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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.06.2010

Provokante ökologische Thesen

Josef H. Reichholf: "Naturschutz. Krise und Zukunft", Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 170 Seiten

Anlger dürfen der Natur schaden, soviel sie wollen, bemängelt der Autor. (AP)
Anlger dürfen der Natur schaden, soviel sie wollen, bemängelt der Autor. (AP)

Die Bestimmungen, mit denen hierzulande Pflanzen und Tiere bewahrt werden sollen, sind oft weltfremd, bürgerfeindlich oder einseitig lobbygeprägt, kritisiert der Zoologe und Ökologe Josef Reichholf. Der Naturschutz sei deswegen weitgehend wirkungslos.

Angenommen, Sie laufen durch die Natur, und mitten auf dem Weg liegt eine hübsche Vogelfeder. Unterstehen Sie sich, sie aufzuheben! Der Artenschutz verbietet es. Dass man im Naturschutzgebiet keine Blumen pflücken soll, weiß man. Der Bauer aber fegt mit seinem Mähbalken über die Wiese und zerhackt die seltensten Orchideen. Der Artenschutz erlaubt es.

Absurde Welt. Doch die Bestimmungen, mit denen hierzulande Pflanzen und Tiere geschützt werden, sind oftmals weltfremd, bürgerfeindlich, einseitig lobbygeprägt oder wirkungslos. Das jedenfalls ist die Quintessenz des neuen Buches des Münchner Ökologen Josef Reichholf. Unter dem Titel "Naturschutz" rechnet er mit dessen Ungereimtheiten ab, schonungslos, wie man es von ihm kennt. Sein Resümee: So wie Naturschutz derzeit ausgestaltet wird, ist er weitgehend wirkungslos.

Das liegt vor allem daran, dass die Natur nur vor den Bürgern geschützt wird. Interessengruppen wie Angler, Jäger und Bauern können ihr dagegen soviel schaden, wie sie wollen. Jeder Angler darf mitten in den Brutgebieten geschützter Wasservögel angeln. Ornithologen und Wissenschaftler brauchen dafür eine Sondergenehmigung. Dasselbe gilt für die Jagd. So darf zum Beispiel das Rebhuhn, das extrem selten geworden ist, abgeschossen werden.

Auch die Landwirtschaft kennt keine Beschränkungen. Sie kann ihre Wiesen mähen, selbst wenn die Messer die Nester rarer Wiesenvögel zerfetzen. Wenn Pestizide und Dünger zahllosen bedrohten Insekten und Ackerwildkräutern den Garaus machen, wird sie dafür nicht zur Rechenschaft gezogen. 90 Prozent aller Beeinträchtigungen, schreibt Reichholf, gehen auf das Konto der Landwirte. Zu Recht fragt er, was dann der Naturschutz eigentlich noch schützen kann.

Zudem vergaloppiert sich der Naturschutz oftmals. Heftig wurde von Naturschützern der Großflughafen München bekämpft. Heute lebt direkt neben den Flugbahnen die bayerische Kolonie des Großen Brachvogels, und 200 Lerchenpaare haben hier Zuflucht gefunden – beides stark bedrohte Vogelarten. Angesichts ausgeräumter Landschaften erweisen sich Industriebrachen und Städte als Überlebensrefugien seltener Arten.

Josef Reichholf fragt in seinem sehr gut lesbaren Essay wiederholt, wie der vom Naturschutz angestrebte Naturzustand eigentlich aussehen soll. Natur ist in ständigem Umbruch, und sie ist nicht zuletzt von Menschen gemacht. Es gibt keine Wildnis in Deutschland. Wir leben inmitten einer Kulturlandschaft. Wollen wir jene Landschaften, die wir als schön empfinden, so erhalten, dann müssen wir eingreifen.

Landschaftsschutz ist also eigentlich Denkmalsschutz, schlussfolgert Reichholf. Daran findet er nichts verkehrt. Das Streben nach Ästhetik und Schönheit sind keineswegs ehrenrührige Motive. Da der Staat beim Schutz oft versagt, plädiert der Ökologe zudem für private Naturschutzgebiete, in denen die Menschen an die Natur herangeführt werden können, statt ausgesperrt zu bleiben. Ein Buch mit vielen gut begründeten, provokativen Thesen. Ein Lesegenuss für alle, die die Natur lieben.

Besprochen von Johannes Kaiser

Josef H. Reichholf: Naturschutz. Krise und Zukunft
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010
170 Seiten, 10 Euro

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