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Signale / Archiv | Beitrag vom 09.09.2007

Propheten der Angst: Wer nicht für uns…

Von Cora Stephan

Auch die Klimadebatte schürt die "Katastrophilie", meint Cora Stephan. (Stock.XCHNG / Lars Sundström)
Auch die Klimadebatte schürt die "Katastrophilie", meint Cora Stephan. (Stock.XCHNG / Lars Sundström)

"Haben Sie etwa `was gegen Ausländer?" So fragte jüngst ein Rüpel, der sich vorgedrängelt hatte und an dem man nur das auszusetzen hatte, mitnichten seine sonstigen Attribute – und schon gar nicht wollte man es sich mit allen Ausländern verderben, nur weil man diesen einen hier unangenehm fand.

Pars pro toto, man nimmt sich selbst fürs Ganze – das ist ein Muster, das seit einigen Jahren immer beliebter wird. Menschen oder ihre Meinungen und Überzeugungen stehen nicht mehr für sich selbst, sondern für ein größeres Ganzes, und kritisiert man sie, macht man sich in einem weit über den Anlass hinausgehenden Maß schuldig: wahlweise an der muslimischen Welt, an der Natur, an den Frauen, an der Menschheit.

Die gute alte westliche Tradition der Unterscheidung zwischen individuell und allgemein, die Tugend gar der Diskussion und des Abwägens scheint erledigt, seit es üblich geworden ist, die eigenen Überzeugungen zum Gattungsinteresse auszurufen, das eigene Ermessen zur unhinterfragbaren Wahrheit zu erklären und jede Gegenstimme für strafbar zu halten. Die Propheten geben sich – wie eh und je – nicht als Partei, sondern als Vertreter des großen Ganzen – und ihre Jünger deuten jede persönlich erfahrene Evidenz als göttlichen Fingerzeig. So werden drei warme Frühlingstage hintereinander zur persönlich erlebten Klimakatastrophe. Und ich kann sagen, ich bin dabei gewesen.

Genau deshalb gibt es auch in der Politik schon längst keine Parteien mehr, seit die Grünen gezeigt haben, wie man sich unangreifbar macht, indem man sich bescheiden als Vertreter von Menschheitsinteressen ausgibt. Das zieht doch ganz anders, als wenn man nur ein popeliger Lobbyverein für Sonnenblumenproduzenten wäre.

Auch die anderen Parteien haben mittlerweile entdeckt, wie praktisch das ist, wenn man mit den ganz großen Dingen Politik macht. Wer fragt denn schon noch innenpolitischen Gestaltungswillen nach, wenn sich die Kanzlerin just anschickt, klimapolitisch die Welt zu retten? Will man da kleinlich sein?

Dass die Wähler Angela Merkels klimapolitisches Engagement zu schätzen wissen, kann man voraussetzen. Denn der Klimadebatte liegt ein Stoff zugrunde, den man vortrefflich auszubeuten vermag: Angst. Die Angst vor der Apokalypse, die wir insbesondere hier in Deutschland schon so oft durchgespielt haben, nicht erst seit den Bewegungen gegen den Atomtod, ob durch nukleare Abschreckung oder durch Kernkraftwerke.

Angst ist mächtig, und wer sie mobilisieren kann, ist es ebenfalls. Es ist die Angst der Eltern um ihre Kinder – und wer wollte ihre Berechtigung leugnen? Genau das macht die Politik der Angst unwiderstehlich, was auch heißt: Widerstand ist zwecklos.

Das bekommen seit einiger Zeit diejenigen zu spüren, die es wagen, die Prämissen zu diskutieren, die jener Welle zugrunde liegen, auf der sich die Klimadebatte hochgeschaukelt hat. Dabei drücken ihre Fragen wenig mehr aus als wissenschaftlich selbstverständlich sein sollte: Sind die Gewissheiten, die einige Wissenschaftler verbreiten, tatsächlich so gut fundiert, dass man auf ihrer Basis eine Politik formulieren kann, die halbwegs fehlerfrei die prognostizierte Entwicklung korrigieren könnte?

Einige in Funk und Fernsehen wohlgelittene Klimaforscher reagieren darauf wie der Rüpel, der mit sich gleich alle Ausländer angegriffen fühlt: wer ihre Prognosen und ihre Schlussfolgerungen in Frage stellt, ist ein gefährlicher Verharmloser, wenn nicht gar gleich der Klimafeind. Dabei ist es guter wissenschaftlicher Brauch, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen und auch den eigenen Ergebnissen gegenüber skeptisch zu bleiben. Wenn Wissenschaftler zu Predigern werden, ist Macht und Geld im Spiel – das die Klimaangst reichlich in die Kassen spült. Wer mit dem Weltuntergang droht, hat es schon immer verstanden, den Menschen die Ablassgroschen aus der Tasche zu ziehen.

Schon deshalb ist Skepsis gegenüber "Katastrophilie" aller Art dringend geboten. Ab einem gewissen Alter erinnert man sich allzu gut an all zu viele Katastrophenszenarien, die in der Vergangenheit Angst und Schrecken verbreiteten, obwohl sich ihre Urheber als schlechte Propheten erwiesen haben. Weder kam es bislang zum atomaren Weltuntergang, was nicht am Mangel apokalypsegeeigneter Waffen liegt, noch stirbt der Wald, außer da, wo man ihn anzündet. Und da, wo man ihn abholzt, weil unser gutes Gewissen nach Biosprit verlangt, weshalb klimawichtige Regenwälder für angeblich ebenfalls klimawichtige Energiepflanzen geopfert werden.

Vor diesen bösen Folgen des Gutgemeinten kann man sich nur schützen, indem man mit dem Geld und dem Vertrauen der Bevölkerung sorgsam umgeht, die im übrigen ganz entgegen der Annahmen regulierungswütiger Politiker keine Angstmacher braucht, um das Vernünftige zu wollen.
Es fragt sich langsam nur, ob das auch für die Propheten der Angst gilt.

Cora Stephan, Jahrgang 1951, ist Publizistin und Buchautorin. Die promovierte Politikwissenschaftlerin war von 1976 bis 1984 Lehrbeauftragte an der Johann Wolfgang von Goethe Universität und Kulturredakteurin beim Hessischen Rundfunk. Von 1985 bis 1987 arbeitete sie im Bonner Büro des 'Spiegel'. Zuletzt veröffentlichte sie 'Der Betroffenheitskult. Eine politische Sittengeschichte', 'Die neue Etikette' und 'Das Handwerk des Krieges'.

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