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Lesart | Beitrag vom 06.11.2018

"Prix Goncourt"Die Favoriten für Frankreichs wichtigsten Literaturpreis

Dirk Fuhrig im Gespräch mit Andrea Gerk

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Zwei Frauen und ein Mann mit Bücher und Tablet in der Hand im Gespräch auf einer Wiese vor dem Eiffelturm in Paris (imago/PhotoAlto)
Es gibt Dutzende Literatur-Auszeichnungen im buchaffinen Frankreich. (imago/PhotoAlto)

Am Mittwoch wird der wichtigste und legendärste aller Literatur-Auszeichnungen im Leseland Frankreich vergeben: der "Prix Goncourt". Das Preisgeld liegt bei 10 Euro, aber Ruhm und Verkaufsaussichten sind enorm. Wir schauen auf die Favoriten.

Es ist Preis-Saison in Frankreich. Wie jedes Jahr werden auch jetzt wieder Dutzende Literatur-Auszeichnungen im Leseland Frankreich verliehen. Fast 400 französischsprachige Romane hat dieser Herbst hervorgebracht. Ziemlich unüberschaubar, dieser Drang zum Schreiben und Veröffentlichen.

Jetzt laufen die Diskussionen in den Jurys heiß, das Preis-Wesen steuert auf den Höhepunkt zu. Am Mittwoch wird der wichtigste und legendärste von allen Auszeichnungen verliehen: "Le" Goncourt, wie man nur sagt: der Prix Goncourt. Wie üblich im Feinschmecker-Restaurant Drouant, in der Nähe der Pariser Oper. Immer gegen Mittag, im Anschluss an das letzte "Arbeitsessen" der Jury.

Das Preisgeld ist zwar nur 10 Euro, der Ruhm ist jedoch enorm, und die Auflage schießt in aller Regel in mittlere sechsstellige Regionen. Kulturredakteur Dirk Fuhrig hat die Listen gesichtet und stellt die vier Glücklichen, die es bis in die Endrunde geschafft haben, vor:

David Diop: "Frères d’âme"
Der Titel bedeutet übersetzt "Seelenbrüder" oder "Seelenverwandte" und spielt im Französischen an auf "Frères d’armes" ("Waffenbrüder"). Ein Anti-Kriegs-Roman aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, erzählt aus der Perspektive von Soldaten aus Afrika, konkret von Senegalesen, die im Dienste Frankreichs kämpften. Ein eher vergessener Aspekt, aber tatsächlich bestand ein Teil der französischen Armee aus Kämpfern, die das Land aus seinen Kolonien rekrutierte. Rund 200.000 solcher "tirailleurs sénégalais" dienten im französischen Heer.

Der Krieg wird in seiner ganzen Brutalität geschildert, und es wird vor allem gezeigt, welche Verwüstungen das Vegetieren in den Schützengräben Lothringens in den Seelen der Soldaten anrichtete. Es ist aber keine direkte Anklage an die Kolonialmacht, wie man denken könnte. Vielmehr beschäftigt sich das Buch auch mit den Clan-Strukturen im Senegal vor 100 Jahren.

"Frères d’âme" ist aufgebaut wie ein Gesang, wie ein Litanei, ein Monolog, in dem sich der Protagonist sein Angst von der Seele schreibt.

Paul Greveillac: "Maîtres et esclaves"
In "Herren und Sklaven" skizziert dieser Autor der jüngeren Generation (Jahrgang 1981) den Lebensweg des chinesischen Malers Keiwei, der unter der Kulturrevolution aufwächst. Ein großer, breit auserzählter Roman, der in die Abgründe des Totalitarismus führt. Ein starkes Epochenbild, historisch-biografisch.

Das Buch steht auf zahlreichen Auswahllisten zu den Literaturpreisen, zählt also zu den Favoriten. Auch wenn David Diop mit "Frères d’âme" von vielen Kritiken als der Favorit angesehen wird.

Thomas Reverdy: "L´Hiver du mécontentement"
Der "Winter der Unzufriedenheit" führt in das England der Jahre 1978/79. Damals lag das Land wirtschaftlich darnieder, ein Streik folgte auf den anderen. Gerade junge Menschen haben mit Arbeitslosigkeit zu kämpfen.

Reverdy erzählt aus der Sicht der Fahrradbotin Candice, die bei Wind und Wetter in London unterwegs ist. Sie ist eigentlich Schauspielerin und probt Shakespeares "Richard III" – das Theaterstück über einen der niederträchtigsten und skrupellosesten Könige der Geschichte.

Das System politischer und ökonomischer Macht wird vor dem Hintergrund der Punk- und der No-Future-Bewegung erzählt, mit zahlreichen Verweisen auf die Musik jener Zeit, die das Lebensgefühl so stark prägte. Ein Roman, der den Sound einer Epoche einfängt – die in die wirtschaftsliberale Regentschaft der "Eisernen Lady" Margaret Thatcher führte. Daher rühren auch gesellschaftliche Verhärtungen, die bis in die aktuelle Brexit-Diskussion hineinwirken.

Nicolas Mathieu: "Les enfants après eux"
Eine Jugend Anfang/Mitte der 90er-Jahre, auf dem Land, in der tiefen französischen Provinz. Der Autor (Jahrgang 1978) stammt selbst aus so einer ruralen Region, nämlich aus dem Städtchen Épinal in den Vogesen.

Hier treffen Kleinstadt-Cowboys auf halbstarke Mofa-Rocker. Die Erwachsenen schlagen sich gerade so mit Gelegenheitsjobs durch. Es wird viel getrunken und abfällig über Ausländer geredet. Der Front National existiert bereits, aber hat von der Arbeiterklasse noch nicht vollständig Besitz ergriffen. Das Milieu erinnert an die Bücher von Édouard Louis ("Das Ende von Eddy") und Didier Eribon ("Rückkehr nach Reims"), allerdings ohne deren oft radikale, klassenkämpferische Sicht auf die Lage.

Mathieu fängt die verbreitete Schrebergarten- und Baumarkt-Mentalität vieler Provinz-Bewohner sehr gut ein, seine Milieuschilderung ist außerordentlich treffend, oft voller Humor, aber auch voller Verzweiflung und Melancholie. Seine Protagonisten, die an der Schwelle zum Erwachsenwerden stehen, sehen sich einer Zukunft ohne Perspektive gegenüber – auch hier also: "no future".

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