Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Samstag, 19.10.2019
 
Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.07.2009

Protest aus der Ferne

Solidaritätskonzert vom "Netzwerk junger Iraner" in Berlin

Von Johannes Fischer

Podcast abonnieren
Bilder mit blutigen Händen wurden während des Konzerts an die Wand projiziert. (AP)
Bilder mit blutigen Händen wurden während des Konzerts an die Wand projiziert. (AP)

Nach der Rede des iranischen Geistlichen Akbar Rafsandschani demonstrierten wieder Hunderttausende auf den Straßen Teherans. Auch in Deutschland wollten die Mitglieder des "Netzwerks junger Iraner" ihrem Protest Ausdruck verleihen. In Berlin fand zuletzt ein Solidaritätskonzert statt.

Sara Dechordi wirkt angespannt. Nie bleibt sie lange am gleichen Fleck. Wenige Stunden vor Beginn des Solidaritätskonzerts im Ballhaus Ost in Berlin-Prenzlauer Berg ist noch viel zu machen. Dass der iranische Geheimdienst heute Abend garantiert wieder mit dabei sein wird, lässt die 26-Jährige allerdings kalt.

"Die sind auch willkommen. Das heißt, wir haben keine Angst. Die sollen ruhig sehen, wie diese Bewegung sich gerade mobilisiert. Und wenn sie da sind, dann sind wir froh, dass sie sehen, dass wir nicht aufgeben."

Zu oft sah es im Iran nach Veränderung aus. Nach dem Freitagsgebet von Rafsandschani hofft die Studentin auch jetzt wieder, dass sich etwas tut. Aber sie denkt auch daran, wie gefährlich der Protest ist. Kurz nach den Präsidentschaftswahlen in ihrer Heimat gründete sie mit anderen das "Netzwerk junger Iraner" in Berlin. Und sie erinnert sich an die erste Demonstration vor der iranischen Botschaft.

"Und das Interessante daran war eben, dass es das erste Mal war, seit den Anfängen der Revolution, wo Menschen mit ihren ganz unterschiedlichen Einstellungen, also Oppositionsiraner, Exiliraner, Migranten zweiter Generation und eben auch Studenten, die gerade frisch gekommen sind, dort standen und das Gefühl hatten, wir müssen jetzt alle miteinander was tun."

Das Netzwerk will Anlaufstelle für alle in Deutschland lebenden Iraner sein. Deswegen gibt es an diesem Abend auch keine Pamphlete oder Transparente. Nur klare Botschaften. Wie die Fotos von acht jungen Iranern. Fotos mit dicken schwarzen Rahmen, angeleuchtet von ein paar kleinen Kerzen. An die Wand des Saales werden Bilder mit blutigen Händen projiziert. Oder von Polizisten, die Demonstranten auf der Straße niederknüppeln. Und da sind die Songs des iranischen Musikers Shahin Najafi.

In seinen Songs erzählt er von Teheran. Von den Drogen, der Korruption, davon, dass sie nicht aufgeben werden. Dass man sie nicht mehr wie Vieh behandeln kann. Und auch sehr oft über Frauen.

"Um rauszufinden, ob es in einem Land wirklich Freiheit gibt, muss man sich mit der Lage der Frauen und deren Rechte beschäftigen."

Der 28-jährige Musiker lebt seit drei Jahren in Deutschland und nimmt gerade sein zweites Album auf. Im Iran durfte er nicht öffentlich auftreten.

"Das ist kein schönes Gefühl, weil die meisten Leute, die meine Musik hören, im Iran leben. Und wenn ich jetzt mitbekomme, dass Leute meine Musik hören in Städten, die ich nicht mal kenne, dann frustriert mich das, weil ich da nicht auftreten kann. Aber ich hoffe, dass sich die Situation im Iran ändert, damit ich dann wieder in meiner Heimat spielen kann."

Gerade für die jüngere Generation ist das offenbar das grundsätzlich Politische. Das sagen können, was man denkt. Die Musik hören, die man will. Ein paar ältere Exiliraner teilen diese Ansicht nicht unbedingt:

Mann: "Zum Beispiel, dass man heute von politischen Persönlichkeiten ein Statement lesen könnte. Am Anfang, ja..."

Frau: "Ja, aber so ist es nicht. Es gibt eine versteckte Botschaft unter diesem Konzert. Sie wollen nicht mit uns, mit ältere Generation... also zusammenarbeiten schon. Aber sie wollen sagen: Wir wollen jetzt nicht eure politische Meinung jetzt hier hören, ihr müsst unsere Botschaft hören."

Die jungen Iraner in Deutschland wollen ihre eigene Protestsprache finden. Das spürt man deutlich an diesem Abend. Auch bei der Aktivistin Sara Dechordi.

"Ich zweifle nicht daran, dass jeder einzelne Oppositionspolitiker der letzten 30 Jahre Freiheit und Demokratie möchte. Aber sie hat es nicht geschafft. Und dann muss man gucken, wo waren die Schwachpunkte und dass man die Fehler nicht wiederholt, aber auch, was haben sie richtig gemacht und woraus können wir lernen."

Sie will keine ideologischen Grabenkämpfe, sondern vor allem, dass die hier lebenden Iraner zusammenhalten. Die meisten der rund 400 Gäste an diesem Abend sind Iraner. Doch kommen darf jeder. Und daher sind auch einige Deutsche darunter, die ihren iranischen Freunden beistehen. Denn dieser Abend ist zwar eine Feier, aber keine Party. Es wird gelacht, aber trotzdem spürt man die Anspannung. Die Hoffnung und den Zweifel. Auch beim Zweck dieses Solidaritätskonzerts.

"Also ich glaube, das ist ein sehr individueller Prozess, der hier abgeht. Weil die Solidarität, die wir hier meinen, zu betreiben, ist ein Witz im Gegensatz zu dem, was die Iraner, die dort auf die Straße gehen, durchmachen. Ich glaube, es geht hier wirklich darum, dass man selber die eigenen Gefühle, die man zu diesen Protesten hat, irgendwie verarbeiten kann. Und das kann man halt am besten mit Leuten, die das wenigstens ein Stück weit nachvollziehen können."

Oder ist das auch nur Ausdruck der eigenen Ohnmacht? Und des Abgeschnittenseins von den Landsleuten, die gerade im Iran vielleicht wieder demonstrieren? Der ganze Abend wird jedenfalls auf Video aufgenommen und soll dann so schnell wie möglich ins Internet gestellt werden. Damit die im Iran sehen, dass sie nicht alleine sind.

"Wir können leider nicht viel tun, außer solche Veranstaltungen, Demonstrationen. Aber wir versuchen unser Bestes. Ich hoffe, …also ich hoffe wirklich, sie bekommen es mit und es stärkt sie hoffentlich."

Service:
Weitere Informationen über das Netzwerk junger Iraner gibt es im Internet.

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsThe Great Nowitzki in Frankfurt
Dirk Nowitzki steht anlässlich der Buchpräsentation von "The Great Nowitzki" bei einem Fototermin im Schauspielhaus. Das Buch wurde vom deutschen Autor Thomas Pletzinger verfasst, der links neben ihm steht. (picture alliance/Silas Stein/dpa)

In der „FAZ“ wird über die Anziehungskraft des zurückgetretenen Basketball-Profis Dirk Nowitzki gestaunt. Als dieser auf der Frankfurter Buchmesse seine Biographie vorstellt, reichen „die Warteschlangen für Signaturen dreimal durchs ganze Foyer“.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 17Wirtschaftswunder, Winnetou und Wurst?
Olaf Hoerbe als Intschu-tschuna spielt während der Hauptprobe von "Winnetou " auf der Felsenbühne in Rathen, Sachsen. (dpa /  Matthias Rietschel)

Wie reagieren Theater auf veränderte gesellschaftliche Bedingungen in Zeiten des erstarkenden Rechtspopulismus? In einer Umfrage haben 32 Theaterleiter in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen darauf geantwortet.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur