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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 26.09.2011

Probelauf fürs Leben im All

In Arizona zogen vor 20 Jahren acht Menschen in das ökologische Forschungslabor "Biosphäre 2"

Von Marieke Degen

Das Versuchslabor Biosphäre 2 in der Wüste von Arizona (picture alliance / dpa / Jerzy Dabrowski)
Das Versuchslabor Biosphäre 2 in der Wüste von Arizona (picture alliance / dpa / Jerzy Dabrowski)

Was passiert, wenn acht Menschen zwei Jahre lang, völlig abgeschnitten von anderen, zusammen in einer künstlichen Welt leben müssen? In den USA wurde dieses Experiment zu einer psychischen Zereißprobe für die Versuchspersonen.

Oracle, Arizona, 26. September 1991. Es ist kurz vor acht. Gigantische Kuppeln aus Stahl und Glas funkeln in der Morgensonne. Acht Männer und Frauen in futuristischen blauen Uniformen winken noch einmal fröhlich in die Kameras, darunter auch die Ökologin Jane Poynter. Dann betreten sie durch die Luftschleuse eine andere Welt.

"Ich war damals 29 und sollte die nächsten zwei Jahre in der Biosphäre 2 verbringen – zusammen mit sieben anderen."

Biosphäre 2 ist so etwas wie eine Mini-Ausgabe der Erde – der Biosphäre 1, wie sie die Projektleiter nennen. Ein privates Unternehmen hat das Riesentreibhaus in der Wüste von Arizona gebaut. Auf einer Fläche von zwei Fußballfeldern gibt es einen Ozean mit Korallenriff, einen Mangrovensumpf, eine Wüste und einen Regenwald, außerdem Felder, Labors und Wohnungen. 4000 Pflanzen- und Tierarten tummeln sich unter dem gewaltigen Glasdach, von Hausschweinen über Fledermäusen bis hin zu Termiten. Die acht Bionauten sollen hier völlig autark leben, so komplexe Vorgänge wie den Kohlendioxid-Kreislauf erforschen und gleichzeitig testen, ob sich Biosphäre 2 als Außenposten im All eignet, wie die Projektsprecherin Kathy Dyhr erläutert.

"Es ist eine Art Prototyp für eine Marsstation. Zwei Jahre, also der Dauertest in Biosphäre 2, das ist ungefähr die Zeit, um eine Besatzung dort hinzufliegen. Zwei Jahre geben uns mit Sicherheit die Daten, um sagen zu können, ok, wenn Biosphäre 2 so lange völlig abgeschlossen ohne Zufuhr von Luft und Wasser arbeitet, und die Atmosphäre dann immer noch in Ordnung ist, dann können wir sicher sein, dass sich das System selbst erhält."

Biosphäre 2 ist ein geschlossenes System. Nichts darf in das Gewächshaus hinein- und nichts aus ihm herausgebracht werden. Nur die Energie wird von draußen geliefert. Tagsüber bestellen die Bionauten die Felder oder fangen Fische. Abends werten sie wissenschaftliche Daten aus. Doch es gibt von Anfang an Probleme.

"Die Sauerstoffkonzentration in der Luft hat bedrohlich abgenommen. Aber das haben wir erst nach einem halben Jahr bemerkt. Das war das große Rätsel: Wo geht bloß der ganze Sauerstoff hin."

Der Sauerstoff wird im Beton gebunden, der in der Mini-Erde verbaut worden ist. Jane Poynter und ihre Mitstreiter sind ständig übermüdet, nachts schnappen sie nach Luft, auch die Lebensmittel sind knapp.

"Wir hatten immer Hunger, selbst nachdem wir etwas gegessen hatten. Das war wirklich schlimm. Nachmittags um vier, wenn ich Unkraut auf einem Feld jäten oder abgestorbene Blätter im Regenwald abschneiden wollte, hatte ich einfach keine Energie mehr."

Aus Freunden werden Feinde, die sich gegenseitig Essen klauen und ins Gesicht spucken.

"Unsere Gruppe zerbrach in zwei Teile, auf jeder Seite waren zwei Männer und zwei Frauen. Das ist relativ normal für isolierte Gruppen. Das passiert im Weltall, in der Antarktis. Aber es bricht dir das Herz, wenn deine besten Freunde auf der anderen Seite stehen."

Aus wissenschaftlicher Sicht war das Projekt immer umstritten. Der Biochemiker David Stumpf von der Universität von Arizona sagte im Frühjahr 1992:

"Ökologisch betrachtet ist das Projekt Biosphäre 2 wirklich sehr interessant. Nur wissenschaftlich ist es eben wertlos. Das wollen die Bionauten nicht wahrhaben. Ihnen ist wichtig, dass das Projekt voll im Zeitgeist liegt. Jeder interessiert sich heute für Ökologie, für Raumfahrt, für die Kolonialisierung des Weltalls. Sie waren nicht interessiert an herkömmlicher Wissenschaft, wo mühsam versucht wird, Einzelaspekte zu untersuchen und komplett zu verstehen. Sie wollten gleich aufs Ganze gehen und hoffen jetzt, dass alles gut läuft."

Doch nichts läuft gut. Pflanzen welken, Bäume werden morsch. Fast alle Wirbeltierarten sterben aus; Ameisen und Kakerlaken vermehren sich unkontrolliert. Immer wieder muss das Glashaus geöffnet werden, um Sauerstoff zuzuführen. Am 26. September 1993, nach zwei Jahren und 20 Minuten, verlassen die Bionauten das Treibhaus. Das Projekt ist gescheitert.
Heute gehört das Riesentreibhaus zur Universität von Arizona. Forscher untersuchen hier, wie sich der Klimawandel auf unseren Planeten auswirkt. Die Luftschleusen bleiben dabei aber immer geöffnet.

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