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Therapieland | Beitrag vom 01.10.2019

Psychisch krankDie Ohnmacht der Angehörigen

Von Pia Rauschenberger und Thorsten Padberg

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Die Illustration zeigt zwei Kaffeetassen auf einer Tischdecke. Zwischen den Tassen ist ein Graben aufgebrochen, zwei goldene Ringe fallen in den Bruch zwischen den Tassen. (Illustration: Dragan Denda)
Eine Psychotherapie kann auch die Beziehung zu den Mitmenschen verändern, teils sogar Beziehungen zerbrechen lassen. (Illustration: Dragan Denda)

Wenn Menschen eine Psychotherapie anfangen, wissen ihre Angehörigen normalerweise davon. Oft sind sie sogar verantwortlich dafür, dass sich jemand in Therapie begibt. Für Burcu wird jedoch die Belastung, die damit einhergeht, zu groß.

"Was ich häufig höre ist, dass Klienten kommen und sagen 'Da hat mir jemand geraten: Hör mal, das geht so nicht mehr weiter. Tu was.", erklärt Verhaltenstherapeut Thorsten Padberg.

Burcu ahnte nichts von der Krankheit ihres Mannes

Bei Burcu (Name geändert) war das anders. Als sie ihren Mann heiratete, wusste sie nicht, dass er regelmäßig eine Psychiaterin sieht, die ihm Medikamente verschreibt, da er eine Schizophrenie hat: "Er hat viel verschwiegen. Er hat mir eigentlich nur erzählt, dass er keinen Stress aushalten kann, empfindlich ist und Medikamente nimmt."

Erst als ihr Mann in die Psychiatrie kommt, erfährt sie seine Diagnose. Burcu ist schockiert, als sie erfährt, dass ihr Mann keine Therapie macht, sondern nur Medikamente nimmt. Sie fängt sofort an, ihm eine Psychotherapie zu suchen – und hat Erfolg.

Ihr Mann bekommt einen Platz bei einem Psychotherapeuten. Ein paar Wochen lang sind die Eheleute zufrieden. Burcus Mann hat das Gefühl, dass ihm jemand zuhört und Burcu fühlt sich befreit davon, immer die erste Ansprechpartnerin für alle Probleme ihres Mannes zu sein.

Ausgeschlossen aus der Therapie

Nach einiger Zeit bekommt Burcu aber den Eindruck, dass sie als Ehefrau außen vor gelassen wird: "Das Problem ist, dass ich als Mitbewohnerin, als Lebenspartnerin nicht befragt werde." Burcu beschließt, dass sie den Psychotherapeuten ihres Mannes treffen sollte und begleitet ihren Mann zur Therapie.

"Ich bin dann einfach rein und habe dann auch Fragen gestellt, was jetzt Sache ist. Ich wollte zum Beispiel einen Krisenplan mit dem Therapeuten abmachen." Aber der Therapeut ihres Mannes reagiert eher skeptisch auf Burcus Vorgehen. "Und dann guckt der Therapeut: 'Ach, die Ehefrau ist auch da.' Und ich sage: 'Ja, frag mich auch mal, wie er gerade ist. Du fragst immer den Patienten. Aber der Patient ist krank. Er kann auch mal was verdrehen.'"

Angehörige in die Therapie einbinden

Die Sicht der Angehörigen anzuhören, kann hilfreich sein für einen erfolgreichen therapeutischen Prozess – solange die Angehörigen den Patienten wohlwollend gegenüber stehen. Der Verhaltenstherapeut Thorsten Padberg versucht, Angehörige in die Psychotherapie mit einzubeziehen: Mütter, Väter, Partner der Patientinnen und Patienten.

Dazu sei aber ein wenig Vorbereitung nötig: "Ich brauche irgendwie eine grundlegende Idee, wozu das Treffen dienen soll. Wenn da jetzt plötzlich in den eigentlich geschützten Therapieraum jemand eindringt und sagt 'Was ihr hier macht, ist eigentlich nicht in meinem Sinne" ist das quasi nicht mehr Therapie." Der entscheidende Faktor sei immer der Klient. "Er ist mein Auftraggeber."

Nebenwirkungen in der Psychotherapie

In letzter Zeit wird immer wieder über Nebenwirkungen in der Psychotherapie debattiert. Die Debatte bezieht sich auch auf die Auswirkungen einer Psychotherapie auf die Beziehung zu den Angehörigen.

Thorsten Padberg empfindet den Begriff "Nebenwirkung" in diesem Zusammenhang allerdings ungeeignet: "Die Nebenwirkung ist die Hauptwirkung. Man kann diesen Begriff aus der Medizin in die Psychotherapie meiner Meinung nach nicht so unschuldig übertragen."

Eine Psychotherapie verändert die Beziehung zu den Mitmenschen, aber das sei Teil der psychotherapeutischen Wirkung. Da passiere es auch manchmal, dass Beziehungen während einer Therapie auseinander brechen, sagt Thorsten Padberg: "Zum Einen dadurch, dass Leute sich auf einmal stärker fühlen und denken 'Okay ich brauche diese Beziehung, unter der ich vorher schon gelitten habe, nicht mehr, und jetzt habe ich auch die Kraft, da rauszugehen.'"

Andererseits fühlten sich einige Angehörige durch eine Therapie befreit zu gehen, wenn sie das Gefühl hätten, ihr Partner werde nun durch einen Therapeuten versorgt.

Unterstützung auch für Angehörige

"Da kommen wir wieder zu der grundlegenden Frage: Wer hat eigentlich therapeutische Unterstützung verdient?" sagt der Therapeut Thorsten Padberg. "Und ich glaube, wenn wir die Geschichte hören, ist klar, dass Burcu Unterstützung verdient und sie auch dringend braucht."

Angehörige können zwar nicht automatisch am therapeutischen Prozess teilnehmen. Sie können sich aber in Selbsthilfegruppen organisieren oder selbst von Fachleuten beraten werden. Burcu hat sich in einem Verein für Angehörige psychisch kranker Menschen Hilfe geholt und fühlt sich dort aufgehoben. Sie lebt nach wie vor getrennt von ihrem Mann. Ihr gehe es besser so, erzählt sie: "Er ist für mich der Patient."

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