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Länderreport | Beitrag vom 16.07.2019

Projekt „Nefisa kocht“Integration geht durch den Magen

Von Christiane Tovar

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Gülecin Saleh ist eine der Frauen, die bei Nefisa kocht" arbeitet. (Foto: Christiane Tovar)
Gülecin Saleh ist eine der Frauen, die bei "Nefisa kocht" arbeitet. (Foto: Christiane Tovar)

Das Cateringunternehmen „Nefisa kocht“ im Ruhrgebiet ist besonders um die Integration von Frauen bemüht. Die Köchinnen sind weit über ihre Kleinstadt hinaus gefragt und sollen bald den gesamten Laden übernehmen.

Gülecin Saleh und Amal Al Ahmad stehen in ihren roten Schürzen an einem Metalltisch in der Mitte einer professionell eingerichteten Küche. Karin Eckei, die sich als Patin um Geflüchtete in der Kleinstadt Fröndenberg an der Ruhr kümmert, hat sie auf ihrem Bauernhof extra für den Partyservice eingerichtet. Heute haben die beiden Köchinnen alle Hände voll zu tun. Während Amal Al Ahmad Kichererbsenteig zu kleinen Bällen formt und in das heiße Fett der Fritteuse taucht, verstreicht Gülecin Saleh kunstvoll dunkelroten Auberginendipp auf einem Teller.

"Zwei Aufträge müssen wir bis vier Uhr schaffen. Und unsere Kollegin heute kann nicht kommen", erklärt Gülecin Saleh.

In zwei Stunden muss das Essen ausgeliefert werden. Das könnte knapp werden, doch Nada Homssi-Dadikhi, die für die Organisation zuständig ist, bleibt entspannt. Sie weiß, dass die Frauen ihre Arbeit im Griff haben.

Dass die Syrerin, die seit mehr als 25 Jahren hier lebt, mal einen Partyservice gründen würde, hätte sie nicht gedacht. Eigentlich ist sie Heilpraktikerin. Den neuen Zusatzjob hat sie ihrem Engagement in der Fröndenberger Flüchtlingshilfe zu verdanken. Und ihrer Mitstreiterin Karin Eckei. Die beiden Freundinnen haben sich das Integrationsprojekt zusammen ausgedacht und hatten dabei besonders die geflüchteten Frauen im Blick:

"Wir haben überlegt: So ein Projekt geht am besten über das Thema Essen. Wir waren sehr oft auf Gemeindefesten, auf Bauernfesten. Da kam die Nachfrage, ob wir das nicht auch privat machen. Dann haben wir überlegt, ob es nicht eine Möglichkeit für ein paar Flüchtlingsfrauen wäre, einen Job anzufangen. Für mich war das ein bisschen schwierig am Anfang."

Nefisa heißt übersetzt "Die Köstliche" 

Das war vor zwei Jahren. Mittlerweile läuft es ziemlich gut bei "Nefisa kocht", was übrigens übersetzt "die Köstliche" heißt. Und die Auftraggeber kommen längst nicht mehr nur aus der Nachbarschaft, erzählt Nada Homssi-Dadikhi:

 "Wir haben zum Beispiel für das Internationale Frauenfilmfestival Essen für 150 Leute gemacht, da sind wir stolz drauf. Oder auch beim Rotary-Club und kleineren Geburtstagsfeiern."

Wenn der Partyservice weiter so erfolgreich ist, sollen die syrischen Köchinnen die Firma bald übernehmen und allein weiterführen. Nada Homssi-Dhadiki versucht, sie so gut es geht, darauf vorzubereiten:

"Ich erzähle ihnen immer alles. Auch von den Problemen beim Steuerberater, dass sie auch wissen, was im Hintergrund läuft. Es geht um mehr als nur ums Kochen."

Bei "Nefisa kocht" geht es auch nicht nur ums Geschäft. Mittlerweile sind die Frauen eng miteinander befreundet. Nach der Arbeit bleiben sie oft noch einige Zeit zusammen und sprechen über das, was sie bewegt.

"Wir sitzen hier in der Küche und reden vier, fünf Stunden. Über die Kinder, den neuen Anfang, über den Schmerz. Das versuchen wir, irgendwie zu bearbeiten."

Gemeinschaft und eigenes Einkommen

Für Gülecin Saleh, Amal Al Ahmad und ihre Kollegin Lela Al Mohamad ist "Nefisa kocht" viel mehr als nur ein Job. Sie werden wertgeschätzt, sind mit ihren Sorgen nicht allein und verdienen ihr eigenes Geld. Und auch ihre Familien ziehen mit, erzählt Gülecin Saleh, die heute hier ist, obwohl ihr Sohn Geburtstag hat:

"Ich habe gesagt, heute habe ich eine wichtige Arbeit vor mir. Er hat gesagt: 'alles klar'. Und um acht Uhr feiern wir alle zusammen. Wir machen ein Familienfest zu Hause. Meine Familie ist glücklich, dass ihre Mama arbeitet."

Wenn es nach Initiatorin Karin Eckei geht, ist die Geschichte von "Nefisa kocht" noch nicht zu Ende. Sie hat schon wieder neue Pläne – für eine leerstehende Gaststätte in einem Nachbarortsteil.

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