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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.11.2015

Prokofjew in MünchenImmer weiter geht der Höllenritt

Von Franziska Stürz

Szene aus Prokofjews Oper "Der feurige Engel" mit Svetlana Sozdateleva als Renata an der Bayerischen Staatsoper (Foto: Wilfried Hösl / Bayerische Staasoper)
Szene aus Prokofjews Oper "Der feurige Engel" mit Svetlana Sozdateleva als Renata an der Bayerischen Staatsoper (Foto: Wilfried Hösl / Bayerische Staasoper)

"Der feurige Engel" von Sergeh Prokofjew überzeugt an der Bayerischen Staatsoper in München durch musikalische Intensität und szenische Perfektion. Eine irrwitzige Handlung rund um sexuelle Obsessionen amüsiert dank der schrillen Einfälle von Regisseur Barrie Kosky.

In Barrie Koskys Münchner Neuinszenierung erlebt der Reisende Ruprecht in seinem Fünf-Sterne-Hotelzimmer einen Beziehungsalbtraum. Dieses von Bühnenbildnerin Rebecca Ringst geschaffene Hotelzimmer erinnert mit seinen mintgrünen Wänden und Stuckaturen und dem riesigen Bett mit Baldachin an eine Rosenkavalier-Kulisse.

Nach und nach löst sich das Zimmer auf, wird verzerrt und verwüstet. Das Bett ist der Ausgangspunkt der ebenso irr wie witzig in Szene gesetzten von sexuellen Obsessionen angetriebenen Handlung.

Svetlana Sozdateleva als von Wahnvorstellungen gequälte Renata im Pyjama kriecht unter dem Bett hervor und lässt den faszinierten Ruprecht nicht mehr los. Die Sängerin hat sich diese Wahnsinnsrolle auf beachtliche Art zu eigen gemacht und meistert ihr Hausdebüt mit Bravour.

Auch Evgeny Nikitin als Ruprecht überzeugt durch körperliche Energie und Stimmschönheit in seiner Rolle. Beide Protagonisten bleiben bei Kosky die pausenlosen zwei Stunden auf der Bühne und spielen sich absolut überzeugend die Seele aus dem Leib.

Die Rocky-Horror-Kosky-Show

Im ersten Akt ist man trotz witziger Details auf der Szene allerdings noch nicht gepackt von diesen beiden Figuren, erst mit dem Erscheinen des Magiers Agrippa von Nettesheim im zweiten Akt beginnt Kosky, seine surrealen Register zu ziehen und das Publikum zu fesseln: Das zuckende Männerballett in schulterfreien Ballkleidern in Otto Pichlers Choreografie passt perfekt auf Prokofjews psychedelische Musik, die Vladimir Jurowski mit dem Bayerischen Staatsorchester grandios heraufbeschwört.

Hochkonzentriert und optimal in der Balance leitet Jurowski den sich steigernden Abend. Immer weiter geht der Höllenritt, und wenn im vierten Akt Mephisto und Doktor Faust mit ihrer Truppe die Bühne betreten, kommt Koskys Liebe zur Operette so stark durch, dass die Szene zur Rocky-Horror-Kosky-Show inklusive Kastrationsorgie wird.

Kevin Conners als Teufelchen im Bastrock ist dabei stimmlich wie komödiantisch herausragend. Ebenfalls ziemlich komisch ist die surreale  Inquisitionsszene am Schluss mit Nonnenchor im Christus-Kostüm.

Ja, es steckt auch in der Musik etwas von dieser Skurrilität, und Kosky spielt das triebhafte Element zu Recht aus.

Der wirkliche Horror zeigt sich aber erst ganz kurz im Schlussbild, wenn das Paar im kalten, leeren Hotelzimmer hilflos, einsam und verlassen nach all dem Spuk zurückbleibt. Großartig gesungen und musiziert vom gesamten Ensemble beeindruckt dieser "Feurige Engel" durch musikalische Intensität, szenische Perfektion und amüsiert mit Koskys schrillen Nummern.

Informationen der Bayerischen Staatsoper

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