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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.12.2016

"Professor Bernhardi" an der SchaubühneGegen Populisten hilft keine Ironie

Von Peter Claus

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Schaubühne am Lehniner Platz »Professor Bernhardi« von Arthur Schnitzler; Premiere: 17.12.2016; Regie: Thomas Ostermeier; Bühne: Jan Pappelbaum; Kostüme: Nina Wetzel; Es spielen v.l.n.r.: Jörg Hartmann; Christoph Garwenda. Foto: Claudia Esch-Kenkel | Verwendung weltweit (dpa-Zentralbild)
Eine Schlüsselszene: Professor Bernhardi (Jörg Hartmann, l.) im Gespräch mit einem Ministerialbeamten. (dpa-Zentralbild)

"Tatort"-Star Jörg Hartmann spielt an der Berliner Schaubühne den "Professor Bernhardi" von Arthur Schnitzler als unpolitischen Intellektuellen. Mit deutlichen Verweisen zum aktuellen Rechtspopulismus zeigt das Stück die Grenzen der Klugheit und die Macht des Mittelmaßes.

Mehr als 100 Jahre ist das Stück alt – und wirkt in der Inszenierung von Thomas Ostermeier ganz aktuell. Der Intendant der Schaubühne hat gestrichen, Figuren verändert, hebt das Stück durch die konsequente Konzentration auf das Wort in die Gegenwart.

Der Konflikt: Professor Bernhardi, Chef einer Privatklinik und der Abteilung Innere Medizin, verweigert einem Priester den Zugang zu einer sterbenden jungen Frau, um ihr die letzte Ölung zu geben. Das macht der Mediziner, weil die Patientin nicht weiß, wie es um sie bestellt ist, weil sie glaubt, gesund zu werden. Er will ihr das Weggehen von dieser Welt erleichtern.

Latenter Antisemitismus

Karrieristen sehen darin eine Schmähung der katholischen Kirche, des Christentums an sich, und sie nutzen das, um Bernhardi auf politischer Ebene anzuschwärzen. Es kommt zu einem Tribunal. Bernhardi muss ins Gefängnis. Am Ende steht er als moralischer Sieger da. Doch das zählt nicht: Dieser Sieg kann die gesellschaftlichen Strukturen nicht ändern. Und die werden von der Macht des Mittelmaßes, von Karrieristen, Duckmäusern, Speichelleckern bestimmt.

Schnitzler klagt mit dem Stück einen latenten Antisemitismus an, Bernhardi ist Jude. Wichtiger: Er klagt darüber hinaus eine Gesellschaft an, in der Populisten den Ton angeben, in der es opportun ist, gnadenloses Machtstreben mit Floskeln von Menschlichkeit, Nächstenliebe, Wahrung angeblich unverrückbarer Werte zu ummänteln.

Keine Figur ist nur böse oder gut

Jörg Hartmann brilliert in der Hauptrolle, umgeben von exzellenten Mitspielern. Keine Figur, auch nicht die Bernhardis selbst, ist nur böse oder nur gut. Alle haben Ecken und Kanten. Hartmann sei stellvertretend herausgehoben. Er agiert hochkonzentriert, in sich ruhend, arbeitet mit kleinsten Mitteln, scharfkantig. Dabei zeigt er auch die Schwachstelle Bernhardis auf: dessen blindes Vertrauen auf die hehre Vernunft. Und er zeigt, wie falsch es ist, wenn Intellektuelle allein mit leiser Klugheit gegen krachende Reaktionäre vorgehen wollen, verdeutlicht, dass Ironie gegen Dummheit nichts ausrichten kann.

Der Abend zeigt klar, und das nie vordergründig, wie laut die Populisten sind, heute, und wie viel lauter die Intellektuellen werden müssen, wenn sie dagegen angehen wollen. In einer Zeit, da Intellektualität in weiten Kreisen hierzulande wieder ein Schimpfwort ist, gibt die Schaubühne Berlin ein starkes Bekenntnis zur Intellektualität ab, zum Denken, zum Nachdenken. Das berührt, ist wirkungsvoll, geht unter die Haut.

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