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Interview / Archiv | Beitrag vom 18.09.2017

Prozess wegen unterlassener HilfeleistungGesellschaftliches Klima "wird sehr viel kälter"

Andreas Zick im Gespräch mit Nicole Dittmer und Julius Stucke

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Eine Seniorin mit Gehbehinderung allein unterwegs (imago stock&people)
Eine Seniorin mit Gehbehinderung allein unterwegs (imago stock&people)

Drei Bankkunden ignorieren einen 83-Jährigen, der neben den Geldautomaten zusammengebrochen ist. Nun wurden sie verurteilt. "Kein Ausnahmefall", kommentiert der Gewaltforscher Andreas Zick. Die Gesellschaft sei immer stärker von Kosten-Nutzen-Denken geprägt und von Vorurteilen.

Ein 83-jähriger Mann bricht im Vorraum einer Bank zusammen, drei Kunden steigen über ihn hinweg oder gehen um ihn herum, um Geld am Automaten abzuheben. Niemand hilft. Dies geschah im Oktober 2016 in Essen. Die Kunden wurden nun wegen unterlassener Hilfeleistung zu Geldstrafen von 2.400, 2.800 und 3.600 Euro verurteilt. Der Mann war später im Krankenhaus gestorben.

"Das ist kein Ausnahmefall", sagt Andreas Zick, Sozialpsychologe an der Universität Bielefeld und Professor für Konflikt- und Gewaltforschung, im Deutschlandfunk Kultur. In der Kriminalstatistik der Polizei seien 2016 rund 1600 Fälle gezählt worden. Das seien zwar 78 weniger als im Vorjahr, aber es gebe eine Zunahme an Gewalt, so Zick.

"Unterlassene Hilfeleistung ist für viele Gruppen, die wir als Minderheiten bezeichnen, Alltag. Insofern ist das überhaupt kein Ausnahmefall."

Auf die Frage, wie so ein Fall wie der in Essen zu erklären sei, sagt Zick: 

"Das war zunächst mal so ein klassischer Fall, den wir auch in den Lehrbüchern für die Studierenden wiederfinden. Klassischer Fall, wo die erste Stufe der Zivilcourage nicht genommen wurde: Die Aufmerksamkeit richten! Die Leute waren auf ihre Geldgeschäfte fokussiert. In dem Moment wollten sie ihr Geschäft abwickeln. In der Situation: Sie richten nicht ihre Aufmerksamkeit darauf. "

"Warum soll ich einem alten Mann helfen?"

Außerdem hätten sie die Situation falsch interpretiert:

"Einige sagen: Na ja, da lag ein Obdachloser."

Auch dem aber hätten sie helfen müssen, betont Zick. 

"Die meisten Menschen wissen gar nicht, dass unterlassene Hilfeleistung ein Straftatbestand ist. Und dann muss ich die Verantwortung übernehmen. Und dann kucke ich mich um: Keiner hilft, also helfe ich auch nicht." 

Zudem fehle vielen Menschen das Wissen um Hilfe-Strategien.

"Und natürlich ist es dann auch ein ganz bewusste Übersehen. Wir sehen in der Gesellschaft eine stärkere marktförmige Orientierung. Etwa 25 Prozent denken, unsere Gesellschaft ist geprägt von Kosten-Nutzen: Warum sollte ich jetzt so einem alten Mann helfen? Menschliche Fehler können wir uns nicht mehr leisten. Menschen, die wenig nützlich sind, könne sich Gesellschaft nicht leisten.

Das heißt, in unseren Studien vertreten sehr viele Menschen so eine knallharte Marktlogik in der Gesellschaft. Und das erklärt, warum sie die ältere Person auf dem Boden auch gar nicht als hilfsbedürftig wahrnehmen."

Neben individueller Inkompetenz sei auch ein gesellschaftlicher Prozess im Gang:

"Es wird sehr viel kälter. Wir beurteilen viele Gruppen nach Kompetenz, nach dem, was sie bringen. Und darunter leiden Gruppen, die wir als weniger nützlich betrachten. So hart ist es."

Grenzen für "überbordend leistungsorientiertes Denken"

Die aktuelle politische Stimmung der Unzufriedenheit spiele "eine Riesenrolle". Studien zeigten, dass es trotz der zurückgehenden Zahl an ankommenden Flüchtlingen einen Anstieg an Vorurteilen gebe. Um dem entgegenzuwirken, sei es etwa wichtig, Vorurteilen entgegenzuwirken.

"Ich glaube, dass die Frage ist, wie wir über Solidarität in der Gesellschaft reden können und das entkoppeln können von massiven Vorurteilen. Bei unterlassener Hilfeleistung spielen in der Regel massive Stereotype und Vorurteile eine Rolle. Davon müssen wir weg." 

Außerdem müsse man Grenzen finden "für so ein überbordend leistungsorientiertes Denken". 

(abr)

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