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Lesart / Archiv | Beitrag vom 21.09.2017

Projekt Balkan-Bibliothek Der Bücherretter aus Belgrad

Von Martin Sander

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Blick auf Serbiens Hauptstadt Belgrad. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
Blick auf Serbiens Hauptstadt Belgrad. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

Die Bücherwelt lebt auch von Bücherbessenen – wie Reiseschriftsteller Viktor Lazić einer ist. Er will bei Belgrad in Privatinitiative die größte Bibliothek zwischen Istanbul und Wien aufbauen.

Von Kumodraž schaut man auf die Dunstglocke von Belgrad. In Kumodraž, einem Vorort der serbischen Hauptstadt, wohnt der Reiseschriftsteller Viktor Lazić, wenn er nicht gerade irgendwo in Russland, Südostasien oder Südamerika unterwegs ist.

Im zweigeschossigen Haus, geerbt von einer Tante, nutzt Lazić nur ein Schlafzimmer. Der Rest steckt voller Bücher. Im Garten wehen zwei Fahnen, die Serbiens und die von "Adligat: Vereinigung für Kultur, Kunst und internationale Zusammenarbeit."

Viktor Lazić "'Adligat' ist ein Fachbegriff aus dem Bibliothekswesen. Er bedeutet, dass man mehrere selbständige Schriften unter einen Buchdeckel bringt. Für uns ist 'Adligat' ein Symbol für mehrere Völker, mehrere Kulturen und mehrere Generationen unter einem Dach, so als wären es mehrere Bücher unter einem Deckel."

Die Größte zwischen Istanbul und Wien

2012 hat Viktor Lazić "Adligat" als Privatinitiative ins Leben gerufen - eine Balkan-Bibliothek, die einmal die größte zwischen Istanbul und Wien werden soll. Inzwischen hat er aus Spenden und Nachlässen rund eine Million Bücher eingelagert.

"Unser Ziel ist es zunächst einmal, so viele Bücher wie möglich zu retten. In ganz Europa, und natürlich auch in Serbien, gibt es die Tendenz, Bücher zu vernichten. Die Menschen wollen sie nicht mehr haben. Erben lehnen es ab, sie als Nachlass zu übernehmen. Bücher haben kaum noch materiellen Wert. Deshalb landen sie immer häufiger im Altpapier. Und es sind nicht nur Bücher, die im Altpapier landen, sondern damit auch Kommentare und Notizzettel der bedeutendsten Intellektuellen. Das finden wir absurd und wollen es ändern."

Wie man das ändern kann, darüber weiß Viktor Lazić Geschichten zu erzählen.

Eine von ihnen führt in ein Bauernhaus am hessischen Vogelsberg. Dort lebte und starb 2013 der Übersetzer und Tschechow-Experte Peter Urban. Das Haus war schon verkauft. Die 15.000 Bände seiner Privatbibliothek wären fast im Müll gelandet, hätte nicht ein Mitbegründer von "Adligat", der inzwischen auch verstorbene serbische Dichter und Urban-Freund Miodrag Pavlović, Lazić auf den Fall aufmerksam gemacht.

"Wir kamen mit dem Auto, um erst einmal zu schauen, worum es geht. Dann gelang es uns, innerhalb von zehn Stunden einen Sattelschlepper zu organisieren. Der Fahrer nahm Urbans Bibliothek als Beiladung mit. Unser Problem bestand darin, die 15.000 Bücher in Kartons zu packen, zu zweit. Es waren über sieben Tonnen. Später gab es noch Probleme mit dem Zoll an der EU-Grenze zwischen Ungarn und Serbien. Es war stressig."

Sein Antrieb ist die Sammlerleidenschaft

Eigentlich ist Lazić stressresistent. Gelassen dirigiert er sein kleines Team von Mitarbeitern und Volontären. Die Sammlerleidenschaft treibt ihn voran, aber auch die Unterstützung, die sein Projekt allerorten erfährt.

"Hier, hinter Ihnen im Regal, steht eine Kollektion mit Büchern von Peter Handke. Er hat für uns 54 Titel seiner Werke handsigniert, auch in kyrillischer Schrift."

Seit den Jugoslawienkriegen der 90er-Jahre gilt der österreichische Dichter Peter Handke als Anhänger des großserbischen Nationalismus. Ebenso wie der serbische Schriftsteller Dobrica Ćosić, der sich seinerzeit als Staatspräsident Jugoslawiens vor den Karren von Slobodan Milošević spannen ließ.

Nun liegen auch Dobrica Ćosićs Bücher auf einem beachtlichen Stapel, gekrönt von Lesebrille. Eigentlich will Lazić in seiner Balkan-Bibliothek allen Strömungen der Kunst und Politik Raum geben. Auch der nationalismuskritische serbisch-jüdische Autor Filip David, in Deutschland bekannt durch sein "Haus des Erinnerns und des Vergessens", ist Mitbegründer von "Adligat" und begeistert von Lazićs Initiative:

"Als ich vom Projekt hörte, fand ich es sehr ungewöhnlich. Ein Mensch, der ohne Hilfe des Staates seine Energie, sein Wissen und sein Geld investiert, um etwas aufzubauen, was, sollte es fertig werden, einem Wunder gleichkommt. Heute, wo neoliberal, kapitalistische Werte dominieren, arbeitet er an der Sache aus wahrer Liebe zum Buch – und aus Liebe zum Abenteuer."

Leidenschaft für Bücher - eine Familientradition

Lazićs Bibliotheksleidenschaft hat Familientradition. Im 19. Jahrhundert eröffneten Vorfahren in der nordserbischen, damals österreichischen Provinz ihre erste Bibliothek. In den Ersten Weltkrieg zog der Urgroßvater mit den wertvollsten Stücken seiner Sammlung, eingenäht in eine dicke Wolljacke. Im Zweiten Weltkrieg musste Lazićs Großmutter Nazipropaganda auf dem Fahrrad in die Dörfer Nordserbiens liefern.

Die Deutschen hatten sie als Fahrradradkurier ausgesucht, weil sie als frühere Magd Analphabetin war und daher politisch ungefährlich schien. Tatsächlich schmuggelte sie zugleich jugoslawische Partisanenliteratur. Lesen und Schreiben hat sie erst in hohem Alter gelernt – von Enkel Viktor.

"Für sie war es die Tragödie ihres Lebens. Ich konnte es nicht verstehen: Oma, das ist doch ganz leicht. Mit acht Jahren habe ich sie mit meiner Schulfibel unterrichtet. Sie hat das Lesen gelernt."

Und damals, erzählt Viktor Lazić, kam ihm erstmals die Idee einer eigenen großen Bibliothek.

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