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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 02.12.2015

Provenienzforschung"Auktionshäuser sind extrem vorsichtig geworden"

Von Rudolf Schmitz

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Türschild mit der Aufschrift Cornelius Gurlitt. (dpa / Barbara Gindl)
Die Kunstsammlung von Cornelius Gurlitt hat für viel Wirbel gesorgt. (dpa / Barbara Gindl)

Lange sperrten sich viele Akteure des Kunstmarkts vor einer offenen und transparenten Aufarbeitung ihrer Bestände. Dies taten sie unbemerkt von der Öffentlichkeit, bis 2012 die Causa Gurlitt durch die Presse ging. Aber was hat sich konkret seitdem verändert?

Für den Amerikaner Ronald Lauder, Präsident des jüdischen Weltkongresses, ist der Fall klar. Ohne Gurlitt, so behauptete er, wüssten die Deutschen und die ganze Welt nicht, dass es hier immer noch Kunst gibt, die in der Nazi-Zeit gestohlen und bis heute nicht zurückgegeben wurde. Und jetzt endlich packe die Politik das Thema NS-Raubkunst an. Die allerdings müsse die Verjährungsfrist für Raubkunstfälle aufheben, um endlich die "Fortführung der Verbrechens Hitlers" zu beenden. Drastische Worte. Doch selbst der Kunstmarkt scheint sich nach der Affäre Gurlitt neu zu orientieren. Rose-Maria Gropp, die ihn für die Frankfurter Allgemeine Zeitung analysiert, beobachtet eine deutliche Reaktion:

"Der Kunstmarkt ist ein Geschäftsmodell, und da geht es natürlich um Maximierung des Umsatzes. Das hat sich geändert, würde ich sagen, seit dem Washingtoner Abkommen. Jedenfalls seit es diese größere Sensibilisierung in der Öffentlichkeit gibt für nationalsozialistische Raubkunst. Inzwischen, zumindest was größere Einlieferungen angeht, gehen die Auktionshäuser international sehr viel sorgfältiger damit um. Sie haben eigene Provenienzforscher angestellt und sie sind extrem vorsichtig geworden in diesem Bereich mit solchen Verkäufen."

Auch für die deutschen Museen ist die Restitutionsforschung inzwischen zum wichtigen Thema geworden. Doch sie wird mit sehr unterschiedlichem Eifer betrieben. Vorbildlich ist die Kunsthalle Hamburg, die schon seit dem Jahr 2000 eine Restitutionsforscherin beschäftigt. Auch das Frankfurter Städel-Museum untersucht die Herkunft seiner Kunstwerke seit zehn Jahren, fünf Werke sind zurückgegeben worden. Hessen hat als erstes Bundesland in Wiesbaden eine Zentralstelle für Provenienzforschung eingerichtet. In Bayern tut man sich schwerer mit dem Thema. Die Münchener Pinakothek der Moderne, in der sich neun Gemälde befinden, die vermutlich dem jüdischen Kunsthändler Alfred Flechtheim abgepresst wurden, möchte sich zu dem Thema derzeit nicht äußern.

Museen und Sammlungen wollen Ansprüche auf Verluste anmelden

Allerdings haben 60 Prozent aller deutschen Museen noch nicht einmal begonnen, ihre Depotbestände zu sichten, von Restitutionsforschung ganz zu schweigen. In Reaktion auf jene Werke aus dem Gurlitt-Bilderfund, die ins Internet, in die Lost-Art-Datenbank gestellt wurden, haben sich nun einige Museen und Sammlungen zu Wort gemeldet. Sie wollen Ansprüche auf Verluste anmelden, die sie bei der Nazi-Aktion "Entartete Kunst" erlitten haben. Unter anderem die Kunsthalle Mannheim, die dort ihren vermissten Kirchner-Holzschnitt "Melancholisches Mädchen" entdeckte. Dazu Sammlungsleiterin Inge Herold:

"Ob es noch weitere, vermutlich Arbeiten auf Papier in diesem ganzen Fundus gibt, ist bislang nicht klar. Und da erhoffen wir uns natürlich Klarheit. Und natürlich erhoffen wir uns auch, wenn die ganzen Besitzverhältnisse geklärt sind, dass dieses Kirchner-Blatt dann auch mal wieder in die Kunsthalle Mannheim zurückkehrt."

Bisher haben nur wenige den Gurlitt-Bilderfund, der so viel Aufsehen erregt hat, wirklich zu Gesicht bekommen. Rein Wolfs, der niederländische Intendant der Bonner Bundeskunsthalle - Verantwortungsbereich Kulturstaatsministerin - macht da eine Ausnahme.

"Wir haben als Bundeskunsthalle Anfang des Jahres im Frühling, April war es glaube ich, haben wir das ganze Konvolut gesehen, protokolliert, fotografiert, dokumentiert, physisch begutachtet."

Denn Rein Wolfs möchte Ende 2016 der Öffentlichkeit endlich vor Augen führen, was da in München und Salzburg im Hause eines weltabgewandten und zunehmend verstört wirkenden Kunsthändlersohnes gefunden wurde. Rein Wolfs jedenfalls wünscht sich eine behutsame und aufklärerische Ausstellung. Auch um damit der Öffentlichkeit zu zeigen, dass die Affäre Gurlitt etwas Gutes gehabt hat:

"Plötzlich interessieren sich viel mehr Personen für Provenienzforschung, interessiert man sich dafür, wo Kunst eigentlich herkommt, und wie man die Herkünfte untersuchen muss."

Mehr zum Thema

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