "Wenn man hört, es geht hier nur um ne kleine Urlaubskasse mal für einen Skiurlaub in der Schweiz, die man haben wollte, und da sind dann zwei-, dreihunderttausend Euro drauf (lacht), dann weiß man natürlich, es ging um was ganz anderes."

Hildegard Knef singt: 

"Er hat zwei Büros, in Kiel und in Berlin
und fürs Renommee ne Villa im Tessin.
Seine Frau verzog nach Monte Carlo jetzt
wo sie – so wie bei ihm – auf Zero setzt."

Frank Wehrheim, Steuerberater - zuvor Steuerfahnder: "Da sind Sie oft auf Leute gestoßen, die eben ne Freundin hatten, die viel Geld kostet. Die haben da in ganz normalen Familienverhältnissen verheiratet gelebt, und haben eben ein Doppelleben gehabt, was teuer war. Freundin brauchte ne Wohnung, vielleicht ein Auto, und diese Gelder mussten ja irgendwo frei geblockt werden. Und da wurde alles Mögliche gemacht."

Hildegard Knef:

"Er setzt mich von der Steuer ab,
sonst wär ich ungeheuer knapp!
Anstatt privat leb ich vom Staat."

Wehrheim: "Zu solchen Zwecken habe ich schon Stiftungen im Ausland erlebt."

Hildegard Knef:
"Fährt er mit mir nach Spanien fort,
bucht er das lächelnd auf Export.
Macht andere die Steuer arm –
mich macht die Steuer reich!"

"Zu viel gearbeitet, vergessen, verschlampt". Über die Psychologie des Steuerzahlens.

"Wie wäre es, wenn der Staat wärmende Sonnenstrahlen schickt?"

Dr. Enrico Schöbel, Finanzwissenschaftler: "Das ist die Fabel vom Wind und der Sonne. Wind und Sonne treten in den Wettstreit, wer einen Wanderer wohl entblößen kann? Der Wind pustet sehr, sehr kräftig. Und je kräftiger und kälter der Wind pustet, umso mehr klammert sich der Wanderer zu, schließt die Jacke. Und die Sonne kommt mit ihren Strahlen, und der Wanderer öffnet die Jacke ganz von selbst."

Ein Feature von Florian Felix Weyh.

Schöbel: "Ich denke schon, dass in dieser Fabel ne Staatsauffassung steckt, dass man sich die Frage stellt: Ja wie wäre das denn, wenn der Staat halt so was wie wärmende Sonnenstrahlen schickt? So dass (lacht) der Steuerzahler halt selbst denkt: "Ach, ich kann ja was abgeben! Und das brauch ich ja nicht! Die Jacke brauch ich jetzt gar nicht." Wohingegen, wenn einem da der kalte Wind der Staatsmacht ins Gesicht bläst, dann man vielleicht dicht macht."

"Früher war ich ein ehrlicher Mann. Ich zerbrösle. Nein – ich bin schon zerbröselt. Als ich vor vierzehn Tagen einen Steuerbescheid über 75 000 Dollar erhielt, ging ich aus dem Haus und versuchte, mir das Geld zu leihen, es gelang mir nicht."

Mark Twain in seinen privaten Aufzeichnungen, 23. Januar 1906.

"Als ich herausfand, dass man einen ganzen Haufen Millionäre für ein Drittel der Summe, mit der man mich belastet, in New York leben lässt, war ich gekränkt. Ich war empört und sagte: ›Das ist der letzte Tropfen! Ich werde diese Stadt nicht allein aus eigener Kraft finanzieren.‹ In diesem Augenblick – in diesem denkwürdigen Augenblick – begann ich zu zerbröseln. Nach fünfzehn Minuten war der Zerfall vollständig. Nach fünfzehn Minuten war ich zu einem moralischen Sandhaufen geworden."

Reiche: "Wir schämen uns, wenn Verfehlungen offenbar werden und andere Menschen das sehen und beobachten."

Steffen Reiche. Evangelischer Pfarrer in Berlin. Zuvor SPD-Bundestagsabgeordneter und Minister in Brandenburg:

"Insofern ist dieser Prozess, der jetzt ja mit einiger Vehemenz begonnen hat, Scham generierend. Gibt immer mehr, die spüren: "Da muss ich mich schämen!" Beziehungsweise wenn das auffällt, werde ich mich schämen."

"Zahl der reuigen Sünder sehr gering"

Doerfer: "Sonst so die Zahl der reuigen Sünder, meine ich, ist sehr gering."

Dr. Achim Doerfer. Steuerrechtsanwalt in Göttingen. Autor des Buches "Die Steuervermeider":

"Dass Leute wirklich so eine Art Umkehr machen! Es ist so wie mit dem, der aus dem zehnten Stock springt und im ersten immer noch sagt: "Ist ja bisher alles gut gegangen." Das ist eigentlich eher die Mentalität."

"Noch mehr als die Messung des Ausmaßes der Steuerhinterziehung beschäftigt die Wissenschaft die generelle Frage, wie sich die Steuerzahler bezüglich ihrer rechtlichen Verpflichtung zur Steuerzahlung verhalten."

Aus einer Studie im Auftrag des Bundesministeriums der Finanzen.

"Im Zentrum dieser Fragestellung steht das so genannte 'Steuerzahlerrätsel'".

Körner: "Das Steuerzahlerrätsel beschreibt ein Phänomen, das viele Wissenschaftler schon beschäftigt hat, nämlich dass man eigentlich annehmen müsste: So gering, wie die Wahrscheinlichkeit ist, erwischt zu werden beim Steuerhinterziehen, müssten eigentlich viel mehr Menschen Steuern hinterziehen, als wie wir es beobachten können."

Dr. Martin Körner, Volkswirtschaftler und Kommunalpolitiker. Einer der beiden Autoren der Studie:

"Wenn man unterstellt, dass die Leute einfach nur auf ihren Geldbeutel gucken. Das ist aber nicht der Fall. In der Wirklichkeit zahlen die Leute alles in allem eigentlich ganz ehrlich ihre Steuern."

"Eine Kultur des Steuerzahlens"

Schöbel: "Es gibt in Deutschland eine Kultur des Steuerzahlens."

Dr. Enrico Schöbel. Finanzwissenschaftler an der Universität Leipzig:

"Die Leute weisen dem Staat eine Rolle zu. Also der Staat hat bestimmte Funktionen, und diese Funktionen, die haben zugenommen, also tendenziell sich eher ausgedehnt. Und dafür braucht er natürlich auch Geld."

Schöbel: "Steuer rechtfertigt sich über den Zwangscharakter: Der Staat kann das, der Staat darf das! Aber hier findet ein Umdenken statt. Also auch in der steuerjuristischen Literatur lesen Sie jetzt immer mehr einführend, dass es in der Demokratie sehr auf die Steuerwilligkeit ankommt, ja? Nicht nur über die Mitwirkung, sondern eben generell: Steuern brauchen bürgerliche Akzeptanz."

"Oswald Spengler hat den Steuerzahler als ein Wesen bezeichnet, das aus einer ›Mischung von Gerechtigkeitssinn, Neid, Ärger und Verschmitztheit‹ bestehe."

Wehrheim: "Das ist ein schönes Bild. Kann ich irgendwo nachvollziehen, ja."

Frank Wehrheim. Steuerfahnder mit langer Berufserfahrung. Heute arbeitet er als Steuerberater im hessischen Bad Homburg:

"Ich weiß von vielen meiner Mandanten, die völlig gelassen ihre Steuern zahlen. Nur: Die verdienen entsprechend, und dann ist es auch leichter. Die Bereitschaft heute, für die Möglichkeit, etwas von der Steuer abzusetzen, Risiken einzugehen, die ist immer noch da! Und Sie sehen ja bei den vielen Selbstanzeigen, die im Moment gemacht werden, wie viele Menschen die Gelegenheit genutzt haben, Geld ins Ausland zu bringen! Also dass wir so ein Volk von bereitwilligen Steuerzahlern sind ... das würd ich nicht so unterschreiben."

Dieter Hallervorden singt:

"Willy Würger vom Finanzamt, nie bestellt, doch immer da.
Macht auch heut für Vater Staat deine letzten Kohlen klar.
Willy Würger vom Finanzamt gibt dir heut mal richtig Feuer.
Er kassiert heut ungeheuer – Mineralölsteuer!
Der Würger vom Finanzamt, der Würger ist da."

Das bösartige, aber populäre Bild

Der "Würger vom Finanzamt" – das ist das eine bösartige, aber populäre Bild. Der Staat, der wärmende Sonnenstrahlen schickt, damit man sich ihm öffnet, das andere, seltene und idealistische. Die Wahrheit – liegt sie dazwischen?

"Auf den Rat meines Rechtsanwalts hin habe ich mich entschlossen, Steuern zu entrichten. Im Finanzamt des ersten Bezirks (...) nimmt man meine Ankündigung misstrauisch entgegen. Frierend sitzen die Beamten hier in ihren Mänteln, die Finger steif vor Kälte."

Der ungarische Schriftsteller Sándor Márai in seinem Tagebuch, Herbst 1945.

"Man könne keine Steuern zahlen, meint einer von ihnen mürrisch. Ich solle warten, bis ich an der Reihe sei. Irgendwann bekäme ich eine Zahlungsaufforderung, dann könnte ich einzahlen. Ist doch unglaublich! höre ich sie brummen. (...) Ratlos bleibe ich noch eine Zeit lang stehen, ver-senke das Geld, mit dem ich die Steuern bezahlen wollte, wieder in meine Tasche und gehe in ein gutes, teures Gasthaus. Dort gönne ich mir vom Steuergeld ein üppiges Mittagessen."

Obwohl die bürgerliche Pflichterfüllung im Chaos der unmittelbaren Nachkriegszeit untergeht, bleibt bei Sándor Márai der gute Wille. Acht Jahre später gelingt ihm in einem anderen Land, in das er emigriert ist, der nächste Versuch:

"Ich habe die ersten Steuern in Amerika bezahlt. Dies ist die Landnahme."

"Dies ist die Landnahme." Steuerzahlen macht nicht nur stolz, Steuerzahlen begründet einen erstrebenswerten Status: Man gehört dazu. Man ist vollwertiger Bürger. Man wird anerkannt.

"Der württembergische König hat 1914 ein Handbuch der Millionäre veröffentlicht, in dem die Vermögens- und Einkommensmillionäre in der Reihung ihres Vermögens genannt und mit ihren Erwerbsquellen und gesellschaftlichen Stellungen bezeichnet worden sind."

Paul Kirchhof, ehemaliger Verfassungsrichter, in seiner Denkschrift "Der sanfte Verlust der Freiheit":

"Dieses Handbuch war Ausdruck der Wertschätzung, der Anerkennung für eine individuelle und dank der Steuer zugleich gemeinschaftsdienliche Leistung. Die Publikation war Ausdruck öffentlichen Dankes."

Den Steuerhinterzieher erwarten dagegen Undank und Verfolgung.

"Wir hatten hier doch was ganz anderes vor!"

Frank Wehrheim: "Die Leute werden blass."

"Dieses Überraschungsmoment ist eigentlich das Pfund der Steuerfahndung. Die Hausdurchsuchung kommt überraschend. Die Leute sind wirklich überrascht, erschrocken. Und die erste Reaktion ist einfach Sprachlosigkeit."

Diese Sprachlosigkeit hat allerdings kaum lange Bestand. Die meisten Ertappten versuchen, sich dem Fahnder gegenüber zu erklären – oder tun dies wenigstens dem eigenen Anwalt gegenüber. Dem darf man, ohne Nachteile zu riskieren, auch sein Unrechtsbewusstsein gestehen. Achim Doerfer erlebt das in allen Spielarten:

"Oftmals erlebt man das ja dann auch in Ehen. Dann sitzt eben der eine Ehepartner und tischt dann nach wie vor so diese selbsterrichteten Potemkinschen Fassaden auf, das sei nur ne Urlaubskasse gewesen. Und dann grätscht der andere Ehepartner rein: "Jetzt halt doch mal den Mund und hör auf den Anwalt zu belügen! (lacht) Wir hatten hier doch was ganz anderes vor!" Also das schwingt schon so ein bisschen mit, aber so in der Art: "Naja, die Aldi-Kassiererin hat mir zu viel Wechselgeld rausgegeben, soll ich das jetzt sagen oder nicht?"

Steffen Reiche: "Die haben sozusagen in ihrem eigenen, inneren Wertekompass eine amerikanische Lebenshaltung, die sagt: Ich bezahle wenig! Der Staat soll mir meine Freiheitsrechte belassen, wir müssen diesen Leviathan bändigen. Aber ich nutze all das, was es hier gibt und was an Leistung ja weit über die amerikanische hinausgeht! Also sie nutzen ein gut ausgebautes Schul- und Universitätssystem für ihre Kinder. Und bezahlen dafür nicht! Meinen, dass sie mit dieser geringen Steuer, die sie an ihrem amerikanischen Steuerbewusstsein schon viel zu hoch bezahlt haben, alles abgegolten ist! Und deshalb haben sie kein Schuldbewusstsein. Weil sie denken, dieser Spitzensteuersatz, der ist schon viel zu hoch. Dem muss man fliehen."

Achim Doerfer: "Man legt sich das so zurecht, dass es ein Geschäft ist, wo man weiß, es ist halt ein etwas glitschiges, dubioses Geschäft, aber es ist schon noch so eine Art Geschäft. Es hat ja auch den Look eines Geschäfts! Da sind die schönen Banken in der Schweiz, da ist die schöne Schweiz selbst. Da sind die schönen Kontoauszüge ... also die Schweizer Banken sorgen schon dafür, dass der Look-and-feel dieses Geschäfts entsteht. Man kann's vielleicht mit der Zigarettenindustrie vergleichen: Dieser Geschichte, die im Inneren natürlich schlecht ist, außen ein Hochglanzimage zu verpassen. Und da kann man sich ganz leicht selbst betrügen."

Souverän im öffentlichen Raum: Sommer, Hoeneß, Schwarzer

Steffen Reiche: "Also ich kann mit vielen legalen Steuertricks – die Bücher gibt's an jedem Zeitungskiosk, im Bahnhof, überall – den Staat auf eine ganz lange Wegstrecke legal und quasi mit schriftlicher Einladung in Form von Gesetzestexten betrügen. Und dadurch schwindet mein Steuerbewusstsein auf so rasante Weise, dass ich – nachdem ich all diese legalen Steuertricks genutzt habe – sagte: 'Aber das andere, das jetzt auch noch!' Und dann ist sozusagen mein Unrechtsbewusstsein so klein geworden, dass ich diesen anderen kleinen Weg wie Hoeneß oder Theo Sommer eben auch noch gehe."

Uli Hoeneß während des Steuerhinterziehungsprozesses vor dem Landgericht München. (imago / Future Image)Uli Hoeneß während des Steuerhinterziehungsprozesses vor dem Landgericht München. (imago / Future Image)

Theo Sommer. Uli Hoeneß. Alice Schwarzer. Die drei prominentesten Fälle der jüngeren Zeit. Auffallenderweise handelt es sich hier um Menschen, die souverän im öffentlichen Raum agieren. Sie müssten – wortmächtig und rhetorisch geübt – ihr Fehlverhalten nachvollziehbar darlegen können. Vielleicht sogar: Glaubwürdige Einsicht und Reue zeigen.

"Ich habe die Einnahmen erst ignoriert, dann verschleppt und schließlich verdrängt. Das war töricht und gesetzeswidrig."

... zitiert eine Tageszeitung den langjährigen Chefredakteur und Herausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit", Theo Sommer.

"Es war ein großer, ein grober Fehler, der mir nicht hätte passieren dürfen, ein Fehler aus Torheit und Nachlässigkeit."

Hübsche Worte mit einem gewissen Niedlichkeitsfaktor: Fehler, Torheit, Nachlässigkeit. Eine Summe von 649.917 Euro und 99 Cent an Steuern zu unterschlagen, unterläuft dem Grandseigneur Sommer einfach nur so. Ups!

"Abgabetermine für Manuskripte haben mich immer mehr belastet als Abgabetermine für Steuererklärungen. Das bereue ich aus tiefem Herzen."

Körner: "Auch das ist die Realität in unserem Land, dass das eben vor niemandem Halt macht."

Wehrheim: "Das ist also wirklich die ganze Palette: Vom Lehrer, über den Selbstständigen, hin zum Unternehmer. Aber auch Menschen, wo Sie es gar nicht erwarten, wo Sie sagen: Kleiner Beamter. Und trotzdem Geld im Ausland. Es sind – und das muss man klar festhalten – schon wir alle!"

"Ich habe einen Fehler gemacht, ich war nachlässig. Aber ich habe den Fehler wieder gutgemacht. Ich habe für die letzten zehn Jahre gesamt rund 200.000 Euro Steuern nachgezahlt, plus Säumniszinsen. Der Fall ist damit auch aus Sicht der Steuerbehörde bereinigt."

... erklärte Alice Schwarzer auf ihrer Webseite, nachdem eine durch Selbstanzeige aus der Welt geschaffene, jahrzehntelange Steuerhinterziehung publik geworden war. Wieder bloß Fehler und Nachlässigkeit. Und dazu auch noch eine selbstgerechte Empörung darüber, dass ihr grundrechtlich verbrieftes Steuergeheimnis – wo sie sich doch gerade ehrlich gemacht hatte – vom Nachrichtenmagazin Spiegel gebrochen worden war. Im Internet beschrieb daraufhin der Spiegel-Journalist Jürgen Dahlkamp das Prinzip Selbstanzeige als das, was es ist: ein Deal, kein Freispruch.

Psychologie des Abwehrkampfs

"Es ist ein unmoralisches Angebot, das einzige dieser Art im deutschen Strafrecht, und wer es annimmt, ist deshalb auch noch kein moralischer Mensch. Allenfalls ein schlauer."

Die Psychologie des Steuerzahlens ist der Psychologie des Abwehrkampfs entlehnt.

Wehrheim: "Die Klassiker waren Schimpfen auf die Politiker, die mit "meinem" Steuergeld das Falsche anfangen. Die also die falschen Entscheidungen treffen politisch, und mein Geld einfach was weiß ich ... heute würde man sagen den Griechen oder der EU und Italienern für Olivenbäume ... und das Geld wird einfach falsch gesteuert. Bis hin: "Das kriegen die falschen Leute, die dann keinen Anreiz haben, selber zu arbeiten!"

Doerfer: "Das ist eine Variante einer ganz typischen Selbstrechtfertigung, die man eigentlich in allen Bereichen des Strafrechts hat. Bei den Kiffern hört man dann immer: "Das ist der scheiß Bullenstaat, und das ist alles doof! Und die anderen sind schuld!" Ist also eine Spielart dieses: "Ja irgendwie ist es das System, und ich hab damit ja gar nichts zu tun!"

"In einem vulgärphilosophischen Verständnis sieht sich ein solcher Steuervermeider wohl als eine Art Nietzsche'scher Übermensch, der in seinem Willen zur Macht sich den anderen Menschen überlegen sieht und aus sich selbst heraus ganz neue Werte schöpft."

... schreibt Achim Doerfer in seinem Buch über die Steuervermeider. Eine Haltung, die er scharf kritisiert:

"Ich kann nicht den Kuchen behalten und ihn gleichzeitig essen. Ich kann eben nicht in dieser Rechtsordnung mit allem wohnen und sie nutzen und sie trotzdem innerlich ablehnen. Das geht nicht! Das ist das, was man in der Philosophie einen "performativen Widerspruch" nennt: Ich behaupte also das eine, mein Verhalten ist aber genau das Gegenteil."

Wehrheim: "Tatsächlich war dahinter immer eins: "Ich will meine Steuern optimieren und will mehr Geld für mich haben!" Also die große Gier, die steckt doch in den meisten Fällen dahinter."

... fasst der ehemalige Steuerfahnder Frank Wehrheim Erkenntnisse aus dreißig Jahren Berufserfahrung zusammen. "Gier muss man mit Gier entgegentreten", lautet das versteckte, aber stets erkennbare Rechtfertigungsmuster. Denn die sekundäre Gier des Steuerhinterziehers folgt der primären Gier des Steuereinnehmers nach. Am Anfang ist der Staat ... als Räuber: Er nimmt, ohne zu fragen. Schon im frühen Mittelalter beschäftigte das die Theologen:

"Bei Thomas von Aquin erscheint die Steuererhebung der geistlichen und weltlichen Fürsten unter der Überschrift Utrum rapina possit fieri sine peccato – 'Kann Raub ohne Sünde geschehen?'"

Ja, das kann er, wenn die Wegnahme als gerechte Steuer daherkommt – aber die theologischen Spitzfindigkeiten, die dem Akt die Sündhaftigkeit nehmen, leuchten den Steuerpflichtigen lange nicht ein. Noch 500 Jahre später beschreibt John Stuart Mill die progressive Einkommensteuer als "milde Form der Räuberei", und selbst in zeitgenössischen Debatten ist die Metaphorik kaum weniger deutlich:

"Die Entlastung von Familien von steuerlichen Abgaben, die ihnen der Staat bislang verfassungswidrig aufbürdete, wird nicht zu Unrecht von Kennern der Materie als ›Rückgabe von Diebesgut‹ bezeichnet."

Steuergerechtigkeit unter dem Aspekt der Belastungsgrenze

Denken Kameralisten – oft scharfsinnige Geister – seit der Aufklärung über Steuergerechtigkeit nach, dann tun sie das vor allem unter einem Aspekt: Dem der Belastungsgrenze, die man aus staatlichem Eigeninteresse nicht überschreiten solle.

"'Wann die Hüner gar geschlacht werden, so legen sie nimmer Eyer.' (...) Und in der wohl drastischsten Formulierung heißt es schlicht: ›Wer zu viel schneuzt, zwingt Blut heraus‹. (...) Nur zu gern zitiert man den hübschen Satz des zu seiner Zeit vielgelesenen italienischen Rechtswissenschaftlers Gaetano Filangieri (1780), dass es sich mit den Steuern wie mit einem Gewicht verhalte: Ein Mensch könne eine Zentnerlast auf dem Rücken tragen, er breche aber zusammen, wenn man ihm ein Pfund an die Nase hängt."

Schöbel: "Es gibt eine sehr, sehr alte Steuerregel, die Canardsche Steuerregel, die sagt: 'Alte Steuern sind gute Steuern.' Warum? (lacht) Weil sich die Leute daran gewöhnt haben, ja? Und woran sie sich gewöhnt haben, da denken sie nicht mehr groß drüber nach."

... bemerkt der Finanzwissenschaftler Enrico Schöbel, der sich in seinen Forschungen zur Steuerehrlichkeit mit beiden Seiten der Medaille auseinandergesetzt hat: Dem Fehlverhalten der Bürger und der – freundlich ausgedrückt – gedanklichen Unbeschwertheit des Staates bei der Durchsetzung seiner hoheitlichen Finanzierungsansprüche:

"Sie finden in jahrhundertealten Schriften zur Frage "Wieviel gehört dem Staat, wieviel soll der Staat bekommen?" ja das Argument der Volksmoralität auch. Da ist offensichtlich die Idee da, da gibt es so ne generelle Moral der Bürger."

Körner: "Wir haben Steuermoral so definiert, dass es die Einstellung der Menschen zur Steuerhinterziehung beschreibt. Wenn jemand es ganz schlimm findet, dass Steuern hinterzogen werden, dann hat er eine hohe Steuermoral. Und wenn jemandem das ganz egal ist, dass Steuern hinterzogen werden, dann hat er eine niedrige Steuermoral."

... erklärt der Volkswirtschaftler und Kommunalpolitiker Martin Körner. Zusammen mit Harald Strotmann schreibt er in einer Studie zur Steuermoral:

"Von zentraler Bedeutung bei der Erklärung der Steuermoral ist die Einschätzung des Verhaltens der Fairness der anderen Steuerzahler. Bürger, die davon ausgehen, dass viele oder fast alle Bürger Steuern hinterziehen, haben eine erheblich schlechtere Steuermoral als Bürger, die grundsätzlich ein überwiegend faires Verhalten der anderen Steuerzahler unterstellen. (...) Dies verdeutlicht die beträchtliche Gefahr eines Teufelskreises der Steuermoral und indirekt der Steuerhinterziehung: Je mehr Bürger Steuern hinterziehen und je eher der Tatbestand der Steuerhinterziehung daher als ›Kavaliersdelikt‹ betrachtet wird, desto schlechter fällt die Steuermoral aus."

"Personen, die ein bisschen Vorbildcharakter haben"

Körner: "Das ist ganz verheerend, vor allem in einer bestimmten Peer-Group. Wenn dort das Verschieben von Steuergeldern in die Schweiz oder das Etablieren bestimmter Steuerhinterziehungsmodelle akzeptiert ist und normal ist, dann sind der Steuerhinterziehung Tür und Tor geöffnete! Und über die Peer Group hinaus sicherlich auch, wenn es sich um Personen handelt, die auch so ein bisschen Vorbildcharakter haben."

Theo Sommer, Alice Schwarzer, Uli Hoeneß. Und so viele mehr.

Hildegard Knef singt:

"Ich hab meine schöne Wohnung mit Balkon
zur Kontaktaufnahme während der Saison
teure Kleider schreibt er ab für den Kontakt
privat bin ich laut Büchern völlig nackt"

Frank Wehrheim: "Wenn Sie einer Freundin viel Geld zuwenden, ist das eigentlich schenkungssteuerpflichtig. Da gibt's nur ganz niedrige Freibeträge."

Hildegard Knef singt:

"Er setzt mich von der Steuer ab,
sonst wär ich ungeheuer knapp!
Anstatt privat leb ich vom Staat."

Das von Hildegard Knef schon in den 60er-Jahren satirisch aufgespießte Verhalten gehört nach Kenntnis des Ex-Steuerfahnders Frank Wehrheim zu einer der drei Hauptkategorien der Steuerhinterziehung. Er nennt sie "freies Geld":

"Freies Geld nicht im Sinne von Schwarzgeld, was man so meint, wenn man Geld von der Steuer wegnimmt, sondern freies Geld für sich selbst, für Ausgaben, die niemand wissen sollte, nur man selbst. Das kann hingehen bis dass jemand als Hobby eben gern ins Bordell gegangen ist und brauchte dafür Geld, von dem niemand wusste."

Die zweite Kategorie kommt scheinbar rational daher, denn sie beruft sich auf moralische Überlegenheit. Sie will ja bezahlen ... nur nicht vorbehaltlos. Wehrheim:

"Ich bestimme über mein Geld selbst!" Und das sind dann so Menschen, die bei der Steuer auf der einen Seite, ich sag mal: betrügen, und auf der anderen Seite dann auf anderen Sektoren sagen: 'Jetzt spende ich die Summe X,Y oder Z an gemeinnützige Sachen. Aber ich bestimme, was mit meinem Geld passiert! Ich bestimme, und nicht der Staat.'"

Reiche: "Es ist weder legitim, noch legal. Und vor allem: Es ist auch kein Nullsummenspiel! Denn Hoeneß hat in seinem ganzen Leben nicht an Spenden und guten Werken und Leistungen gegeben, was er bei Steuer hinterzogen hat! Nein, man will sparen, und man macht sich ein gutes Gewissen, indem man sich sozusagen selber freikauft."

Am häufigsten zu finden sind aber die leidenschaftslosen Rechner des eigenen Vorteils.

Wehrheim: "Diese Leute versuchen natürlich möglichst alles bei der Steuer unterzubringen, das heißt abzusetzen. Und dann fangen sie irgendwann an, aus dem gelben Bereich in den roten Bereich überzugehen und dann noch alle möglichen privaten Dinge auch noch in den Betrieb zu bringen. Das sind Menschen mit Strukturen, die sind auch, glaub ich, so im Leben unangenehm. Die geben Ihnen auch kaum ein Bier aus."

Was tun, wenn das Unrechtsbewusstsein schwindet?

So weit die gängige Typologie. Aber was tut man, wenn auf der einen Seite das Unrechtsbewusstsein immer stärker schwindet und auf der anderen Seite massive Verschwendungen bei staatlichen Projekten wie beim Berliner Großflughafen BER den Steuerkriminellen scheinbar gute Argumente liefern?

Schöbel: "Das ist schwierig, ja! Das gibt sicher Einzelne, die sich das als Rechtfertigung hinnehmen, um Steuern zu hinterziehen. Grundsätzlich besteht darin eine gewisse Gefahr, also Politiker sollten da schon intensiver nachdenken."

... und zum Beispiel die internationalen Forschungsergebnisse zur Steuerehrlichkeit beherzigen.

"Von besonderer Bedeutung sind unter anderem folgende Fragen: (...) Haben die Bürger das Gefühl, dass Leistung und Gegenleistung in einem adäquaten Verhältnis stehen? Haben die Bürger Vertrauen in die Funktionsfähigkeit des Staates, und in welchem Maße identifizieren sie sich mit dem Staat?"

... listet Martin Körners Koautor Harald Strotmann in einem Sammelartikel die weltweit gewonnenen Erkenntnisse auf.

"Im Durchschnitt fällt die Steuermoral der Bürger in den betrachteten OECD-Staaten umso besser aus, je dezentraler der Staat aufgebaut ist, denn eine Identifikation mit dezentralen staatlichen Ebenen fällt leichter als mit zentralen."

Körner: "Man kann schon sagen, je mehr die Menschen die Möglichkeit haben, direkt mitzuentscheiden, desto mehr identifizieren sie sich auch mit ihrem Gemeinwesen und desto eher sind sie bereit, dann auch ihren Beitrag zur Finanzierung dieses Gemeinwesens zu leisten."

Schöbel: "Es gibt ne längere Tradition schon von Schweizer Ökonomen, die das also zunächst mal für Schweizer Kantone untersucht haben. Später hat man's auch in den USA, in Kanada untersucht und festgestellt: Da wo mehr Partizipationsrechte bestehen, sind die Steuerzahler und Bürger eben auch eher bereit, steuerehrlich zu zahlen."

Körner: "Generell bin ich schon der Meinung, dass in den Städten und Gemeinden doch erstens eine andere Form der Politik gemacht wird, die glaub ich schon gemeinwohlorientierter ist als manches, was auf Landes- und Bundesebene geschieht. Und die Menschen eben näher dran sind. Oder anders formuliert: Die Stadträte oder Gemeinderäte näher an den Menschen dran sind. Und ich glaub, dass das unserem Gemeinwesen ganz gut tun würde, wenn dort mehr noch Entscheidungsgewalt wäre!"

"Spürbare positive Effekte auf die Steuermoral der Bürger könnten erreicht werden, wenn es im Zuge geeigneter Informationskampagnen gelänge deutlich zu machen, dass viele – auch prominente und wohlhabende – Bürger ihre Steuern durchaus auch rechtmäßig bezahlen."

Körner: "Es gab ne Initiative – vielleicht vor zehn Jahren, unter anderem von dem Staeck und die Senta Berger war auch dabei –, wo jetzt einfach mal prominente Namen öffentlich bekennen, dass sie ordentlich ihre Steuern bezahlen. Und ich glaub, dass das schon etwas ist, was ankommt bei den Leuten. Glaub schon, dass das ne Wirkung hätte."

"Das letzte Hemd hat keine Taschen!"

Reiche: "Das letzte Hemd hat keine Taschen! Was dir also hier in deinem Leben anvertraut ist, das sind Gaben, mit denen sollst und musst du wuchern. Und zwar zugunsten der anderen. Nicht, damit die dich hoch preisen und dir einen roten Teppich ausrollen, wenn du kommst, sondern weil du auch selber merken wirst, dass du mehr Freude daran hast!"

... mahnt Steffen Reiche, der heutige Pfarrer und frühere Minister und Abgeordnete. Denn wenn sich ein potenzieller Steuerhinterzieher durch den Fiskus um Lebensqualität betrogen sähe, läge er eindeutig falsch:

"Müssten übrigens auch Medien deutlich machen: Dass diejenigen, die sich in ihrem Leben bescheiden, plötzlich merken: "Wow, meine Lebensqualität ist viel größer geworden. Wow, meine Gesundheit, meine Entspanntheit ist viel größer geworden, als sie vorher war. Meine Kraft, mit wunderbaren Frauen zusammenzuleben, also auf sie anziehend zu wirken, ist viel größer geworden, als ich das vorher mit Geld hatte."

Joy Flemming singt:

"Wenn Ihr glaubt, ich sing für euch
da habt Ihr euch getäuscht.
Das hab ich früher auch gedenkt
ich weiß schon lang, dass das nicht stimmt"

Doerfer: "Ich kann den Leuten ja nicht einfach ihre Steuernachzahlungsberechnung auf den Tisch knallen und sagen: "Das ist eben so!" Ich muss schon damit rechnen, dass das Schmerzen auslöst. Und wie jeder gute Zahnarzt das auch tut, muss ich auf diese Schmerzen ja irgendwie eingehen. Und da muss ich schon sagen: "Also wir haben das, was möglich war, noch gemacht. Es hätte noch wesentlich mehr sein können. Und Steuern müssen wir alle zahlen. Und so hoch ist die Nachzahlung nicht. Und da müssen Sie nun mal durch." Und es ist mir auch wichtig, wirklich graswurzelmäßig immer wieder diese Akzeptanz zu erzeugen."

Joy Flemming singt:

"Wenn Ihr jetzt glaubt, ich sing für mich
Das Schlimmste wär das nicht, wenn des so wär.
Aber in Wirklichkeit, da sieht das anders aus."

Unerlässliche Selbstanzeige des Autors: Abgabetermine für Rundfunkmanuskripte haben mich immer weniger belastet als Abgabetermine für Steuererklärungen. Das bereue ich aus tiefem Herzen.

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