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Studio 9 | Beitrag vom 01.09.2020

Prostitution und CoronaAna will aussteigen

Von Henrike Möller

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Blick in ein leeres, rosafarbenes Bordellzimmer mit geschlossenen Gardinen  (picture alliance / dpa / Tom Weller)
Wegen Corona mussten die Bordelle schließen - einige Prostituierte wollen nun nicht zurück ins Geschäft. (picture alliance / dpa / Tom Weller)

Sexarbeitende dürfen ihrem Job unter strengen Auflagen wieder nachgehen. Doch nicht alle wollen das. Ana wünscht sich ein neues Leben, will nicht mehr ständig Angst vor Freiern haben. Aber der Ausstieg ist schwer.

Ana (Name geändert, Anm. d. Red.) sieht blass aus. Irgendwie verhuscht. Mit gesenktem Blick kommt sie auf mich zu. Zierlich ist sie. Jeans, weißes T-Shirt, Turnschuhe.

"Ich bin um fünf aufgewacht und konnte nicht mehr schlafen. Ich habe so schreckliche Angst. Ich könnte mich fast übergeben."

Es ist Donnerstag Morgen, kurz vor zehn Uhr. Wir stehen in einem grünen Hinterhof in Berlin-Charlottenburg. Vor uns der Eingang zur Psychotherapeuten-Praxis, in der Ana gleich ihren ersten Termin haben wird. Sie weiß schon, über was sie reden will - sie will mit der Therapeutin über ihre Ängste reden:

"Diese Angst, die ist mein größtes Problem gerade. Angst vor dem Leben. Was wird passieren? Ich weiß es einfach nicht! Vielleicht wird es nicht klappen."

Nicht mehr mit Angst aufwachen

Einen Monat vorher. Ana sitzt in einem kleinen, mit Ordnern zugestellten Büro und spielt nervös mit ihren Fingerringen herum. Es ist einer ihrer ersten Beratungstermine bei "Sisters", einem Verein, der Männern und Frauen dabei hilft, aus der Prostitution auszusteigen.

"Ich will nicht mehr morgens mit dieser Angst aufwachen, weil ich wieder irgendeinen Typen treffen muss. Ich hab es so oft gemacht. Es tut mir nicht mehr gut. Es ist einfach zu viel für meine Psyche."

Ana gegenüber sitzt Andrea, ihre Beraterin bei "Sisters". Andrea arbeitet eigentlich als Lehrerin. Ihre Tätigkeit für "Sisters" macht sie ehrenamtlich.

Vor sieben Jahren ist Ana aus Osteuropa nach Deutschland gekommen. Gemeinsam mit einem Zuhälter-Paar und anderen Prostituierten.

"Um neun Uhr morgens ging‘s los, dann hatte ich stündlich einen anderen Kunden. Irgendwann hab' ich mich gefühlt wie im Gefängnis. Ich konnte nicht einfach zwei Stunden Pause machen, weil sie dann gesagt haben: Nein, wir haben heute noch nicht genug Geld verdient. Wir haben damals alle Einkünfte geteilt."

Wegen der Pandemie musste Ana aufhören

Wenige Jahre später nimmt die Polizei Anas Zuhälter fest. Sie macht weiter als selbstständige Sexarbeiterin. Ihre Kunden sucht sie im Internet und empfängt sie in ihrer Wohnung.

"Wegen Corona und meiner Psyche hab' ich beschlossen aufzuhören. Seit Mai hab ich nicht mehr gearbeitet. Vielleicht ist es vorbei. Ich hoffe es. Ich hoffe es so."

Zurück vor der Praxis der Psychotherapeutin, nach Anas Besuch. Sie bittet mich, das Aufnahmegerät für einen Moment auszumachen. Tränen laufen ihre Wangen hinab. Sie wirkt verzweifelt. Erst nach und nach erfahre ich, was gerade in der Psychotherapeuten-Praxis passiert ist.

"Ich hätte nicht gedacht, dass man bei einer Therapie abgelehnt werden kann."

Die Psychotherapeutin kann Ana erst helfen, wenn sie ihre Alkoholsucht in den Griff bekommt. Ana soll sich darum in der Berliner Charité für einen Entzug anmelden.

Keine Therapie ohne vorherigen Entzug

"Was soll ich als erstes machen? Soll ich erst einen Entzug machen? Oder erst eine Sozialwohnung suchen? Mich für Jobs bewerben? Was ist die beste Lösung für meine Situation? Ich weiß es einfach nicht."

Ana will weg von hier. Wir gehen in den nahe gelegenen Park am Schloss Charlottenburg und lassen uns ins Gras fallen.

Ana fasst sich wieder. Sie kramt einen kleinen Laptop aus ihrem Rucksack.

"Da ist nichts, wofür ich mich bewerben könnte. Ich hab mich neulich bei Lidl beworben, als Aushilfe. Aber ich hab' eine Absage bekommen. Wenn mich nicht mal Lidl anstellt, wer soll mich bitte dann anstellen? Das war echt nicht gut für mein Selbstbewusstsein."

Die Jobsuche ist aber nicht Anas größtes Problem.

"Ich hab keinen Mietvertrag und ohne Mietvertrag kannst du in Deutschland quasi nichts machen."

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Ana wohnt seit Jahren in einer Wohnung, die ihr einer ihrer Freier organisiert hat. Der will ihr aber keinen Mietvertrag ausstellen.

Ohne Mietvertrag kann sie der Agentur für Arbeit ihre Mietausgaben aber nicht beweisen. Sie werden von der Agentur für Arbeit im Fall von Arbeitslosigkeit also auch nicht übernommen. Doch wie soll Ana die 700 Euro Miete pro Monat zahlen – ohne Job?

Anas Wohnung ist eine hübsche Berliner Altbauwohnung. Ein Zimmer, großes Bett mit pinker Bettwäsche, Sofa und Stühle im Vintage-Design.

Ein WBS löst Glücksgefühle aus

Ana hat einen Stapel Papiere vor sich.

"WBS-Unterlagen, Psychotherapie-Unterlagen, Deutschkurs-Unterlagen … Seiten über Seiten."

Anas Betreuerin Andrea ist auch da. Sie hat Ana einen WBS besorgt, einen Wohnberechtigungs-Schein. Mit ihm hat Ana Anrecht auf eine Sozialwohnung.

"Oh mein Gott, ich hab gerade meine E-Mails aufgemacht und meine erste Mail bekommen für eine Wohnungsbesichtigung!"

Andrea freut sich mit Ana über die Nachricht. Ana aber kann es kaum fassen.

"Ich glaube es nicht, ich bin schockiert – ich brauche unbedingt diese Wohnung."

Im Mai hatte Ana beschlossen, nicht mehr als Prostituierte zu arbeiten. Jetzt, drei Monate später, hat Ana ihren ersten Termin für die Besichtigung einer Sozialwohnung.

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