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Profil / Archiv | Beitrag vom 26.01.2009

Psychogramm einer zerrütteten Familie

Die Schauspielerin und Regisseurin Ina Weisse und ihr Debütfilm "Der Architekt"

Von Christian Geuenich

Filmszene aus "Der Architekt" mit Josef Bierbichler in der Hauptrolle (2008 Reverse Angle Pictures)
Filmszene aus "Der Architekt" mit Josef Bierbichler in der Hauptrolle (2008 Reverse Angle Pictures)

Seit 15 Jahren steht die Berliner Schauspielerin Ina Weisse vor der Kamera. Bislang hat sie vor allem für das Fernsehen gearbeitet. In dem Kinofilm "Der Architekt", der am 5. Februar anläuft, hat die 40-Jährige zum ersten Mal Regie geführt und auch das Drehbuch geschrieben.

"Ich bin schon immer, seit ich denken kann, Fahrrad gefahren, und ich fahre jetzt auch überall mit dem Fahrrad hin, ob es schneit oder nicht schneit, ist egal. Ich mach das einfach gerne, weil man sieht auch viel. Das ist schön."

Ina Weisse kommt mit leicht geröteter Nase in Rock, Stiefeln und wetterfester Jacke in ein Café in Berlin-Mitte. Die 40-Jährige blonde Schauspielerin und Regisseurin mit den hochgesteckten Haaren und dem blassen, ungeschminkten Gesicht steht nicht gerne im Rampenlicht und ist erleichtert, als der Kellner sich bereit erklärt, ihren Milchcafé und das heiße Wasser auch in die benachbarte menschenleere Galerie zu bringen.

"Oh, vielen Dank, Dankeschön."

Fünf Jahre hat Ina Weisse am Drehbuch für ihren Debütfilm "Der Architekt" gearbeitet. Das erste Buch, an dem sie allein zwei Jahre geschrieben hat, ist im Papierkorb gelandet.

"Was ich wirklich in der Zeit gelernt habe, ist, durchzuhalten und nicht aufzugeben, weil es gab immer mal wieder Momente, wo man denkt, man schafft das nicht, und das Schreiben gelingt nicht, dieses Buch ist die totale Qual, das ist furchtbar. Dass man sich immer wieder hoch holt und sagt Weitermachen!."

Im Zentrum von Ina Weisses hochkarätig besetztem Debütfilm steht ein Hamburger Architekt, der nur widerwillig mit seiner Frau und seinen beiden erwachsenen Kindern zur Beerdigung seiner Mutter in das abgelegene Tiroler Bergdorf seiner Kindheit fährt. 20 Jahre ist der Patriarch dort nicht mehr gewesen. Als eine Schneelawine das Dorf von der Außenwelt abschneidet und eine Rückfahrt unmöglich macht, beginnt die Fassade der scheinbar intakten Familie zu bröckeln.

"Die Familie ist eigentlich die kleinste gesellschaftliche Zelle, wo man am besten Dinge beobachten kann und am besten die einzelnen Gefühle der Leute untereinander sezieren kann. Dinge, die von den Eltern weitergegeben werden an die Kinder, wo die Kinder sich nicht mehr entziehen können und dieses Paket weiterschleppen, diese ganzen Dinge kann man da einfach sehr gut beobachten."

Ina Weisse zeichnet das Psychogramm einer zerrütteten Familie, erzählt eine Geschichte vom Weglaufen, von der Unfähigkeit zur Kommunikation, von nicht ausgetragenen verdeckten Konflikten, die einer nach dem anderen aufbrechen.

Architekt: "Hör mal zu, ich kenne die Hannah seit ihrer Geburt. Das ist halt so in einem kleinen Kaff, wo jeder jeden kennt. Dann haben wir uns zufällig mal irgendwo getroffen, es war eine Affäre, mehr war es nicht, glaub’s mir."
Ehefrau: "Ohne mich wärst du ein mickriger Versager. Du verdienst inzwischen mehr als du wert bist, und ohne meinen Vater hättest du gar nichts verdient."
Architekt: "Hör bitte auf damit!"
Ehefrau: "Wieso, stimmt das etwa nicht?"

"Themen sind für mich Schuld, Selbstbetrug, Suche nach Identität und dass man sich selbst nicht entkommen kann. Gerade die Hauptfigur, der Architekt, dass er sein Leben lang versucht hat, seiner Kindheit oder seinem Dorf zu entkommen, und am Ende holt ihn diese Vergangenheit wieder ein."

Ina Weisse ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Ihre Mutter ist Lehrerin an einem französischen Gymnasium, der Vater Architekt. Das hat ihr die Recherche für ihren Debütfilm erleichtert. Ina Weisse geht auf eine Waldorfschule, wo ihre Kreativität gefördert wird und sie schon früh auf der Bühne steht, Geige spielt oder tanzt. Mit ihrem Vater dreht sie Super-8-Filme, er muss die Kamera machen, der Rest der Familie mit ihr nach ihren Anweisungen spielen.

"Also Filme habe ich früh geguckt, mein Vater und meine Mutter sind mit mir immer ins Kino gegangen, aber ich habe Fernsehen sehr spät geschaut, im Waldorf durfte man nicht Fernsehen gucken. Man durfte auch nicht Fußballspielen, weil, wenn man den Ball tritt, dann könnte man auch jemanden auf der Straße treten."

Nach dem Abitur wird sie an der Otto-Falckenberg-Schule in München angenommen und studiert dort Schauspiel. Eigentlich möchte sie nach ihrem Abschluss auch noch Regie studieren, kann die Angebote der Münchner Kammerspiele und des Nationaltheaters in Mannheim allerdings nicht ablehnen. Mit 24 stellt sie fest, wie enttäuscht sie vom Theater ist und startet eine Art Selbstfindung.

"Das war eine Orientierungslosigkeit, dass ich nicht mehr wusste, wohin eigentlich mit dem Spielen und der Regie, ich wusste nicht genau, wohin ich gehöre. Dann habe ich gedacht, jetzt studiere ich erstmal Philosophie und denke erstmal nach. Was auch gut war, ich bin dann viel gereist, war in Tibet längere Zeit. Ich habe dann auch bei einem Mönch gewohnt und es war ... ja Selbstfindung klingt so wahnsinnig doof, aber irgendetwas davon hat es sicher gehabt."

Zwei Jahre studiert sie Philosophie in Heidelberg und an der Pariser Sorbonne, verdient ihr Geld als Schauspielerin im Fernsehen und besinnt sich schließlich auf ihren alten Traum. Mit 32 Jahren beginnt sie ein Regiestudium an der Media School in Hamburg und erhält für ihren Abschluss-Kurzfilm den First Steps Award. Als Schauspielerin möchte die Drehbuchautorin und Regisseurin trotzdem weiter arbeiten.

"Für mich war immer der Horrorsatz: Schuster bleib bei deinen Leisten."

Filmemachen und Geschichtenerzählen das sei für sie einfach die beste Möglichkeit, Dinge, die sie beobachtet, in eine Form zu bringen, sie zu verarbeiten, besser zu verstehen, Fragen zu stellen.

"Das ist im Enddefekt eine Faszination für Leute. Also ich könnte mich hier stundenlang hinsetzen und gucken. Was Leute so treiben, wie die sich bewegen, wie so der Verlauf von einem Gespräch ist, wann es laut wird, wann leise, das ist wie eine Musik manchmal. Ich finde das irre spannend."

Ina Weisse, die mit ihrem Freund in Berlin-Mitte lebt, hat einen großen Bewegungsdrang, geht gerne schwimmen, segeln oder alleine in die Berge wandern, um die Gedanken schweifen lassen. Gerade sitzt sie allerdings ganz diszipliniert mit festen Arbeitszeiten an einer Geschichte, die in nur einer Nacht in Berlin spielen soll. Als Ausgleich tobt sie sich dann in den Schreibpausen bei Finnischem Tango aus.

"Ich spiele wahnsinnig gerne Akkordeon. Ich lerne es gerade. Ich habe irre lange Geige gespielt, aber nie besonders gut. Also bei Geige musst du wirklich jeden Tag üben, sonst klingt es grausam, und bei Akkordeon ist der Vorteil, dass die Tasten schon da sind, bei der Geige musst du erst den Ton mit deinem Finger finden. Und das übe ich gerade leidenschaftlich. Auch noch nicht besonders gut, aber das wird."

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