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Interview / Archiv | Beitrag vom 05.07.2019

Psychologe über Workaholics und ArbeitssuchtVon Arbeit überrollt

Stefan Poppelreuter im Gespräch mit Stephan Karkowsky

Ein erschöpfter Mann sitzt im Dunkel an einem Schreibtisch vor einem Laptop. (imago / Westend61 / Gustafsson)
Die Frage ist, welche Haltung man zu seiner Arbeit hat, sagt Stefan Poppelreuter: "Arbeiten Sie oder werden Sie gearbeitet?" (imago / Westend61 / Gustafsson)

Workaholics arbeiten zu viel. Der eine tut das gern, der andere leidet darunter und wird krank. Wann zu viel Arbeit problematisch wird, erklärt der Psychologe Stefan Poppelreuter. Arbeitssucht müsse als Krankheit anerkannt werden, fordert er.

Stephan Karkowsky: Längst gibt es weit mehr kuriose Gedenktage als das Jahr überhaupt Tage hat. Heute etwa ist der Welttag des Workaholics. Gut, heute ist auch Welttag des Bikinis, aber bleiben wir lieber ein wenig bei den Workaholics, den Arbeitssüchtigen. Darüber möchte ich mit einem Experten sprechen, der Diplom-Psychologe Stefan Poppelreuter arbeitet als Personal- und Managementberater für den TÜV Rheinland.

Sie haben vor vielen Jahren bereits über das Thema Arbeitssucht promoviert. Ist denn Arbeitssucht mittlerweile anerkannt als Krankheit?

Stefan Poppelreuter: Also wir finden es immer noch nicht in den offiziellen statistischen Manualen und in den Klassifikationskatalogen, was Krankheiten angeht. Insofern gibt es Arbeitssucht als Erkrankung auch heute nach wie vor noch nicht.

Karkowsky: Bedauern Sie das?

Poppelreuter: Ja, das kann man insofern bedauern, als dass wir in anderen Bereichen der stoffungebundenen Süchte – nehmen wir spielen oder nehmen wir kaufen oder jetzt neuerdings auch die Onlinesucht – schon entsprechende Aufnahmen in die Kataloge feststellen können, und das heißt, wir sollten anerkennen, dass alles, auch das menschliche Arbeiten, letztlich einen pathologischen Charakter bekommen kann und deswegen auch Unterstützungs- und Hilfsbedarf besteht.

Die Haltung gegenüber der Arbeit muss stimmen

Karkowsky: Um zu verstehen, was das ist, Arbeitssucht, lassen Sie uns mal ein Rollenspiel machen. Ich komme in Ihre Coachings, Sie beraten ja das Personal und auch das Management, und ich sage dann, guten Tag, Herr Poppelreuter, ich habe Angst, ich könnte ein Workaholic sein. Wie finden Sie raus, dass ich mir das nicht einbilde?

Poppelreuter: Ich würde Sie, Herr Karkowsky, erst mal fragen, wie die quantitative Verteilung Ihrer Zeit über die Woche aussieht, also wie viel Stunden verbringen Sie faktisch mit dem Thema Arbeit. Das wäre ein erster Annäherungsprozess. Dann wäre mir aber vor allen Dingen wichtig, eine qualitative Komponente reinzubringen, nämlich mich mit der Frage zu beschäftigen, wie ist denn Ihre Haltung gegenüber der Arbeit überhaupt, also wie fühlen Sie und wie empfinden Sie Ihre Arbeit. Um in der Metapher zu bleiben vielleicht mal: Sind Sie Spieler oder sind Sie Ball. Also arbeiten Sie oder werden Sie gearbeitet.

Ich glaube, das ist ein ganz, ganz wichtiger Punkt, wenn wir über Vielarbeit reden, das hat was mit der Haltung zu tun, die ich zu meiner Arbeit habe, beziehungsweise mit der Erfüllung, die ich in meiner Arbeit finde. Wenn ich eine positive Haltung und ein erfüllendes Erlebnis im Zusammenhang mit meiner Arbeit habe, dann ist auch eine gewisse Quantität nicht problematisch. Problematisch wird es immer dann, wenn ich gearbeitet werde, wenn ich aufgrund von äußeren Sachzwängen beispielsweise viel arbeiten muss oder wenn ich in Arbeitsfelder hineingezwungen werde, die weder meinen Neigungen noch meinen Talenten entsprechen, und da liegt häufig das Problem.

Karkowsky: Bin ich Workaholic, wenn ich zum Beispiel nicht Nein sagen kann, wenn ich denke, ich muss diesen Job jetzt machen, ich muss das machen, eigentlich will ich es nicht, eigentlich bin ich kaputt, aber ich muss das machen, sonst kriege ich gar keine mehr?

Poppelreuter: Korrekt. Also das ist einer der Punkte, bei denen man auch dann daran arbeiten kann in den Coachings, wenn zu wenig Abgrenzung stattfindet, wenn zu wenig Distanzierung von der Arbeit möglich ist, wenn ich etwas tue, was dann gegen meinen Willen eigentlich geschieht und auch gegen mein Gefühl und gegen meinen Aggregatzustand, wenn man so will. Dann ist das etwas Problematisches. Wenn ich sehr einsatzbereit bin, wenn ich für eine Sache brenne, wenn ich mich auch selber darin wiederfinde und auch das Gefühl habe, ich kriege das auch gemanagt – auch das ist häufig heute ja ein Thema, wie gehe ich mit der Menge an Arbeit um –, wenn ich mich da als Master erlebe, dann ist das auch eher etwas Erfüllendes und etwas Positives. Wenn ich von der Arbeit überrollt werde, dann ist es ein Problem.

"Smartwork" als Trend

Karkowsky: Hat sich der Blick auf die Workaholics verändert in den letzten Jahrzehnten? Ich habe den Eindruck, früher galt man wirklich mal als Held der Arbeit, heute nicht mehr so.

Poppelreuter: Ja, man kaschiert das gerne, weil da andere Trends auch Raum greifen. Wir haben ja dann die Entwicklung in Richtung Work-Life-Balance gehabt. Ich habe diese Begrifflichkeit eigentlich nie besonders goutiert, weil das klingt so wie: es gibt den Bereich der Arbeit und dann den Rest des Lebens. Erfüllend ist es ja, wenn Arbeit in das eigene Leben, in die eigene Lebensphilosophie, in das eigene Lebenskonzept auch integriert ist. Deswegen finde ich das gar nicht so polar, so bipolar, Arbeit und der Rest des Lebens. Heute ist es ja so, dass man eher smart arbeitet, Smartwork ist ja das Wort der Stunde, und das klingt dann so ein bisschen, ja, wenn du zu viel arbeitest, dann bist du nur nicht gut organisiert. Viele Unternehmen reagieren ja auf Vielarbeit auch mit Zeitmanagementseminaren oder so etwas in der Art. Das, finde ich, ist nach meinem Dafürhalten der falsche Ansatz. Vielarbeit als solches ist überhaupt nichts Verpönenswertes, und am Ende des Tages ist Erfolg auch immer Ergebnis von Arbeit.

Karkowsky: Gibt es denn heute immer noch Leute, die das quasi stolz vor sich hertragen, diese Behauptung, ich bin ein Workaholic?

Poppelreuter: Natürlich gibt es immer noch Kulturen, in denen das hofiert wird und in denen das auch eine Rolle spielt, und wenn wir mal ehrlich sind, es wird weniger offen drüber geredet, aber das Thema, viel arbeiten wollen, viel arbeiten können, auch ein Insignium sein kann, ein Zeichen von Erfolg, das ist heute auch immer noch so gegeben.

Auch Freizeit darf nicht zu voll sein

Karkowsky: Aber gerade die jüngere Generation, die versucht ja auch immer, wenn sie Verträge macht, viel, viel Freizeit dabei rauszukriegen, mehr Urlaubstage, mehr Möglichkeiten, Zeit mit der Familie zu verbringen, Hobbys, Freizeit, das ist alles viel wichtiger geworden, und gleichzeitig nimmt die Zahl der Burn-out-Patienten zu. Wie passt das zusammen?

Poppelreuter: Ja, da müssen wir auch vorsichtig sein. Wir reden immer nur von Arbeitssucht, und das suggeriert, dass dieses Problem des Zuviels nur im Bereich der beruflichen Arbeit liegen kann. Wenn wir uns Menschen anschauen, die auch in den Burn-out hineinkommen oder die als Workaholics dann auch ins Coaching kommen, was machen die eigentlich in ihrer Freizeit, wenn es die denn noch gibt – dann haben wir oft das Phänomen der sogenannten paraberuflichen Freizeitverbringung.

Das heißt, die Freizeit ist eigentlich genauso vollgestopft und genauso organisiert, wie die Arbeit selber. Und dann fehlt es natürlich an der Erholung und an der Entspannung, und das Problem ist, dass wir mehr und mehr Lebensbereiche in die 24 Stunden, die es nun mal nur gibt, hineinzupressen versuchen, und das kann natürlich dann auch den Burn-out fördern, und dann kommt der Stress gar nicht so sehr von der Arbeit, sondern eher von anderen Lebensbereichen her.

Stefan Poppelreuter im Portrait mit einer lila Krawatte und dunklem Anzug. (imago images / Horst Galuschka)Der Psychologe Stefan Poppelreuter ist einer der führenden Experten für Arbeitssucht. (imago images / Horst Galuschka)

Karkowsky: Nun arbeiten Sie nicht in einer Klinik, aber mal angenommen, ich fühle mich jetzt gerade angesprochen von diesem Gespräch, was tun gegen Workaholismus – heißt das so?

Poppelreuter: Ja, genau. Sie können natürlich selbst erst mal versuchen, etwas zu ändern, wie bei allen Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen. Wenn das nicht funktioniert, gibt es externe Hilfsangebote, es gibt eine Reihe von Selbsthilfegruppen, es gibt inzwischen auch eine Reihe von ambulanten Therapeutinnen und Therapeuten, die sich auf das Thema spezialisiert haben, und nicht zuletzt gibt es auch Kliniken, stationäre Einrichtungen, in denen man sich mit dieser Thematik auseinandersetzen kann und in denen man lernen kann, sozusagen ein ausgewogeneres Verhältnis von Arbeit und anderen Lebensbereichen hinzubekommen. Das betrifft aber nicht immer nur den Arbeitsbereich.

Karkowsky: Ein guter Freund von mir hat übrigens mal – ein guter Freund mit viel Humor muss ich sagen –, als er arbeitslos wurde, von sich selbst behauptet, er sei jetzt trockener Workaholic.

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