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Tonart | Beitrag vom 17.04.2020

Projekt des "Trikestra"Der große Beethoven-Jam im Netz

Von Julia Kaiser

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Die Musiker sind wie in kleinen Kammern zu sehen. (TRIKESTRA / Lucas Gutierrez)
Alle Trikestra-Musiker sind nun doch vereint - in einem Video. (TRIKESTRA / Lucas Gutierrez)

Rund 30 Musiker von drei Orchestern - DSO Berlin, Junge Norddeutsche Philharmonie und Stegreiforchester - bilden das "Trikestra". Das wollte eigentlich live zeigen, dass man Beethoven in einer Improvisation enden lassen kann. Wegen Corona ist das Projekt ins Netz abgewandert.

Trikestra ist ein Klangkörper aus drei sehr unterschiedlichen Orchestern mit klassisch ausgebildeten Musikern. Dazu gehören: Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin, die Junge Norddeutsche Philharmonie - also ein freies Ausbildungsorchester von Musikstudierenden - und das Stegreiforchester, dessen Musikerinnen und Musiker sich für radikal neue und "entfesselte" Aufführungssituationen interessieren.

In diesem Projekt bringt jeder ein, was er oder sie am besten kann. Flexibilität der beiden freien Orchester und die Perfektion des DSO Berlin kommen hier zusammen. In dieser Spielzeit steht Beethoven auf dem Programm. Nach Monaten von Workshops und Proben war nun ein Abschlusskonzert geplant, in dem das Publikum mitten unter den Musizierenden sein sollte. Das Corona-Virus machte die öffentliche Veranstaltung im Berliner Vollgutlager unmöglich. Entstanden ist stattdessen ein Internet-Video.

Die "Beethoven-360-Grad-Rotation"

"Lustiges Zusammensein der Landleute", so ist der Satz aus Beethovens 6. Symphonie übertitelt, den das Trikestra für seine multimediale Projektpräsentation ausgewählt hat. Gerade das "Zusammensein" ist natürlich im Moment nicht möglich. Aber im Film scheint es doch zu klappen. Wie Übezellen sind die Bilder der einzelnen Musikerinnen und Musiker angeordnet, dreidimensional in einem virtuellen Raum, der sich in seinen Strukturen auflöst und weitet – ganz wie es auch die Musik tut, erklärt Trikestra-Projektleiterin Lea Heinrich.

Alle etwa 30 Musikerinnen und Musiker, die über ganz Deutschland verstreut leben, sollten an der virtuellen Realisierung beteiligt werden, sagt Lea Heinrich. Das Video bringt nicht nur ein Stück Musik auf die virtuelle Bühne, sondern steht für den Begegnungsgedanken, der Trikestra ausmacht.

Ein dreifaches Dreieck ist das Logo von TRIKESTRA. (TRIKESTRA / Lucas Gutierrez)Ein dreifaches Dreieck ist das Logo von TRIKESTRA. (TRIKESTRA / Lucas Gutierrez)

Alle tauchen ein ganzes Jahr über immer wieder in die Lebens- und Berufsrealität der Mitmusikerinnen und Musiker ein, das steht auch für Konstantin Udert von der Jungen Norddeutschen Philharmonie im Mittelpunkt:

"Das für mich wahnsinnig Spannende an dem Projekt ist, dass es ganz stark auf den Prozess orientiert ist und weniger auf den Output. Da haben sich unglaublich viele, die sich eigentlich nicht mit Konzertplanung beschäftigen, mit einer enormen Leidenschaft reingeworfen."

Herausforderung Video

Aus den eigenen Musikziergewohnheiten heraustreten, und gleichzeitig die eigene Expertise im Gepäck haben, wenn man einander aufsucht. Aber: Das ist im nun entstandenen Video höchstens zu erahnen. Der Moment, in dem er auf den Upload-Button klickte und das Video ins Netz stellte, sei unbefriedigend gewesen, sagt Konstantin Udert.

"Die Ästhetik von dem Video, die habe ich in keiner Timeline einer Social Media Plattform so gefunden, die ist wirklich besonders. Und der Aufwand, den wir dafür getrieben haben, ist unheimlich groß. Und gleichzeitig ist dabei klar geworden: Die Ästhetik oder das Kunstwerk allein machen nur einen kleinen Anteil aus. Der ganz große Anteil ist eben, das wir Menschen zusammenbringen und gemeinsam den Abschluss eines Weges feiern können."

Die musikalische Transformation, auf die es im Projekt ""Beethoven-360-Grad-Rotation" ankommt, erschließt sich aber sehr wohl. Besonders beeindruckend ist, dass keiner der Musikerinnen und Musiker nur "mitzuspielen" scheint, alle sind sehr präsent. Alle hatten dabei ein Playback im Ohr, um ihre Performance im eigenen Arbeitszimmer genau aufnehmen zu können, erklärt Lea Heinrich.

"Wir hatten die Partitur und ganz klare Regieanweisungen, ab wann es sich öffnen kann. Die Musikerinnen und Musiker haben einzelne Liegetöne gespielt, und daraus wurde der Jam, der sich beispielsweise durch die Funk-Rhythmusgitarre oder durch Percussion und Schlagzeug geöffnet hat. Und daraus ist es in die Freiheit übergegangen."

Begrenzt zukunftsweisend

Konstantin Udert glaubt aber nicht, "dass das jetzt die einzige Wahrheit ist, sondern wir haben jetzt gezeigt, was geht, wenn wir unsere Kunst ins Internet verlagern. Und genauso könnte das im Konzertsaal funktionieren, als ein Ansatz, als eine Spielerei. Ich sehe jetzt keine besondere Zukunft darin, sondern ich sehe eine Zukunft darin, dass wir, wenn der Corona-Spuk vorbei ist, uns alle in die Arme fallen und gemeinsam Kultur erleben möchten!"

Das erste Musikvideo von Trikestra, in dem man als User die Perspektive selbst wählen kann, ist nun online. Weitere sollen in den nächsten Monaten folgen.

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