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Interview / Archiv | Beitrag vom 30.10.2012

Professionelle Betreuung künstlerischer Nachlässe

Wie ein Hamburger Verein den Erben von Künstlern hilft

Gora Jain im Gespräch mit Hanns Ostermann

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"10 Figuren zum Triadischen Ballett" von Oskar Schlemmer (1888-1943). Um das Erbe Schlemmers wird gerade heftig gestritten. (picture alliance / dpa / Norbert Försterling)
"10 Figuren zum Triadischen Ballett" von Oskar Schlemmer (1888-1943). Um das Erbe Schlemmers wird gerade heftig gestritten. (picture alliance / dpa / Norbert Försterling)

Was tun, wenn Vater oder Mutter Künstler war, man selbst es aber nicht schafft, das Werk zu präsentieren oder zu archivieren? Das Hamburger "Forum für Nachlässe von Künstlerinnen und Künstlern" hilft in diesem Fall und sorgt für die wissenschaftliche Aufbereitung und Präsentation des Oeuvres.

Hanns Ostermann: Großer Künstler, großer Zank – schon seit Jahren wird um das Erbe des Stuttgarter Bauhaus-Künstlers Oskar Schlemmer erbittert gestritten. Was darf mit seinen Werken gemacht werden? Am Stuttgarter Landgericht wird heute mit einem Urteil gerechnet, das längst nicht nur die Betroffenen interessiert. Die Enkelin möchte einen Teil des Nachlasses verkaufen. Ihr Cousin befürchtet, das Gesamtwerk würde zerschlagen. Beide nehmen für sich in Anspruch, das Erbe ihres Großvaters bewahren zu wollen – ein bizarrer, ein schwieriger Streit.

Beim Hamburger "Forum für Nachlässe von Künstlerinnen und Künstlern" kennt man diese und andere Auseinandersetzungen. Gora Jain ist Kunsthistorikerin und Vorsitzende des Vereins. Guten Morgen, Frau Jain.

Gora Jain: Guten Morgen!

Ostermann: Ist das ein typischer Streit, der da in Stuttgart verhandelt wird, oder haben Sie es mit völlig anderen Fällen zu tun?

Jain: Also ich denke, es gibt etwas Typisches in diesem Streit, der in Stuttgart verhandelt wird. Wir haben es weitgehend mit etwas leichteren Fällen zu tun.

Ostermann: Zum Beispiel?

Jain: Bei uns ist es eigentlich so, dass diejenigen, die sich an uns wenden, normalerweise sehr daran interessiert sind, dass diese Nachlässe, die sie uns dann ja vielleicht auch anvertrauen, gewissenhaft wissenschaftlich aufbereitet werden, seriös sozusagen weiter verbreitet, auch veröffentlicht werden, und das ist sicherlich die Hauptarbeit, die das Forum auch leistet.

Ostermann: Ihr Verein will das Lebenswerk von Künstlern retten. Aber warum ist das überhaupt ein Problem? Liegt das nur an den Erben?

Jain: Das liegt nicht nur an den Erben, sondern das liegt sicherlich an der Zunahme von künstlerischen Nachlässen. Ich nenne das immer ein bisschen ein Problem des 20. Jahrhunderts. Und die Art und Weise, wie Nachlässe mittlerweile untergebracht sind, also doch meistens bei privaten Nachlasseignern, das macht es ja nicht mehr möglich, sie in der Weise zu konservieren, wie es vielleicht im 19. Jahrhundert noch der Fall war.

Ostermann: Welche Nachlässe verwalten Sie? Was sind das für Künstler?

Jain: Wir haben uns mit dem Forum ja zunächst einmal spezialisiert, weil es einfach auch pragmatisch beziehungsweise praktisch nicht anders zu lösen wäre, auf den norddeutschen Raum. Es sind Positionen, die national, zum Teil auch international, wie zum Beispiel Alexandra Povòrina, agierten. Und es ist eigentlich ein zeitlicher Rahmen, seit Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart hinein. Wir haben auch ganz junge Positionen, in denen vielleicht der Künstler oder die Künstlerin verunglückt sind und die Nachlässe aber vorhanden.

Ostermann: Gehen Sie auf Künstler zu, oder kommen die zu Ihnen?

Jain: Da muss ich ganz ehrlich sagen, uns wird so ein bisschen die Bude eingerannt, was das angeht. Eigentlich kommen die Anfragen von außen.

Ostermann: Wie finanzieren Sie sich?

Jain: Wir sind angewiesen auf Mitgliedsbeiträge und auf eigenakquirierte Fördergelder und hoffen natürlich auch zunehmend, dass dieses Problem erkannt wird, damit dieses auch mal institutionell noch besser seitens des Landes oder des Bundes gefördert wird.

Ostermann: Frau Jain, was ich mich frage, auch am Beispiel des Stuttgarter Prozesses: Sollte mein Vater ein bekannter Künstler gewesen sein, habe ich als Sohn und Erbe nicht das Recht, mit diesen Bildern zu machen, was ich will?

Jain: Ja, das ist vielleicht eine Gewissensfrage. Die möchte ich mir jetzt nicht anmaßen zu lösen. Mein persönliches Gewissen würde sagen, wenn das etwas ist, was ich unter den Begriff Kulturerbe fassen würde, dann ist es doch sicherlich auch von großem Interesse, dass die Öffentlichkeit daran Teil hat.

Ostermann: Ich hätte also eine moralische Verpflichtung?

Jain: Vielleicht.

Ostermann: Wie machen Sie Ihre Arbeit eigentlich der Öffentlichkeit zugänglich?

Jain: Wir sind sehr vielfältig mittlerweile vernetzt. Wir agieren ja nun seit zehn Jahren und sind sicherlich eine Art Pilotprojekt auf diesem Feld. Wir haben einerseits Archivierung und sachgerechte Lagerung, wir präsentieren die Kunstwerke natürlich dann in Ausstellungen, die regelmäßig stattfinden, wir versuchen, uns Publikationen zu ermöglichen. Und vor allen Dingen, denke ich, ist ein wichtiger Baustein auch die Zugänglichkeit der Kunstwerke durch das Online-Medium, dass man eine Art Verbundsystem hat, wir sind zum Beispiel an Digicult angeschlossen, und das ermöglicht auch den Zugriff auf die Kunstwerke.

Das ist ja auch vielleicht wiederum das Problem, das private Eigentümer haben: Sie haben ja gar nicht diese Möglichkeit der öffentlichen Streuung und Veröffentlichung einfach.

Ostermann: Gora Jain, die Vorsitzende des Vereins Hamburger Forum für Nachlässe von Künstlerinnen und Künstlern. Frau Jain, danke Ihnen für das Gespräch.

Jain: Ja, ich danke auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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