Problemfall Jungen

Rezensiert von Kim Kindermann · 18.07.2005
"Lesen? Nein danke!", so das Credo vieler Jungen in Bezug auf Bücher. Mit fatalen Folgen: Jungen lernen immer schlechter lesen, bleiben häufiger sitzen, stören öfter im Unterricht und besuchen seltener anspruchsvolle Schulen. Wie man diesen Teufelskreis durchbrechen kann, versucht die Journalistin Katrin Müller-Walde in ihrem Buch "Warum Jungen nicht mehr lesen und wie wir das ändern können" zu klären.
Inzwischen ist es mehrfach bewiesen: Jungen drohen zum schwachen Geschlecht in Sachen Bildung zu werden. Sie bleiben öfter sitzen als Mädchen, sie fallen häufiger durch störendes Verhalten im Unterricht auf und lesen ab dem 11. Lebensjahr immer weniger als Mädchen und können es daher auch immer schlechter. Was also läuft falsch?

Das fragte sich auch Katrin Müller-Walde und zwar zunächst weniger als Journalistin, sondern vielmehr als Mutter eines pubertierenden Sohnes, der auch immer weniger gerne zum Buch griff. Als sie selbst nicht mehr weiter wusste, begann die ehemalige ZDF-Moderatorin daraufhin mit der Suche nach den möglichen Gründen. Sie hat mit Hirnforschern, Pädagogen und Psychologen gesprochen. Sie hat internationale Studien zu Rate gezogen und sie hat über 2000 Jungen selbst gefragt. In zwei groß angelegten Umfragen, die zwei Forschungsinstitute im Auftrag der Autorin durchgeführt haben, stehen die elf- bis 16-jährigen Rede und Antwort:

Herausgekommen ist so das informative und kurzweilige Buch "Warum Jungen nicht mehr lesen und wie wir das ändern können". Denn auf den 239 Seiten ihrer messerscharfen Analyse gibt sich die Autorin nicht mit einer reinen Bestandaufnahme des Ist-Zustandes zufrieden, sondern sie sucht nach den Ursachen, den biologischen, den geschlechtsspezifischen wie den pädagogischen.

Und zeigt so beispielsweise, dass das menschliche Gehirn bei Jungen und Mädchen unterschiedlich funktioniert. Besitzen Jungen nur ein Sprachzentrum, das in der linken Hirnhälfte liegt, nutzen die Mädchen dagegen vier verschiedene Bereiche im Gehirn, wenn es um den Umgang mit Wörtern geht. Zudem entwickelt sich die linke Hirnhälfte bei den Jungen langsamer als bei den Mädchen. Lesen fällt Jungen daher tendenziell schwerer.

Auch in der Aufnahme von Texten sind die beiden Geschlechter unterschiedlich: Jungen fühlen sich viel mehr von Bildern, Graphiken und kurzen, informativen Texten angesprochen, wohingegen Mädchen sich lieber in einem längeren Text "hineinfühlen" und damit lange Texte bevorzugen. Und genau hier setzt Katrin Müller-Walde an: Frech und forsch bricht sie mit der gängigen Vorstellung, dass nur das "gute", also das pädagogisch wertvolle Buch lesenswert sei. Ihre simple wie eingängige Forderung lautet daher auch: Erst die Lust, dann die Bildung! Sprich: Erst durch Comics, Fantasy und Science-Fiction-Romane oder Sachbücher kann die Leselust bei Jungen geweckt und langfristig verankert werden, um dann das so genannten "guten" Buch interessant zu machen. Zumal gerade letzteres bei Jungen einen schlechten Ruf genießt und eher als belehrend und langweilig, denn als wert- und niveauvoll wahrgenommen wird und somit oft zum Leselustkiller wird. Der Umweg über die von vielen Eltern und Lehrern als minderwertige und triviale angesehenen Literatur, so Katrin Müller-Walde, sei daher unabdingbar. Denn Lesen ist mehr als eine reine Informationsbeschaffung. Lesen ist wichtig für die persönliche Entwicklung eines Kindes. Es macht neugierig auf die Welt und hilft dabei zu lernen, sich in andere hineinzuversetzen und so ein angemessenes Sozialverhalten zu entwickeln.

Alles gute Gründe, warum Kinder und eben besonders Jungen zum Lesen motiviert werden müssen. Gefragt sind da Eltern wie auch Lehrer. Nur wenn sie gemeinsam an einem Stick ziehen, gelingt es Jungen die Freude am Buch langfristig zu vermitteln. Und so zeigt Katrin Müller-Walde dann auch gleich mögliche Wege aus der Misere auf: Angefangen vom regelmäßigen allabendlichen Vorlesen, über lustige Idee für aufregende Leseevents in der Schule bis hin zur Lesepatenschaft für einen Jungen wird jede Möglichkeit ausführlich, praxisnah und unterhaltsam beschrieben. Wobei insbesondere die Väter mehr gefordert werden, denn Lesen ist wie die Umfrage zeigt bei vielen Jungen als weibisch verschrieen. Väter müssen daher - so die Autorin - eine Vorbildfunktion einnehmen und deutlich machen, dass man Lust am Lesen haben kann und trotzdem ein "ganzer" Kerl ist. Zudem fordert die Buchautorin die Lehrenden auf, selbst mehr Interesse an den Freizeitbeschäftigungen ihrer Schützlinge zu entwickeln, denn nur wenn man einander kennt, gelingt es dauerhaft passende Bücher für den Unterricht auszusuchen. Allen Lösungsvorschläge gemein ist, dass sie erfrischend logisch wirken, ohne belehrend zu sein. Was sicher daran liegt, dass Katrin Müller-Walde jeden Vorschlag argumentativ hervorragend belegt. Ihre Thesen leuchten daher ein, ermutigen und machen so das Buch selbst zum Lesespaß. Zumal im letzten Teil des Buches die Jungen selbst nochmals ausführlich zu Wort kommen. In einer Liste mit 50 Lesetipps erklären sie, warum sie welches Buch spannend und lesewert finden. Und da machen neben Harry Potter und Herr der Ringe eben auch die Autobiographie von Dieter Bohlen und die Horrorgeschichten von Stephen King das Rennen. Wer hätte das gedacht! Spätestens diese Leseliste macht "Warum Jungen nicht mehr lesen und wie wir das ändern können" zum Muss für alle frustrierten Eltern, deren Teenager-Söhne lieber vor dem Computer oder Fernsehen hocken, als mal ein Buch zu lesen.


Katrin Müller-Walde: Warum Jungen nicht mehr lesen und wie wir das ändern können
Campus Verlag
239 Seiten
19,90 Euro