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Profil / Archiv | Beitrag vom 27.08.2008

Professor, Künstler, Umweltschützer

Dobrin Atanasov im Porträt

Von Mirko Heinemann

Sonnenaufgang in der bulgarischen Haupstadt Sofia (Stock.XCHNG / Katia Stamenova)
Sonnenaufgang in der bulgarischen Haupstadt Sofia (Stock.XCHNG / Katia Stamenova)

Dobrin Atanasov ist ein äußerst vielseitiger Vertreter der jungen bulgarischen Kunst. Neben seiner künstlerischen Arbeit macht er Musik und engagiert sich für den Umweltschutz in Bulgarien. Seine Installation "...was ist passiert?" ist im Rahmen der Ausstellung "Durchbrüche" noch bis zum 6. September in der Motorenhalle in Dresden zu sehen.

Der kleine Stadtpark vor dem Nationaltheater ist der wohl schönste Ort in ganz Sofia. Hier sprudeln die Springbrunnen, alte Männer sitzen beim Schachspiel zusammen und Liebespärchen halten sich an der Hand. Dobrin Atanasov kommt atemlos mit seinem Mountainbike um die Ecke gesaust. Er sieht aus wie Che Guevara als Fahrradkurier: schwarzer Vollbart, schwarze Haare. Eine verspiegelte Sonnenbrille, graues T-Shirt, schwarzer Rucksack.


"Ihr habt in Berlin S-Bahnen und U-Bahnen, und ihr könnt sehr schnell durch die Stadt fahren. Hier aber verliert man im Stadtverkehr unglaublich viel Zeit. Jetzt geht es noch. Aber nach den Sommerferien ist der Verkehr hier die Hölle, ab September..."

Dobrin Atanasov ist Installationskünstler, er arbeitet mit Licht, mit Videos und Fotos, und er malt. Als er seine Sonnenbrille hochschiebt, zeigen sich nachdenkliche, dunkelbraune Augen. Trotz seiner 30 Jahre ist Dobrin Atanasov bereits Assistenzprofessor an der Universität von Sofia, wo er zeitgenössische Kunst lehrt. Nebenbei hat er seine eigene Plattenfirma und spielt in dem Gitarrenduo Dobri & Pitkin.

Derzeit macht er in Bulgarien vor allem mit seinem Protest gegen die Umweltzerstörung von sich reden. Dobrin Atanasov hat 30 bekannte Musiker zusammengetrommelt und mit ihnen ein altes Lied über das Rila-Gebirge neu aufgenommen.

"Es gibt derzeit eine Menge ökologische Probleme dort. Das Rila-Gebirge ist ein Naturschutzgebiet, und trotzdem bauen einige Leute dort. Sie bauen Hotels und neue Straßen. Völlig verrückt. Das ist unser Protest dagegen."

Das Lied besingt in poetischen Worten die Schönheit des rund 100 Kilometer südlich von Sofia gelegenen Gebirges. Die Rila-Berge sind für Bulgaren ein mythischer Ort, hier steht das wichtigste Kloster des Landes.

Dobrin Atanasov schiebt sein Fahrrad durch das Gewusel im Zentrum Sofias. Sein Ziel ist das Café im Wohnhaus des Nationaldichters Ivan Vasov. Auch der hatte bereits Gedichte über das Rila-Gebirge verfasst.

"Die Bulgaren lieben die Natur. Deshalb gibt es auch Protest und viele Demonstrationen. Niemand würde an politischen Demonstrationen teilnehmen, etwa gegen die Regierung. Aber für die Natur gehen die Menschen auf die Straße."

Es sind vor allem junge Leute, die gegen die ökologischen Folgen des Wirtschaftsbooms in Bulgarien protestieren. Dobrin Atansov konfrontiert in seinen Installationen Relikte der sozialistischen Epoche mit der Lebensrealität der Menschen von heute. Für eine Arbeit fotografierte er Studierende als verwaschene Silhouetten in einem tristen Plattenbau-Wohnheim, für eine andere platzierte er eine junge Frau in einem Bett aus Holzresten. Dobrin Atansov wirft Fragen auf, er will zum Nachdenken animieren.

"Ich weiß, wie die Landschaft vor fünf oder zehn Jahren aussah. Und wir haben wirklich große Probleme. Zum Beispiel ist die gesamte Schwarzmeerküste inzwischen zugebaut. Die Menschen denken nicht an die Zukunft. Sie denken eben, wie arme Menschen denken. Sie wollen sehr schnell reich werden. Sie denken an heute, und alles, was danach kommt, spielt keine Rolle. Man kann auch nicht erwarten, dass man ein Jahr in der Europäischen Union ist, und schon in europäischen Standards denkt. Um das Denken zu ändern, braucht es Zeit."

Das Café Ivan Vasov liegt idyllisch unter Bäumen, die den tosenden Verkehrslärm dämpfen. Dobrin Atanasov bestellt ein Bier und erzählt von seiner Jugend in einem kleinen Dorf mitten im Balkangebirge. Schon als kleiner Junge hat er gemalt, später lernte er die Holzschnitzerei - und, wie man Ikonen malt. Dabei ist Dobrin Atanasov nicht religiös.

""Mein Urgroßvater war Ikonenmaler, das ist jetzt 100 Jahre her. Noch heute werden in dem Dorf Gábrovo, wo meine Eltern wohnen, Ikonen von ihm verkauft. Die Ikonenmalerei ist Teil unserer Kultur. Der Glaube ist eine persönliche Sache."

Nach dem Schulabschluss studierte er Kunstpädagogik in Sofia und schloss sich der Künstlervereinigung "Art in Action" an. Parallel zu seiner Lehrtätigkeit an der Universität arbeitet er fest angestellt bei einem Verlag als Illustrator und reist als Kurator für verschiedene Kunstprojekte durch Europa. Er lebt allein in einer Wohnung in der Innenstadt von Sofia.

Dobrin Atanasov trinkt sein Bier aus. Er muss weiter, er trifft sich mit Vertretern der Umweltschutzorganisation, die sich in den Rila-Bergen engagiert. Politisches Engagement gehört für ihn zu seinem Selbstverständnis als Künstler dazu.

"Vielleicht ist es das Wichtigste an einem Künstler, dass er seine Meinung öffentlich äußert. Denn du arbeitest mit anderen Künstlern, du arbeitest mit der Öffentlichkeit, und du präsentierst deine Ideen in der Öffentlichkeit. Das ist dein Job."

Profil

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