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Profil / Archiv | Beitrag vom 01.11.2011

Provokante Gender-Performerin

Die Berliner Performance-Künstlerin Bridge Markland

Von Vanja Budde

Bridge Markland als Riichter Adam in der Kleist-Bearbeitung  "krug in the box" (Dirk Holtkamp-Endemann)
Bridge Markland als Riichter Adam in der Kleist-Bearbeitung "krug in the box" (Dirk Holtkamp-Endemann)

Die Schauspielerin Bridge Markland ist eine der schillerndsten Gestalten der freien Theater-Szene Berlins. Mit frechen Gender-Performances hat sie sich einen Namen gemacht, derzeit tourt sie mit Stücken von Goethe und Kleist durch Deutschland und die USA.

Mann oder Frau? Auf den ersten Blick ist das schwer zu sagen angesichts des glatzköpfigen Wesens in Hosen da auf der Bühne. Bridge Markland spielt in Heinrich von Kleists einziger Komödie um einen zerbrochenen Krug den Dorfrichter Adam. Später dann – bei blitzschnellem Perücken- und Kleiderwechsel - aber auch die weiblichen Figuren. Sie stimmt dabei Mimik und Gestik Sekunden genau auf den Originaltext ab, der als Playback ertönt - immer wieder unterbrochen von inhaltlich passenden Schlagern, Chansons und Pop-Songs.

"Krug in the Box" heißt die rasante Collage, weil Bridge Markland um einen Pappkarton herum spielt. Darin sitzt Schreiber Licht als Handpuppe und kommentiert das Geschehen. Diese Kiste hat Marklands Reihe "classic in the box" ihren Namen gegeben. Stücke von Schiller und Goethes "Faust" hat sie ebenso frech in Einzelteile zerlegt und mit Musik zur Performance aufgemischt.

"Dafür sind meiner Meinung nach Klassiker da, dass man inzwischen alles mit ihnen machen kann. Weil sie so ins allgemeine Volksgut und in das Bildungswissen eingegangen sind, dass sie da so einen Grundstock bilden und dass man spielerisch mit ihnen umgeht."

Auf der Bühne war Bridge Markland ein irrlichterndes Chamäleon voller Energie. Zwei Tage später sitzt sie an einem grauen Samstagnachmittag in Fleecehemd und Jogginghose zu Hause auf dem lila Sofa, trinkt Ingwertee und lutscht Halsbonbons. Die Erkältung tut ihrer Erzählfreude aber keinen Abbruch.

Auf der Glatze trägt sie ein wärmendes Strick-Käppchen, das Gesicht darunter ist fein geschnitten, mit warmen braunen Augen, Adlernase und schmalen Lippen. Bridge Markland ist 50 Jahre alt, sieht aber sehr viel jünger aus. Obwohl sie sich seit einem Vierteljahrhundert auf der Bühne verausgabt. Vielleicht, weil sie immer ziemlich wild, aber gesund gelebt hat, während um sie herum massiv gekokst und gesoffen wurde.

"Ich habe keine einzige Droge angefasst in meinem Leben. Oder beziehungsweise: Ich hab sie angefasst, hab mir alles erklären lassen und dann hab ich sie zurückgegeben und hab gesagt ‚mach ich nicht‘. Weil ich ja schon wusste, intuitiv, und irgendwie in mir drin, Tanzen macht mich high. Und ich hab gedacht, das reicht."

Die Droge Tanz entdeckt sie mit elf auf einer Klassen-Fete. Sie spielt im Schultheater, gleich ihre erste Rolle ist ein Mann. Als Teenager im braven Berlin-Spandau schwärmt sie für David Bowie und ist fasziniert von allem Androgynen, das nicht eindeutig zugeordnet werden kann. Eigentlich will sie nach dem Abitur Schauspielerin werden, damals aber fehlt ihr noch das heute ausgeprägte Selbstbewusstsein: Sie lässt sich von der Konkurrenz in der Aufnahmeprüfung abschrecken, macht statt dessen eine Ausbildung zur Gymnastiklehrererin mit Schwerpunkt Tanz. Gleichzeitig tobt sie sich fast jede Nacht in den Szene-Clubs der achtziger Jahre aus.

"Das ist fast orgiastisch, eigentlich wie ein Orgasmus, den man durchs Tanzen und bewusste Körperwahrnehmung erleben kann, ohne dass man in dem Moment Sex hat und ohne dass man sich anfasst. Technomusik ist zum Beispiel für mich ne Musik, die das ganz stark auslösen kann."

Bridge Markland vereint in sich den Hang zu Grenzüberschreitung und Rollenspiel mit ausgeprägter Bodenständigkeit: Seit 28 Jahren ist sie nicht mehr umgezogen, sie braucht den Ankerplatz in einem sicheren Hafen, um immer wieder Kraft zu tanken für die intensive Ausstrahlung und manchmal fast bedrohliche Präsenz, die sie bei ihren Auftritten hat.

"Wer man ist – ich glaube, da ist man sein ganzes Leben lang mit beschäftigt. Meiner Ansicht nach sind wir alle multiple Persönlichkeiten. Und ich setze das um auf der Bühne und zeige das. Und ich liebe es, eben diese multiplen Persönlichkeiten auch in diesem wahnsinnig schnellen Wechsel zu spielen. Das ist ein Kick!"

In den neunziger Jahren tritt Bridge Markland mit einer Tanz-Theater-Company auf, pendelt zwischen Berlin und New York City, rasiert sich in einer Phase schlimmen Liebeskummers eine Glatze, die zum Markenzeichen wird, als sie mit provokanten Gender-Performances Aufmerksamkeit erlangt. In denen spielt sie mit den erotischen Klischees von Weiblichkeit und Männlichkeit und turnt halb nackt durchs Publikum. Mit angestaubten Klassikern hat sie nicht viel am Hut. Doch dann kam das Schiller-Jahr 2005 und der Auftrag, sich dazu etwas einfallen zu lassen.

"Ich so: ‚Äh – Schiller? Ach du liebe Güte! Hab ich ja noch nie gemacht, was denn jetzt?"

Aber da Markland es liebt, Neuland zu betreten, hat sie sich die Klassiker zu Eigen gemacht. Und so wechselt sie unbefangen zwischen Sub- und Hochkultur hin und her und lässt sich in keine Schachtel sperren.

Bridge Markland

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