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Studio 9 | Beitrag vom 08.07.2019

Projekt ICARUSTierbeobachtung aus dem All

Von Guido Meyer

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Nilflughunde, aufgenommen am 30.11.2006 in einer Höhle in Israel. Flughunde fliegen offensichtlich nach einer im Hirn gespeicherten Landkarte. Einige gelangen so jede Nacht kilometerweit bis zu ihrer bevorzugten Futterquelle, wie israelische Forscher beobachtet haben. (picture alliance / dpa / Asaf Tsoar)
Auch Flughunde gehören zu den Tieren, deren Wanderungen das Projekt ICARUS erforschen wil (picture alliance / dpa / Asaf Tsoar)

Flughund an ISS: Zehntausende Vögel, Fische und Säugetiere haben Forscher in den letzten Jahren mit Sensoren ausgestattet. Mithilfe der Analyse ihrer Wanderbewegungen wollen sie zum Beispiel herausfinden, wie Tiere auf den Klimawandel reagieren.

Irgendwo in Asien. Ein Schwarm Weidenammern macht sich auf den Weg Richtung Europa. Sobald die Singvögel ihre Reise begonnen haben, erhalten Biologen Informationen über den Gesundheitszustand der einzelnen Tiere - über ihre Herzfrequenz und ihre Körpertemperatur – und damit letztlich auch darüber, ob sie Krankheitsträger sind. Diese Art der Früherkennung klingt genauso wünschenswert wie utopisch – und soll doch künftig wahr werden.

"Wenn wir die Wege der Vögel kennen und sehen, die fliegen jetzt irgendwo in China los, dann können wir hier in Deutschland die Bestellung für Impfstoffe auslösen", sagt Friedhelm Claasen. Er ist der bisherige Projektleiter von "ICARUS" beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). ICARUS steht für International Cooperation for Animal Research Using Space und damit für eine internationale Zusammenarbeit bei Tierforschung aus dem All.

Die Daten werden an die ISS übertragen

Das DLR hat sich für das ICARUS-Projekt mit der Max-Planck-Gesellschaft zusammengetan: "Das übergeordnete Ziel ist, dass wir ein globales Beobachtungssystem für das Leben an sich bekommen", sagt Martin Wikelski, Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell am Bodensee. "Und die beste Methode, so etwas zu machen, ist, dass wir die Lebewesen selber abfragen. Und wenn wir zigtausende von Spürhunden draußen haben, dann können wir verstehen, wie's dem Leben auf der Erde wirklich geht."

Anlässlich des ICARUS-Starts am 10. Juli haben wir in unserer Sendung "Studio 9" mit Martin Wikelski gesprochen. Das Interview können Sie hier nachhören: 

Dazu messen Sensoren permanent den Gesundheitszustand der Tiere. Diese Daten werden dann zur Internationalen Raumstation (ISS) in der Erdumlaufbahn in rund 400 Kilometer Höhe übertragen. Als Vorbereitung auf den Beginn des ICARUS-Projekts haben Biologen hunderte von Tieren weltweit mit Sensoren und Sendern ausgerüstet.

"Mit den Sendern ist es eigentlich so, dass wir versuchen, Rucksäcke oder Befestigungsmethoden zu bauen, die den Tieren überhaupt nicht schaden", erklärt Wikelski. "Das ist wie als wenn ein Schulkind einen kleinen Tornister mitnimmt, so kann dann eben auch ein Vogel oder eine Fledermaus oder ein anderes Tier einen Sender mit sich tragen."

Bis zu zwei Jahre bleiben diese Rucksäche auf den Tieren, bevor sie von selbst abfallen. Kleinere Sender halten nicht so lang durch: "Bei der Dachsammer – das ist eine amerikanische Ammernart, die auch weite Strecken zieht – haben wir es einfach aufgeklebt, auf den Rücken, auf die Federn drauf. Und zwar sind das Sender, die eigentlich nur zwei Wochen oder so auf der Ammer draufbleiben sollen, und dann fallen die wieder ab."

Sogar Fische sollen Sensoren bekommen

Generell haben die bisherigen Versuche gezeigt: Es ist immer leichter, Sensoren auf größeren Tieren anzubringen als auf kleinen. Denn je größer das Tier, desto größer kann auch der Sender sein, so Wikelski:

"Wenn das Tier größer wird in Zukunft, kommt der Sender in den Ring. Also zum Beispiel beim Storch würde in Zukunft so ein ICARUS-Sender einfach nur in den Ring integriert, das heißt der Storch merkt da überhaupt nichts davon. Beim Storch zum Beispiel ist der dann überm Knie. Und da sitzt einfach in diesem Plastikring der Sender mit drin."

Aber je kleiner die Tiere, desto filigraner die Befestigungsmethoden. So wollen die Biologen künftig auch die Bewegungen und Wanderwege ganzer Fischschwärme verfolgen.

"Bei den Fischen sind wir gerade dabei, eine neue Methode zu etablieren, dass wir die Sender mit einer implantierten Platte, die unter der Haut sitzt, befestigen", sagt der Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie.

"Man kann sich das so vorstellen wie beim großen Hai zum Beispiel: Da schwimmen ja auch draußen dran diese Putzerfische mit. So ähnlich sitzt dann der Sender auf dem Fisch und geht aber zu einer vorbestimmten Zeit hoch an die Oberfläche und sendet die Daten dann zur ISS."

Nachtanken mit Sonnenenergie

Die Sender, die auf Tieren angebracht werden, die an Land oder in der Luft leben, haben gegenüber Sendern auf Fischen den Vorteil, dass sie die Sonne zum Nachladen nutzen können, ergänzt Friedhelm Claasen vom DLR:

"Wir haben nur eine ganz kleine Batterie, so etwas, was in Ihrer Armbanduhr vielleicht drinsteckt, so eine ganz kleine Knopfzelle; und natürlich auch noch die Oberfläche mit Solarzellen belegt, um nachtanken zu können."

Nach den anfänglichen mehreren hundert sollen künftig bis zu 50.000 Tiere der verschiedensten Arten pro Jahr von den Biologen bestückt werden – zu Lande, zu Wasser und in der Luft.

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