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Länderreport | Beitrag vom 26.02.2019

Projekt "Nice to meet you"Aus Verunsicherung wird Sensibilität

Von Ita Niehaus

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Schwierige Kommunikation: Auf Papierstreifen stehen Gesprächselemente wie "Ich will das nicht" und "Du bist Ausländer" (Ita Niehaus)
Typische Dialog-Elemente für Rollenspiele beim Seminar "Nice to meet you" (Ita Niehaus)

"Nice to meet you" heißt ein Projekt für geflüchtete junge Männer in Ostfriesland. Es geht um Respekt, Rollenbilder, Werte, Sexualität - und um die Frage, wie man richtig flirtet.

"Hi! … und was machst du..."

Junge trifft Mädchen. Er will sie kennenlernen − sie ihn aber nicht. Er versucht es trotzdem und blitzt ab. Eine Szene aus einem Video-Clip − erarbeitet von Flüchtlingen und Mitarbeitern der theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück.

"Was sagen Deutsche, wenn sie Nein sagen?"

Die Sozialpädagogin Petra Furmanek und der Theaterpädagoge Kai Janssen diskutieren zusammen mit einer Gruppe von jungen Männern in einem Seminarraum in Leer in Ostfriesland. Um Respekt geht es, um unterschiedliche Werte und Rollenbilder.

Von der Elfenbeinküste, aus Syrien und aus dem Irak stammen die geflüchteten jungen Männer. Sie nehmen am niedersächsischen Präventionsprojekt "Nice to meet you" teil. Es sei, so Petra Furmanek, eines von wenigen Angeboten dieser Art bundesweit:

"Das Besondere ist, dass man mit den Jugendlichen in einen intensiven Austausch kommt über Themen, die eigentlich sehr schambesetzt, tabuisiert sind. Wie man Mädchen kennenlernt, Fragen zum eigenen Körper, zur Sexualität. Und man merkt, wenn die so anfangen, sich zu öffnen − das macht einfach Spaß in dem Moment."

Sie alle besuchen eine der Sprachförderklassen an der Berufsbildenden Schule 2 in Leer. Mehrere Male hat dort bereits ein Workshop der Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen stattgefunden. Nicht, weil es große Probleme gibt, betont Schulsozialarbeiterin Fatou Jongue:

"Weil die Schüler ja wirklich aus einer ganz anderen Kultur kommen. Gerade auch in Bezug auf Frauen und Sexualität. Wir sind da hier sehr offen. Oder auch, dass Frauen Männer ansprechen − ist schon ganz sinnvoll, die ein bisschen zu sensibilisieren, dass das hier einfach so ist."

"Ich bin nicht dein Schatz!"

Viele Geflüchtete sind in patriarchal geprägten Gesellschaften aufgewachsen, in denen Frauen weniger Rechte haben und oft auch Geschlechtertrennung zum Alltag gehört. Einen Tag lang haben die Jugendlichen nun Zeit, sich auszutauschen, sich zu informieren und auch einmal bei einem Rollenspiel die Perspektive zu wechseln:

"Hallo, Schatz."
"Was sagst du so! Ich bin nicht dein Schatz... will nicht... Lass mich in Ruhe!"

Seminarleiterin Petra Furmanek möchte mit ihrem Kollegen die Werte der deutschen Gesellschaft vermitteln. Wichtig ist ihr dabei vor allem eines:

"Jeder hat das Recht, Ja oder Nein zu sagen. Und ein Nein ist immer zu akzeptieren."

Manchmal gibt es schon große Unterschiede. Diese Erfahrung hat auch der 18 Jahre alte Mohammed aus Syrien gemacht.:

"Wir sprechen nur mit den Augen. In unserer Religion dürfen wir nicht Mädchen küssen."

Fast alle Teilnehmer sind Muslime. In jedem Workshop spielt daher die Religion eine große Rolle. Die meisten Jugendlichen haben wie Mohammed von den sexuellen Übergriffen während der Silvesternacht 2015 in Köln gehört. Es ist ihnen wichtig, sich davon zu distanzieren. Die Verunsicherung ist groß:

"Deutsches Mädchen hat Angst, weil sie hat viel gehört von Ausländern, was hat hier in Deutschland gemacht. Das war nicht gut. Das ist nicht ein Bild von allen Ausländern."

Jeder hat seinen eigenen Körper

Badreldeen Babiker aus dem Sudan hat mitgespielt bei dem Video-Clip der theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück. Er arbeitet bei der Aidshilfe Osnabrück, bietet auch Sexualberatung für Geflüchtete an. Und er ist überzeugt: Sexuelle Übergriffe müssen bestraft werden.

"Zum Beispiel, ich bin Muslim, ich bin im Sudan aufgewachsen. Wenn 1000 Frauen ohne Kleidung vor mir stehen, ich mache das gar nicht. Weil ich weiß genau, jeder hat seinen eigenen Körper. Ich glaube, Sex kommt mit Liebe, mit einverstanden sein, gegenseitig, und dann macht es Sinn."

Babiker wehrt sich aber auch dagegen, Geflüchtete unter Generalverdacht zu stellen:

"Jeder kann diese Fehler machen, nicht nur muslimische Menschen. Ich glaube nicht, wegen des Islam, sondern mangels Bildung und Erfahrung."

Andrea Buskotte, Referentin für Gewaltprävention bei der Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen, hat das Projekt initiiert. Sie ist sich mit Petra Furmanek einig: Eine entscheidende Rolle bei diesem sensiblen Thema spielt gegenseitige Wertschätzung:

"Im Sinne von, wir helfen euch mal auf den Weg, nicht weil wir glauben, dass ihr alle übergriffige Täter seid, sondern wir glauben, dass das für euch besonders schwierig ist. Und damit ihr euch nicht in blöde Situationen bringt, die anschließend schwer wieder aufzulösen sind."

"Wir wollen auch vermitteln, dass es trotzdem zu Grenzverletzungen und Übergriffen kommen kann, weil man etwas nicht richtig verstanden hat. Und dass es dann natürlich Möglichkeiten gibt, einen Rückzug anzutreten, wiedergutzumachen − dass es ein Recht auf Unterstützung und Hilfe in schwierigen Situationen gibt."

Die Sozialpädagogin Petra Furmanek leitet das Seminar "Nice to meet you" in Osnabrück  (Ita Niehaus)Die Sozialpädagogin Petra Furmanek leitet das Seminar "Nice to meet you" in Osnabrück (Ita Niehaus)

Manchmal sind auch die Seminarleiter und pädagogischen Fachkräfte verunsichert. Es sei teilweise ein ganz schöner Spagat zwischen Wertschätzung, Toleranz und dem Versuch, eine eigene klare Haltung zu entwickeln und zu zeigen, hat Petra Furmanek festgestellt:

"Zu wissen, wo bin ich so tolerant, da muss ich nicht reingrätschen, sondern kann sagen, ok, wenn ihr sagt, ich möchte unbedingt eine Jungfrau heiraten und ihr findet eine, alles gut. Aber bitte, hier wird niemand diffamiert, der anders lebt. Und wenn das dazu führt, dass ganz viel Druck auf die Frauen ausgeübt wird, dann ist es nicht mehr in Ordnung."

Das eigene Verhalten verändern

Mehr als 20 Workshops wurden bisher angeboten, die bisherigen Erfahrungen sind gut. Viele Jugendliche fangen an, sich mit ihren Werten auseinanderzusetzen:

"Sie gucken, was ist mir so wichtig, dass ich es behalte, und wo verändere ich das Verhalten oder meine Meinung. Und in diesen Prozess kommen sie, wenn sie in so einer Gruppe darüber ins Gespräch kommen."

Mohammed zum Beispiel nimmt viel mit aus dem Workshop. Auch über die ungeschriebenen Regeln der deutschen Gesellschaft:

"Wie können wir mit Mädchen reden..."

Die Evaluierung läuft zwar noch, bereits jetzt steht jedoch fest: Der Bedarf und das Interesse sind groß. Für die pädagogischen Fachkräfte, die mit den Jugendlichen arbeiten, werden inzwischen ebenfalls Workshops angeboten. Denn Andrea Buskotte von der Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen ist sich bewusst: Ein Workshop allein reicht nicht aus.

"Wir glauben, dass diese Informationen auch an anderen Stellen über die Jugendarbeit, über die Schule an die Jugendlichen rangetragen werden müssen. Weil das die Leute sind, die diese Botschaften alltäglich mit den Jugendlichen besprechen und vermitteln könnten. Aber wir können auf jeden Fall auch in einem Tag einen interessanten und wesentlichen Impuls setzen."

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