Mittwoch, 20.03.2019
 

Zeitfragen | Beitrag vom 13.02.2019

Programmieren mit dem KlassenfeindWie Siemens die Stasi unterstützte

Von Isabel Fannrich Lautenschläger

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Bürocomputer von Robotron aus dem Büromschinenwerk Sömmerda im Computer- und Technikmuseum in Halle/Saale (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
Blick ins Computermuseum in Halle/Saale: Die Stasi war nicht nur auf die Technik, sondern auch auf das Know-how von Siemens angewiesen. (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)

Technologie aus dem Westen interessierte schon in den 60er-Jahren auch die DDR. Großrechner sollten zur effektiveren Kontrolle der Bevölkerung eingesetzt werden. Und so ließ sich die Stasi tatsächlich von Siemens beliefern – und jahrelang schulen.

Ohne es zunächst zu ahnen machte Siemens 1969 ein Millionengeschäft mit der Stasi. Die für den Handel mit dem Ostblock zuständige Niederlassung in West-Berlin verkaufte dem Geheimdienst der DDR drei Großrechner im Wert von 20 Millionen DM.

Die Geschäfte waren getarnt: Die Importfirma Interver, die dem Ministerium für Außenhandel unterstand, klopfte an die Tür, als Siemens gerade eine neue Großrechner-Serie auf den Markt gebracht hatte.

Für beide Seiten ein Riesengeschäft, sagt Rüdiger Bergien vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam.

"Der Deal zwischen dem Ministerium für Staatssicherheit und der Firma Siemens bestand eben darin, dass die Stasi einen Bedarf nach moderner EDV hatte. Späte 60er-Jahre, alle Sicherheitsbehörden in Ost und West guckten auf diese neue Technik, die große Möglichkeiten versprach. Siemens auf der anderen Seite blickte auf den sich eröffnenden Ostmarkt. Schließlich stand Siemens in der Bundesrepublik als ein Newcomer im EDV-Geschäft unter extremem Druck von IBM. IBM war damals schon der alles dominierende Markt-Gigant."

Der Deal zwischen Siemens und der Stasi sei auch deshalb zustande gekommen, weil 1969 in den USA die Regierung wechselte. Denn in der Zeit des Kalten Krieges regulierten die Nato-Staaten den Export westlicher Technologie in die Länder des Ostblocks durch den sogenannten Cocom-Ausschuss – was auch den Handel mit Hochleistungsrechnern betraf.

Stasi-Mitarbeiter zu Schulungen bei Siemens in München

Als Richard Nixon US-Präsident wurde, lockerte er vorübergehend diese Bestimmungen. Für die Stasi war das ein Glücksfall. Seit Mitte der 60er-Jahre hatte sie zur effektiveren Kontrolle der Bevölkerung kleine Rechner eingesetzt – jetzt war sie auf der Suche nach größeren:

"Es ging immer darum, die riesigen Papier-Karteien, die die Stasi damals schon hatte von Belasteten, von Personen, die im Ausland waren, ausreisen wollten, da schneller Zugriff darauf zu haben, um die Kontrollstärke steigern zu können. Und da hat man bereits begonnen mit diesen Lochkarten-Maschinen, mit diesen frühen EDV-Maschinen und gesagt: Das ist der Weg. Und damit man da weitergehen kann, setzen wir jetzt voll auf diese Technik und dafür brauchen wir westliche Großrechner."

Die Stasi wollte die Kisten mit den Rechnern in Empfang nehmen und mit Hilfe eigener Expertise aufbauen. Dokumente belegen jedoch, dass sie auf das Know-how und weitere logistische Unterstützung von Siemens angewiesen war, sagt Rüdiger Bergien. Damals gab es noch keine Software-Pakete, die man einfach aufspielen konnte. Der Geheimdienst der DDR musste also den Mitarbeitern von Siemens seine Türen öffnen.

Aus Tarnungsgründen verlegte das MfS seine Abteilung XIII, das Rechenzentrum, in ein anerkanntes staatliches Forschungsinstitut. Im "Zentralinstitut für Information und Dokumentation der DDR" trugen die Stasi-Mitarbeiter keine Uniform, sondern zivil.

Wiederholt mussten die Techniker und Programmierer außerdem zu Schulungen von Siemens in westdeutsche Städte wie München reisen. Aus dem Millionen-Geschäft hat sich ungewollt eine jahrelange Kooperation mit dem westdeutschen Konzern entwickelt, so Bergien. Das war allerdings für beide Seiten auch von Vorteil.

"So etablierte sich dann eine Zusammenarbeit, dass zumindest in den ersten Jahren wöchentlich Leute von West-Berlin rüberfuhren, sich mit den Problemen, die gerade angefallen waren, Programmierprobleme, technische Probleme, Hardware-Probleme, Ersatzteile die gebraucht wurden, auseinandersetzten. Man tauschte sich eben auch technisch aus – auch das ist durchaus typisch für diese frühen Kooperationen zwischen den Herstellern und den EDV-Nutzern.

Siemens profitierte von den Programmierkenntnissen im Osten

Beide Seiten sammeln ihre Erfahrung mit der Nutzung. Und beide Seiten profitieren auch von der Praxis des anderen. Die MfS-Programmierer schrieben eben Zusatzprogramme, die für Siemens sehr nützlich waren."

Siemens profitierte nicht nur von diesen Programmen. Laut Bergien hat der Konzern jährlich mehrere 100.000 DM durch Ersatzteilverträge, Service und Wartung verdient – für das MfS keine Kleinigkeit.

Ähnliche Geschäfte zwischen Ost und West fanden bereits Mitte der 60er-Jahre statt. Der Historiker Martin Schmitt untersucht am Zentrum für Zeithistorische Forschung, wie die Kreditwirtschaft in Ost- und Westdeutschland digitalisiert wurde. Er stieß dabei auf einen Deal, bei dem es nicht um Großrechner, sondern um mittlere Rechentechnik ging.

"Die Idee war folgende: Die Staatsbank der DDR und das Ministerium der Finanzen haben versucht, ihren Zahlungsverkehr zu digitalisieren, das Steuersystem zu digitalisieren und dort EDV einzusetzen. Und dafür haben sie Software geschrieben, aber diese Programme konnten nirgendwo getestet werden. Sie hatten eine eigene Computerproduktion: Der Robotron 300 hatte allerdings die eine oder andere Macke bei den Bauteilen, die sind nicht schnell genug produziert worden."

Rechner aus den USA landete über Umwege in der DDR

Auch die Sowjetunion konnte damals nicht massenhaft Computer produzieren und in die sozialistischen Bruder-Länder exportieren. Deshalb schaute die DDR sich nach anderen Importrechnern um – und wurde ausgerechnet in den USA fündig.

Dort hatte die Firma Univac, ein großer Konkurrent von IBM, 1962 den UCT II-Rechner auf den Markt gebracht. Dieser konnte massenhaft Daten verarbeiten, wurde beim Militär eingesetzt und 1964/65 ausrangiert.

"Die Geschichte ist deswegen so spannend, weil der Rechner einen sehr seltsamen Umweg genommen hatte. Es gab das Cocom-Embargo. IBM hielt sich sehr strikt an diese Maßnahmen. Die Konkurrenten von IBM hingegen sahen dort eine Marktchance und boten deswegen am Embargo vorbei über den Vertrieb in der Schweiz der Staatsbank der DDR diesen Computer an."

Dass der erste im Finanzsystem der DDR eingesetzte Computer ausgerechnet dem kapitalistischen Erzfeind abgekauft wurde, wäre ein Politikum gewesen, so Martin Schmitt. Deshalb habe die Staatsbank als vorgeblich unabhängige, nicht-staatliche Einrichtung als Käufer firmiert.

Der Rechner wurde mit dem Flugzeug nach Frankfurt am Main gebracht. Ähnlich wie im Fall des Siemens-Großrechners reisten Techniker aus der DDR im Jahrzehnt des Mauerbaus in die Bundesrepublik, ließen sich dort kostenlos von Univac schulen und installierten den UCT II anschließend in Ost-Berlin.

"Und das ist ein sehr gutes Beispiel: Wenn man sich diese Struktur anschaut, haben die Kreditinstitute in der DDR relativ früh diese Bezirksrechenzentren aufgebaut Ende der 60er-Jahre eben mit den Programmen der UCT 2. Und in den 70er Jahren hat dann der Deutsche Sparkassen- und Giroverband seine Sparkassen und Rechenzentren zu einer Zentralisierung gezwungen, um eine ähnliche Struktur aufzubauen, wie sie schon in der DDR realisiert war."

Der Eiserne Vorhang war also alles andere als dicht – und manches technische Knowhow verdankte der Westen den IT-lern aus dem Osten.

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