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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 15.11.2013

Prophezeiung des HolocaustGeboren als Österreicher, gelebt als Pole, gestorben als Jude

Ein Porträt des Schriftstellers Bruno Schulz

Von Arkadiusz Luba

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Selbstbildnis von Bruno Schulz (um 1933), Bleistift, Kohle, Papier (Bild: Adam Mickiewicz Literaturmuseum, Warschau)
Selbstbildnis von Bruno Schulz (um 1933), Bleistift, Kohle, Papier (Bild: Adam Mickiewicz Literaturmuseum, Warschau)

Seit seinem Prosaband "Das Sanatorium zur Sanduhr" zählte Bruno Schulz in den 1930er-Jahren zur literarischen Elite Polens. Obwohl nur Zeichenlehrer, erwarb er sich den Ruf eines "polnischen Kafka".

"Diese Welt war der große, verwilderte alte Garten. Hohe Birnbäume, ausladende Apfelbäume wuchsen dort in selten mächtigen Gruppen, überschüttet mit silbernem Rascheln, einem brodelnden Netz weißlichen Glitzerns."

Der Text stammt aus den "Zimtläden", einer Geschichtensammlung in polnischer Sprache, geschrieben zwischen den beiden Weltkriegen. Sein Autor Bruno Schulz, "polnischer Kafka" genannt, hatte sich zuerst als Zeichner einen Namen gemacht. In seiner Heimatstadt  Drohobycz, die polnisch und österreichisch war und – nach dem Zweiten Weltkrieg schließlich ukrainisch wurde – war er ein Zeichen- und Handwerklehrer in einem Gymnasium. Seine Zeichnungen zeigen vor allem chassidische Szenen und sich den Frauen unterwerfende Männer.

"Bruno Schulz hatte keine Familie, er hatte keine Kinder gehabt. Die Schüler haben ihn sehr lieb gehabt. Er war sehr bescheiden. Das war ein Mensch, welchen man nicht sieht und nicht hört. Alle Schüler waren für Schulz ähnlich. Es gab dazwischen solche, welche malen oder zeichnen konnten, und das waren seine Lieblingsschüler",

erinnert Alfred Schreyer. Der 90-Jährige ist der letzte lebende Drohobyczer Jude, der Bruno Schulz noch persönlich kannte und dessen Schulklasse er besuchte.

Physisch sehr schwach, ruhig und ängstlich, immer in demselben, grauen Anzug, ging Schulz seinen Pflichten nach. Erst nach der Schule schuf er zurückgezogen seine Kunst. In seinen Erzählungen hielt er die Tuchläden seines Vaters und die damit verbundene Erinnerungen fest. In Folge des Ersten Weltkriegs und des Zerfalls der Habsburger Monarchie verfiel seine Kindheit in gespenstische Mythen, gefüllt von Blüten des Wahnsinns und von Sehnsucht nach der Heimat und dem Tod.

"Schulz war ein einsamer Mensch und schuf eine fiktive Welt. Er flüchtete in diese Welt und kämpfte in ihr gegen seine grausame Existenz. In der fiktiven Welt suchte er nach seiner verlorenen Kindheit, der sogenannten 'Republik der Träume'. Hier wollte er sich vor dem Alptraum hüten, in dem er lebte",

erklärt Adam Michnik, Publizist und Geschichtswissenschaftler.

Als Schulz 1934 sein Buch in Warschau veröffentlichte, staunte die gesamte Literaturszene Polens. Wie kann ein bisher unbedeutender und unbekannter Provinzlehrer einer derart sinnlichen, dichten Sprache mächtig sein. Zwei Jahre später legte er seinen zweiten Prosaband vor unter dem Titel „Das Sanatorium zur Sanduhr“. In den späten dreißiger Jahren wurde Schulz in die damalige literarische Elite Polens aufgenommen.

Er wurde zum Haus- und Kunstsklaven des SS-Hauptscharführers

Nur kurz freute er sich über diese Anerkennung. Dem Hitler-Stalin-Pakt zufolge fiel Drohobycz 1939 an die Sowjetunion. Im Juli 1941 wurde die Stadt durch die deutschen Truppen besetzt. Sie errichteten ein Ghetto und die jüdische Bevölkerung hatte keine Rechte mehr. Bruno Schulz hatte Glück. Auf Geheiß des SS-Haupt-Schar-Führers Felix Landau malte Schulz unter anderem Wandbilder in der Villa, die Landaus Familie besetzt hatte. So wurde Schulz zu einem Haus- und Kunst-Sklaven, aber auch zu einem Schützling.

"Fast jeder SS-Mann hatte seine Juden gehabt. Natürlich bis zur Zeit. An diesem sogenannten 'wilden Donnerstag' haben die SS-Leute eine Aktion gemacht, sogenannte 'wilde Aktion'. Warum 'wilde Aktion' – weil an diesem Tag wurden die Juden nicht irgendwo versammelt, sondern jeder Jude, welcher auf der Straße getroffen war, wurde erschossen. Du erschießt meine Juden, ich erschieße deine Juden",

bezeugt Alfred Schreyer.

So gab es auch für Schulz schließlich keine Rettung. Am 19. November 1942 gegen Mittag ging er zum Judenrat, um Brot zu holen. Auf dem Rückweg wurde er von einem mit Landau verfeindeten SS-Mann auf offener Straße erschossen. Sein Tod ist legenden-umrankt. Doch Alfred Schreyer war zu der Zeit in Drohobycz und weiß, wie es geschah:

 "Zweimal von hinten in den Kopf geschossen. Bruno Schulz lag den Trottoir entlang. Man hat es von oben, vom Judenrat alles gesehen. Und da war eine Bekanntmachung, die Leiche soll da liegen. Am nächsten Tag man hat telefoniert aus der Polizei: 'Nimmt ihre Leiche, weil’s stinkt!'."

Schulz habe literarisch die Vernichtung seiner Welt vorweggenommen, meinen einige Kritiker. Die Prophezeiung des Holocaust ließe sich auf solche biblischen Motive zurückzuführen, wie das folgende:

"Und als die Menge die Festung im Sturm eroberte und unter Lärm und Tumult in den Laden einmarschierte, schwang sich mein Vater mit einem Satz auf die Tuchregale und stieß, hoch über der Menge, mit voller Kraft in eine riesige Horn-Posaune und blies Alarm. Doch das Gewölbe füllte sich nicht mit dem Rauschen zu Hilfe eilender Engel, stattdessen antwortete auf jeden Jammerlaut der Trompete der riesige, lachende Chor der Menge."

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