Seit 15:05 Uhr Interpretationen

Sonntag, 12.07.2020
 
Seit 15:05 Uhr Interpretationen

Studio 9 | Beitrag vom 29.02.2020

Proteste beim französischen FilmpreisPolanski erhält César für beste Regie

Von Sabine Wachs

Beitrag hören Podcast abonnieren
Frauen demonstrieren in Paris während der César-Verleihung gegen die Nominierung des Regisseurs Roman Polanski, der sich seit Jahren mit Vergewaltigungsvorwürfen konfrontiert sieht. (picture alliance/ZUMA Press)
Frauen demonstrieren während der César-Verleihung gegen die Ehrung des Regisseurs Roman Polanski, der sich mit Vergewaltigungsvorwürfen konfrontiert sieht. (picture alliance/ZUMA Press)

Trotz Protesten ist der umstrittene Filmemacher Roman Polanski in Paris mit dem César ausgezeichnet worden. Er erhielt den renommierten französischen Preis in der Kategorie „Beste Regie“ für seinen Film über die Dreyfus-Affäre.

Es war die vorletzte Verleihung des Abends, die dann doch noch zum Eklat führte. Der Preis für den besten Regisseur ging an Roman Polanski für "J’accuse", der in Deutschland unter dem Titel "Intrige" in den Kinos läuft.

Während sich viele im Saal noch nicht so recht entscheiden konnten, ob sie nun applaudieren sollten oder nicht, verließ die französische Schauspielerin Adèle Haenel, nominiert für die beste weibliche Hauptrolle, demonstrativ den Saal. Andere Frauen folgten ihr.

Haenel hatte Ende 2019 die Metoo-Debatte in Frankreich neu entfacht. Polanski auszuzeichnen, sagte sie im Vorfeld, sei ein Schlag ins Gesicht aller Opfer.

Es war der dritte César für Polanskis Film an diesem Abend. Und wie bereits vor der Preisverleihung gab es auch danach große Proteste vor dem Pariser Veranstaltungsort Salle Pleyelle.

Polanski hatte Teilname an Preisverleihung abgesagt

Obwohl Star-Regisseur Polanski bereits einen Tag zuvor seine Teilnahme an der Preisverleihung abgesagt hatte, waren mehrere hundert Menschen dem Aufruf von feministischen Organisationen gefolgt, hielten Transparenten hoch und skandierten: "Polanski – Vergewaltiger" oder "Die Césars der Schande".

Drinnen im Salle Pleyel bezog Moderatorin Florence Floresti klar Stellung. Bissig und bitterböse nahm die Schauspielerin und Komikerin kein Blatt vor den Mund. Sie forderte die Filmschaffenden im Saal auf, sich genau zu überlegen, wie sie auf Césars für Polanski reagieren wollten:

"Um hier heute einen gemütlichen Abend zu verbringen, müssen wir ein Thema klären, sonst werden wir an einem bestimmten Punkt ein Problem kriegen. Genauer gesagt: an zwölf Punkten."

Mit zwölf Nominierungen war Polankis Film absoluter Spitzenreiter. Floresti stellte direkt zu Beginn der Preisverleihung klar, dass sie den Namen des Regisseurs an diesem Abend nicht in den Mund nehmen werde, erwähnte "J’ accuse" bei der Aufzählung der nominierten Filme nicht.

45. César-Verleihung in der Salle Pleyel in Paris: Die Schauspielerin Adele Haenel verlässt den Saal. (picture alliance / Berzane Nasser / abaca)Die Schauspielerin Adele Haenel verlässt während der Preisverleihung den Saal. Sie hatte Ende 2019 die MeToo-Debatte in Frankreich neu entfacht. (picture alliance / Berzane Nasser / abaca)

Warum Polanskis Film, trotz der Vergewaltigungsvorwürfe vom November 2019 gegen den Regisseur, zwölf Mal für den César nominiert wurde, erklärte Sandrine Kiberlain, Präsidentin der Preisverleihung so:

"Alle Filme heute Abend zeigen unsere Welt und unser Land. Allen voran 'Die Wütenden', die uns in die Banlieus mitnehmen, 'J’accuse' erzählt von den Schrecken des Antisemitismus, der auch heute noch nicht gebannt ist. In 'Im Namen Gottes' geht es um die Pädophilie in der Kirche oder der Film 'Porträt einer jungen Frau in Flammen' zeigt, dass Frauen nicht selbst über ihr Leben bestimmen können."

Gesellschaftlich relevant waren große Teile der Preisverleihung. Die französische Schauspielerin Aïssa Maïga stellte die fehlende Diversität in der französischen Filmwelt ins Zentrum ihrer kurzen Rede und forderte das Publikum auf, seinen Geist zu öffnen. Immer wieder kritisierte die Moderatorin das noch immer männerdominierte Kino, das Frauen auch heute oft genug dazu degradiere, einfach nur hübsch auszusehen. 

Das Banlieu-Drama "Die Wütenden" von Regisseur Ladj Ly räumte vier César ab, unter anderem den für den besten Film und war der Sieger des Abends.

Ein Gespräch mit der Frankreich-Korrespondentin Sabine Glaubitz über den Eklat bei der César-Verleihung und die Folgen für die Metoo-Debatte in Frankreich hören Sie hier:

Interview

25 Jahre SrebrenicaGespaltenes Gedenken
Zineta Ibisevic hält ein Foto ihrer Kinder in den Händen. Die Familie Ibisevic hat ihre beiden Söhne 1995 beim Völkermord an Srebrenica verloren. (picture alliance / Anadolu Agency / Denis Zuberi)

Trotz aller Aufarbeitung: Auch 25 Jahre nach dem Massaker von Srebrenica gebe es immer noch eine Kultur des Leugnens, sagt die Historikerin Marie-Janine Calic: "Jede Gruppe zählt nur die eigenen Opfer, und die anderen sind immer nur der Täter."Mehr

weitere Beiträge

Frühkritik

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur