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Zeitfragen | Beitrag vom 24.11.2020

Probleme mit Corona-HilfenKunst ohne Brot

Von Thomas Klug

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"Wieder geschlossen - Das Virus schlägt zurück Teil 2 - Einer der schlechtesten Filme, die je gedreht wurden" steht auf Englisch über dem Eingang eines Kinos. (imago-images/ Ralph Peters)
An Schauspielerinnen und Schauspielern gehen die Corona-Hilfen größtenteils vorbei, berichtet eine Betroffene. (imago-images/ Ralph Peters)

Staatliche Hilfspakete und die Kunst - das ist keine einfache Angelegenheit. Auch Kulturschaffende sind in Corona-Zeiten auf Unterstützung angewiesen. Doch viele fallen durchs Raster und landen bei Hartz IV. Das empfinden manche als ungerecht.

Acht Monate nach Verkündung des ersten Lockdowns und viele Hilfspakete später, ist aus dem staatlichen Füllhorn bei der freiberuflichen Schauspielerin Silvina Buchbauer und ihren Kollegen kaum etwas angekommen. 
 
"Die Corona-Hilfen gehen größtenteils an uns freien Schauspielern vorbei. Das liegt an unseren Arbeitsverhältnissen, die sind sozialrechtlich so komplex, dass nichts wirklich derzeit für uns greift. Wir fallen da quasi bei den Definitionen für die, die Hilfe beantragen können, durch alle Raster."

Kein Recht auf Soforthilfe

Da gab es ziemlich schnell die Soforthilfe. Peter Sikorski ist freiberuflicher Schauspieler und als der Lockdown kam, hatte erst einmal nichts zu tun.

"Da dachte ich mir gut, wenn das jetzt ein paar Monate dauert, dann haben wir erst mal die Miete sicher, wenn ich jetzt 5000 Euro beantrage und dann können wir weiter schauen", erzählt er.

"Das Beantragen ging für mich hier in Niedersachsen gar nicht, weil ich noch gar keine festen Folgeaufträge hatte. Als Schauspieler hat man ja Drehanfragen zwei oder drei Wochen vorher. Die waren noch nicht vorhanden, dadurch hatte ich auch keine wirklichen Absagen und konnte gar nicht angeben, was mir durch den Lockdown weggefallen ist. Und da ich nichts angeben konnte, hatte ich auch kein Recht."

Auch bei den Betriebsausgaben musste er passen

"Betriebsausgaben konnte man natürlich angeben, wenn ich jetzt meiner Agentin monatlich hätte Geld zahlen müssen. Aber auch meine Agentin arbeitet ja für mich auf Provision, das heißt, wenn ich Aufträge habe, dann betreut sie die und nimmt davon eine Provision."

Nicht arbeiten dürfen. Keine Soforthilfe. Und: Kein Arbeitslosengeld – das ist für viele freischaffende Schauspieler schwer zu bekommen, weil sie die Bedingungen nicht erfüllen, gleichwohl aber in die Arbeitslosenkasse einzahlen. Da bleibt in der Pandemie nur Hartz IV, erzählt Sikorski.

"Das ist ja Alltag für einen freiberuflichen Schauspieler, dass man zwischendurch Hartz IV beantragen muss, weil man Arbeitslosengeld I nicht bekommen kann. Dieses Mal war es für mich nicht ehrverletzend, muss ich ganz klar sagen, weil der Umgang damit diesmal ganz anders war", sagt er.

Unbürokratische Hartz-IV-Beantragung

"Wegen des Lockdowns gab es ja die leichte Antragsabwicklung. Man musste nur vier Zettel ausfüllen und innerhalb von fünf Tagen kam das Geld. Das war so ein Gefühl der Grundsicherung, dass man gesagt hat, man kommt nicht mehr über die Runden und dann hat der Staat sofort eingegriffen."

Till Bleckwedel ist zufrieden. Er ist Opernsänger und Teilhaber einer Opernkompanie. Bleckwedel lebt in Berlin.

"Im April habe ich diese 5000 Euro für Solo-Selbstständige beantragt und das ging wirklich superschnell bei mir. Es war sehr unkompliziert und innerhalb von 48 Stunden hatte ich das Geld. Das war wirklich super und hat mir echt den Arsch gerettet. Es hat uns als Firma auch gerettet, weil wir zwar keine laufenden Kosten haben, weil wir keine Räume mieten und Leute nur auf Honorarbasis einstellen. Aber wir haben allen unseren Sängern geholfen, auch diese Soforthilfen zu beantragen, die haben auch alle bekommen", sagt er.

"Ich fand das auch sehr gut und sehr solidarisch, weil ich der einzige deutsche Staatsbürger bin und alle anderen sind hier mit Aufenthaltserlaubnis, haben aber anstandslos dieses Geld bekommen. Das fand ich sehr gut und sehr solidarisch."

Sehr unterschiedliche Arbeitsverhältnisse

Freie Künstler und Solo-Selbstständige bewerten die Corona-Soforthilfen also unterschiedlich. Das liegt weniger an unterschiedlichen Blickwinkeln. Und es liegt nicht nur an unterschiedlichen Regelungen in verschiedenen Bundesländern. Ursachen für die unterschiedliche Zuteilung von Hilfsgeldern sind die sehr unterschiedlichen Arbeitsverhältnisse mit denen freie Künstler in ihrem Alltag konfrontiert werden. 

Die Interessenvertretung der Schauspieler versucht mit Videos zu erklären, was es alles so gibt. Es ist mühselig.

Corona macht es nicht leichter. Silvina Buchbauer erklärt, warum.

"Wir sind keine reinen klassischen Angestellten. Wir sind aber auch keine reinen Solo-Selbstständigen. Und deswegen ist das für uns gerade so schwierig. Man schiebt uns von einem zum nächsten, aber niemand ist für uns zuständig, weil wir nirgendwo sagen können, ja, ich bin hauptberuflich solo-selbstständig. Oder ich bin irgendwo angestellt. Sind wir nicht. Wir sind alles im Wechsel", erklärt sie.

"Und deswegen gucken viele von uns seit März jetzt in die Röhre und haben keinerlei Unterstützung. Auf alle Arbeiten, die wir leisten, auf alle unsere Tätigkeiten zahlen wir aber in nicht unerheblichen Maße Sozialversicherungsabgaben und natürlich auch Steuern. Also: einzahlen ja – jetzt Hilfe bekommen nein."

Keine angemessene Hilfe bisher

Silvina Buchbauer kennt auch den Einwand, dass man eben Hartz IV beantragen solle, wenn nichts mehr geht. Die freiberufliche Schauspielerin sieht das kritisch.

"Bei der Frage von Hartz IV geht es mit Sicherheit nicht darum, dass die Schauspieler sich zu fein sind oder eine Extrawurst haben wollen. Es geht genau um das Gegenteil. Wir wollen einfach genauso behandelt werden, wie andere auch. Die Corona-Hilfen für Angestellte zum Beispiel, das Kurzarbeitergeld zum Beispiel, das wird ja auch ganz klar anteilig am bisherigen Lohn des Beschäftigten bemessen", sagt Buchbauer.

"Wenn ich jetzt aber als freie Schauspielerin in Hartz IV geschickt werde, dann spiegelt dieser sehr niedrige Hartz-IV-Satz meine nachweislichen Verdienst- und Einnahmeausfälle überhaupt nicht wieder. Es wäre nicht so schwer, da eine Bemessungsgrundlage zu finden."

Aber es bleibt kompliziert. Mit dem zweiten Lockdown wurde auch die sogenannte Novemberhilfe angekündigt. Der Monat neigt sich dem Ende zu, Geld fließt immer noch nicht, zumindest das Antragsformular soll ab morgen digital abrufbar sein. Bei den Corona-Hilfen wäre Klarheit für die freien Künstler wünschenswert. Fantasie ist bei der Kunst besser aufgehoben.

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