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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 10.08.2018

Prozac & Co.Gute Laune auf Rezept

Von Thorsten Padberg

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Tabletten (imago/blickwinkel)
Stimmungsaufheller aus dem Arzneischrank: In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der vom Arzt verschriebenen Antidepressiva verdoppelt (imago/blickwinkel)

Ein Recht auf Rausch gibt es nicht - und schon gar kein Recht auf gute Laune durch Drogen. Handelt es sich bei den Stimmungsaufhellern aber um Medikamente, sieht die Sache anders aus. Auch wenn Antidepressiva ähnlich wirken wie die Partydroge Ecstasy.

Unsere Gesellschaft tut sich schwer mit guter Laune, wenn sie durch selbsterzeugte Vergiftung zustande kommt, sprich: durch Drogen. Es gibt nämlich kein grundsätzliches "Recht auf Rausch". Das entschied 1994 das Bundesverfassungsgericht. Wer es sich mittels Cannabis gut gehen lassen will, der darf solche Drogen nur in (Zitat) "geringen Mengen" nutzen, urteilten die Richter. Dein Rausch gehört dir, aber bitte nur in Maßen. Am nächsten Tag wartet schließlich die Arbeit. Wer mittels bewusstseinsverändernder Substanzen für bessere Stimmung sorgen will, muss deshalb triftige Gründe dafür haben.

Bundesverfassungsgericht: Kein grundsätzliches Recht auf Rausch

Ein solch triftiger Grund könnte die Gesundheit sein. Wenn im Gehirn krankheitsbedingt ein Ungleichgewicht herrscht, dann darf man nicht nur selber in den eigenen Hirnstoffwechsel eingreifen, man muss es geradezu: Gesundheit ist eine wichtige Voraussetzung für den Erhalt der Arbeitsfähigkeit.
Vielleicht wird deshalb die Idee so bereitwillig aufgenommen, psychische Krankheiten seien eigentlich auf ein chemisches Chaos im Kopf zurückzuführen, das es zu heilen gilt. So wird u.a. behauptet, Depressionen seien das Produkt eines Ungleichgewichts des Neurotransmitters Serotonin. 

Antidepressiva erzeugen Ungleichgewichte im Gehirn*

Die chemischen Stimmungsaufheller, die man dagegen einnimmt, nennt man nicht Drogen, sondern Medikamente. Und um sie zu kaufen, muss man nicht in eine dunkle Ecke des Stadtparks gehen, sondern in die Apotheke. Dort gibt es einen gesicherten Nachschub auf Rezept.
Antidepressiva zum Beispiel sorgen für eine bessere Verfügbarkeit von Serotonin im Gehirn. Aus ihrer hilfreichen Wirkung schließt man, Depressionen seien das Produkt eines Serotoninmangels. Das ist, als würde man aus der hilfreichen Wirkung von Aspirin schließen, Kopfschmerzen seien das Produkt eines Aspirinmangels. Das klingt nach offensichtlichem Unsinn. Antidepressiva gleichen eben keine Ungleichgewichte im Gehirn aus. Sie erzielen ihre Wirkung, indem sie eines herbeiführen.

Zahl der verschriebenen Antidepressiva steigt dramatisch

Darin ähneln sie der Partydroge Ecstasy. Beide Substanzen greifen in den Stoffwechsel von Serotonin ein, nur in unterschiedlichem Ausmaß. Das Ergebnis ist jedoch vergleichbar: Der Konsument fühlt sich besser. Der Depressionsforscher Peter Kramer hörte deshalb von seinen Patienten immer wieder, dass sie erst nach Einnahme des Antidepressivums Prozac "wirklich sie selbst" seien. Nämlich "kontaktfreudig", "selbstbewusst" und "zuversichtlich". Ein wenig wie auf Droge eben. 

Kleiner Rausch auf Rezept: Gesellschaftlich akzeptiert

Laut Techniker Krankenkasse hat sich die Zahl der vom Arzt verschriebenen Antidepressiva in Deutschland von 2007 bis 2017 verdoppelt. Sie heilen nicht, sondern sorgen durch chemische Stoffe der Pharmaindustrie dafür, dass wir wieder funktionieren. Im Gegensatz zur Einnahme von Drogen wie Cannabis ist aufgehellte Stimmung auf Rezept nicht nur akzeptiert, sondern gesellschaftlich gewollt: Ein ganz, ganz kleiner Rausch, gerade groß genug, um uns wieder zurück an die Arbeit schicken zu können.

*) Die Zwischenüberschrift wurde redaktionell überarbeitet.

Thorsten Padberg arbeitet als Verhaltenstherapeut, Dozent und Supervisor in Berlin. Er beschäftigt sich mit der Wirksamkeit und den gesellschaftlichen Auswirkungen von Psychotherapie, Psychiatrischer Diagnostik und Psychopharmaka. Er arbeitet als freier Journalist für verschiedene Medien sowie wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Zeitschriften.

Mehr zum Thema

Antidepressiva - Befreiung aus lethargischen Zuständen
(Deutschlandfunk, Sprechstunde, 03.07.2018)

Drogen in der Medizin - Rausch auf Rezept
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 05.04.2018)

Psychiater Ulrich Hegerl - "Eine Depression ist keine Befindlichkeitsstörung"
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 28.11.2017)

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