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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 20.02.2018

Privatschulen für Bildungsaufsteiger"Fack ju Bildungsghetto!"

Von Peter Kessen

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Kinder spielen Ball auf dem Schulhof einer Schule im Bezirk Kreuzberg in Berlin im März 2011. Mehr als 70 Prozent der Kinder hier haben einen Migrationshintergrund. (picture alliance / Wolfram Steinberg)
Schlechte Aussichten: Bildungschancen hängen in Deutschland stark von der sozialen Herkunft ab. (picture alliance / Wolfram Steinberg)

Privatschulen sind nur was für Kinder aus reichem Haus? Stimmt nicht! Auch gesellschaftlich benachteiligte Kinder können von privaten Schulen profitieren. Ungewöhnliche Lehransätze sollen beim Lernen helfen.

Ein moderner fünfstöckiger Gebäudezug, 50er-Jahre, wellblechförmige Zierverkleidungen an der Fassade. Früher mal Möbelhaus. Heute: Waldorfschule!

Die interkulturelle Waldorfschule Neckarstadt-West hat hier ihre Klassenräume. Links vom Schuleingang ein türkischer, rechts ein asiatischer Supermarkt. Ein besonderer Standort für eine Waldorfschule. Diese Dependance hat ihren Platz in einem sogenannten Problemviertel gefunden. Mit einer für Waldorfschulen ungewöhnlichen Schülerschaft.

"Die Schülerschaft ist sehr gemischt bei uns", sagt Schulgeschäftsführerin Susanne Piweck. Etwa 50 Prozent der Schülerinnen und Schüler habe einen Migrationshintergrund. Ein Drittel der Eltern ihrer Schule sind Geringverdiener oder auf Hartz 4 angewiesen, die Hälfte übt Berufe wie Altenpfleger, Verkäufer oder Maler aus und nur ein Fünftel sind Akademiker.

Als Besserverdienende gelten laut Schulstatistik überhaupt nur knapp zehn Prozent der Eltern. In anderen Waldorfschulen dominieren die Kinder von Akademikerpaaren, von Besserverdienenden.

Dies sei also eine "besondere Waldorfschule", meint Piwecki.

"Soweit ich weiß, ist es die einzige Waldorfschule in Deutschland, die diese Zusammensetzung hat."

Entstanden ist diese besondere Waldorfschule durch eine Initiative der anthroposophisch orientierten Alanus Hochschule in Mannheim: Ein Aktivistenkreis wollte mit Waldorfpädagogik die Lage von bildungsbenachteiligten Kindern aus ärmeren Schichten verbessern. Ein Experiment, das helfen soll, das deutsche Elend der Bildungssegregation zu mildern. Die Waldorfschule ist nicht die einzige, die sich auf diesem für Privatschulen ungewöhnlichen Feld tummelt.

Disziplin, klare Strukturen, Zielvereinbarungen

Eine andere, etwas zackigere Variante dieses Experiments ist die Quinoa Schule im Berliner Wedding. Hier geht es um Verhaltensmanagement, Disziplin, klare Strukturen, Zielvereinbarungen und Lobtabellen. Gerade steht der stellvertretende Schulleiter Pantelis Pavlakidis vor seiner Klasse und beobachtet eine Schülerin, die Strafarbeit leisten muss.

"Eine Schülerin bei mir in der achten Klasse hat gerade Probleme mit dem rechtzeitig zur Schule kommen", erzählt er.

"Was jetzt so massiv war, das wir dazu übergegangen sind, dass wir sie jede Minute, die sie morgens zu spät kommt, am Nachmittag dranhängen zu lassen. Und dann erledigt sie einen Dienst für die Gemeinschaft. Und im Moment ist das, hier oben den Flur fegen und den Müll vom Tag beseitigen."

Können diese Privatschulen in sozialen Brennpunkten eine Alternative zum staatlichen Schulwesen sein? Neue Bildungsmethoden sind notwendig: Im Dezember 2017 schockte einen neue "Iglu-Studie" mit ihrer Diagnose zur Lesefähigkeit von Grundschülern.

"Was negativ zu bewerten ist, und was mich wirklich auch erschreckt hat, ist die Gruppe der Schlechtleser", sagt Heinz-Peter Meidinger, Präsident des deutschen Lehrerverbandes und Schuldirektor im bayrischen Deggendorf:

"Und wenn wir von Schlechtlesern in der Grundschule sprechen, dann sprechen wir von Kindern, die nicht lesen können. Eine gewisse Form des Analphabetismus. Wir hatten eine Steigerung von etwa 16 auf etwa 18 Prozent, also etwa ein Fünftel der Kinder. Das sind überdurchschnittlich viele Kinder aus prekären Familienverhältnissen, aber auch überdurchschnittlich viele Kinder mit Migrationshintergrund, wo zuhause nicht Deutsch gesprochen wird, also im Regelfall beide Elternteile im Ausland geboren sind."

Bildungserfolg ist von der Herkunft abhängig

17 Jahre nach dem berühmten Pisa-Schock, der zeigte wie stark in Deutschland der Bildungserfolg von der Herkunft abhängt, ist einiges geschehen und manches war erfolgreich: Der Anteil der bildungsschwächsten Schüler an der Gesamtschülerschaft ist gesunken.

Trotzdem glaubt Christa Anger, Bildungsexpertin beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft, dass gerade jetzt größere Anstrengungen nötig sind. Man sehe schon, dass es noch einen Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungserfolg gebe.

"Und wir sind immer noch schlechter in diesem Zusammenhang als der Durchschnitt der OECD Länder."

Hinter der Eingangstür zur interkulturellen Waldorfschule Neckarstadt-West führen die ersten Schritte eine Treppe hinauf. Schnell steht man in einer Halle, entsprechend Steiners Farblehre strahlen die Wände hellblau, die Farbe in Wirbeln dick aufgetragen.

Singend und spielend die Sprache lernen

Die Lehrerin Katrin Höfer unterrichtet Deutsch als Vertiefungssprache für die ersten Klassen. Hier sitzen zumeist Kinder mit Migrationshintergrund, die so besser Deutsch lernen sollen. Heute geht es um Präpositionen, die Frage "Wo?" führt zum Dativ, die Frage "Wohin?" zum Akkusativ. Dann geht es um die Jahreszeiten.

Ihr sei es wichtig, von einem "ganzheitlichen Spracherlebnis" auszugehen, sagt Höfer.

"Dass ich nicht einzelne Sprachelemente nacheinander einführe. Sondern wir haben das Ganze immer in einem ganzheitlichen Kontext, in einem Spruch, und wir singen auch viel. Dann gibt es auch ein Plakat, dass sie alles erkennen: Worum es geht in den Liedern."

Beeindruckend ist das Engagement der Kinder, sich wegducken vor der Antwort gibt es nicht. Die Schüler freuen sich, wenn die Lehrerin Ihnen eine Frage stellt. Der Unterricht folgt dem natürlichen Spracherwerb von Kindern in den ersten sieben Lebensjahren, der spielerischen Nachahmung.

"Ich heiß Ümerjan, bin sieben Jahre alt, meine Mama kommt aus Russland, mein Papa kommt aus Türkei", erzählt eines der Kinder. "Ich heiße Mislina, bin acht Jahre alt", das nächste. Und dann: "Ala, und ich bin acht Jahre."

Ala sei im September letzten Jahres hier angekommen, erzählt die Lehrerin, Katrin Höfer. Damals habe sie kein Wort Deutsch gesprochen, "ein Flüchtlingskind". Auch sie sei mittlerweile gut in dieser Fördergruppe angekommen.

"Der Vater ist noch im Irak. Die Mutter kam an unsere Schule durch einen Verwandten, der hier in der Schule war, und daher kannten sie die Schule irgendwie. Und das war dann für sie auch ganz logisch nachvollziehbar: wo das Kind aufgrund des Sprachmangels ganz andere Möglichkeiten hat, als wenn sie in eine staatliche Schule gegangen wäre."

"Die Ala darf oben mal erste Zeile, das erste Wort lesen. Was steht da?", fragt Neset Türkmen, der Klassenlehrer von Ala. "Eine", liest Ala vor.

"Ich weiß noch, dass sie geweint hat, als ich das erste Mal mit ihr gesprochen habe, weil sie völlig verunsichert war", erzählt Türkmen.  Nun sei sie ein Kind, das hüpft und springt und "sich sehr gut entwickelt hat, das sich ausdrücken kann, sprechen kann".

 "Wie heißt der dritte Monat, Ala?", fragt Türkmen. "Januar , Februar, März", zählt das Mädchen auf. Der Lehrer lobt sie: "Sehr gut!"

Kein Sitzenbleiben, keine Noten, kein Druck

Hier würden die Kinder keinen Druck bekommen, "dass sie in der ersten Klasse schon lesen und schreiben lernen müssen", erklärt der Lehrer.

"Wenn die Kinder dann soweit sind, das ist sehr schön, sehr gut. Aber die anderen Kinder, die eben die Zeit brauchen, die haben die Zeit. Ohne sich einem Druck ausgeliefert zu sehen: Ich muss jetzt da was machen – und daran verzweifeln. Und dann dicht machen. Und dann läuft noch viel weniger, als es normalerweise sein könnte. Also, kein Sitzenbleiben, keine Noten geben - und auch das Lesen lernen und Schreiben lernen ausgedehnter in der ersten, zweiten Klasse."

Neset Türkmen hat in seiner Grundschulzeit selbst die Erfahrung gemacht, als Versager abgestempelt zu werden. Das kennt die Waldorfpädagogik nicht: Es gibt in den ersten Jahren keine verbindlichen Ziele des Spracherwerbs. Nicht in der ersten oder zweiten Klasse wird bilanziert, sondern erst ab der neunten, wenn die Abschlüsse anstehen.

Auch für die deutsche Mittelschicht ohne Migrationshintergrund ist die Schule interessant. Zum Beispiel für Maria Meyer. Sie habe zwei Kinder und erwarte außerdem demnächst Zwillinge.

"Eine Tochter ist hier auf der Schule, in der zweiten Klasse. Und meine andere Tochter kommt nächstes Jahr in die Schule."

Sie sei von der Schule "total begeistert", vor allem vom dem Konzept des "Künstlerischen, der Persönlichkeitsentwicklung". 

"Ich finde hier besser, dass der Druck nicht so groß ist, weil meine Tochter etwas langsamer ist."

Normalerweise zahlen Eltern in Waldorfschulen für das erste Kind rund 150 Euro, für die ersten beiden Kinder rund 250 Euro. Hier werden sozialschwächere Eltern von diesen Summen befreit. Das funktioniert über eine Subventionierung innerhalb des Verbundes der Waldorfschulen.

Strukturen und Lernrituale als Ankerpunkte

Jede Schulstunde an der privaten Quinoa-Schule im Berliner Wedding beginnt mit dem Gong. Auch die Stunde von Pantelis Pavlakidis. Der 31-Jährige Lehrer ist stellvertretender Direktor, ein Quereinsteiger und von Haus aus Ethnologe. Die Schülerschaft, rund 200 Jugendliche, ist, obwohl Privatschule, der der öffentlichen Schulen im Viertel ähnlich.

Etwa 80 Prozent der Familien würden von Hartz 4 leben, sagt Pavlakidis.

"Migrationshintergrund, da liegen wir, wie andere Schulen im Wedding, bei 90 Prozent. Man könnte die Klassen an jede andere Schule im Wedding verpflanzen und sie würden dort nicht auffallen."

Die Deutschlehrerin Rebecca Ludewig liest mit der Klasse 7b das Buch "Lauf, Junge, Lauf". Es ist ein authentischer Jugendroman von Uri Olev, die Geschichte eines jüdischen Jungen im Warschauer Ghetto und Zweiten Weltkrieg.

Rebecca Ludewig nennt zunächst die Ziele des Unterrichts. Die Jugendlichen sollen heute bestimmte Kapitel in Stichpunkten zusammenfassen.

"Wir bewegen uns im sehr klassischen Unterricht, der sehr strukturiert ist", erklärt Direktor Pavlakides das Konzept.

"Es gibt immer ein bestimmtes Anfangsritual, damit der Ablauf einer Stunde ersichtlich ist, das Ziel der Stunde ersichtlich ist. Am Ende schauen wir, haben wir die Ziele erreicht. Da können sich die Schüler eben darauf verlassen, dass eine Stunde immer sehr ähnlich aufgebaut ist."

Nicht nur auf den ersten Blick zeigt der Unterricht Anzeichen von Drill und einem durchaus strengen Regiment von Disziplin und Regeln. Das genaue Gegenteil der sanften Waldorfpädagogik, die dem natürlichen Antrieb der Kinder und Jugendlichen folgen will. Trotzdem erfüllt die Klasse hochkonzentriert, fast begeistert, die Aufgaben.

In ganz vielen Haushalten gebe es "wenig Struktur", sagt Pavlakides.

"Weil viele Eltern keiner geregelten Arbeit nachgehen, das heißt, da steht vielleicht Morgens keiner auf mit den Kindern, da guckt keiner, wurde da ein Pausenbrot geschmiert."

In jeder Stunde nennen die Lehrerinnen und Lehrer die Besten der Klasse, meldet sich ein Schüler, wird das protokolliert.

"Wir haben in Deutschland circa 5800 private Schulen", sagt Klaus Vogt, Präsident des Verbandes Deutscher Privatschulverbände. Das seien etwa 11 Prozent aller Schulen und 25 Prozent der allgemeinbildenden Schulen.

Privatschulen haben viel Erfahrung mit Förderschülern

"Wenn wir uns angucken, wie die öffentlichen Schulen und die privaten Schulen im Hinblick auf die Verteilung von lernmittelbefreiten Schülern aussehen, dann haben wir eine extreme Ungleichheit gesehen, dass an den Privatschulen sich sehr, sehr wenige lernmittelbefreite Schüler wiederfinden und an den öffentlichen Schulen eine sehr viel höhere Quote ist."

Der Bildungsforscher Marcel Helbig hat zusammen mit einer Kollegin die soziale Zusammensetzung an Berliner Schulen untersucht. Sie prüften unter anderem, wie groß der Anteil der Schüler und Schülerinnen mit Lernmittelbefreiung ist. Lernmittelbefreiung bedeutet, dass diesen Kindern Unterrichtsmaterial, wie zum Beispiel Schulbücher, kostenlos zur Verfügung gestellt werden. An öffentlichen Grundschulen sind demnach im Durchschnitt knapp 30 Prozent der Kinder lernmittelbefreit, an privaten Grundschulen hingegen unter 10 Prozent. An staatlichen Gymnasien liegt der Anteil bei 18 Prozent. An privaten Gymnasien werden hingegen nur rund zwei Prozent der Schüler durch die Lernmittelbefreiung unterstützt. Der wenig überraschende Befund: Die Schüler von Privatschulen haben mehr Geld im Rücken.

Interessanterweise verfügen aber gerade die Privatschulen über viel Erfahrung im Umgang mit Kindern und Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf.

Privatschulen locken also nicht nur die Sprösslinge der gutverdienenden Eltern an. Gerade im Bereich der Förderschulen, also mit Kindern und Jugendlichen, die schwerer lernen, haben diese Schulen seit Jahrzehnten Erfolge erzielt. Mehr Zuwendung, mehr Zeit und ein genauer Blick sind die Schlüssel - auch für die Arbeit mit bildungsbenachteiligten Jugendlichen, wie bei der Quinoa-Schule.

"Es gibt eben dieses Konzept des Verhaltensmanagements, dessen Grundlage ist, alles was Aufmerksamkeit bekommt, wächst", sagt Pavlakidis.

"Das heißt, wir versuchen den Fokus auf positives Verhalten zu legen. Alles, was wir an positivem Verhalten sehen, soll gelobt werden."

Dazu kommt noch die intensive Begleitung durch Tutoren, also Lehrerinnen und Lehrer, die mit den Jugendlichen Ziele bestimmen und bilanzieren, ergänzt durch intensive Praktika.

In der siebten Klasse können die Jugendlichen zwischen Türkisch und dem Fach interkulturelles Lernen wählen. Das unterrichtet heute auch Pantelis Pavlakidis in einer achten Klasse, die mit selbst gefertigten Faltbüchern die eigenen Familiengeschichten erforscht.

Klare Aufgaben, klare Ziele

"Ihr habt die Aufgabe, Feedback zu geben", fordert Pavlakidis die Schüler auf.

Die meisten Jugendlichen der Klasse stammen aus der Türkei und arabischen Ländern, drei kommen aus Polen, eine aus Indien. An den Wänden stehen erste Lebensziele: "ich werde mein Zeugnis verbessern", "ich werde ein Praktikum als Krankenschwester machen" und "ich werde konzentrierter sein", "ich werde einen Platz bei der Polizei schaffen".

"Ich bin Hicham Qotbi, bin 13 Jahre alt, komme aus Berlin und bin hier geboren. Meine Eltern kommen aus Marokko. Und mein Notendurchschnitt ist sehr gut", erzählt einer der Schüler stolz. "Ich bringe fast nur Zweien, ich bin sehr gut in der Schule, der beste Schüler in Mathe."

 "Wenn jemand andauernd quatscht, wird der Name auf gelb oder rot weitergeschoben", erklärt Lehrer Pavlakidis den Schülern die sogenannte "Ampel", die im Klassenzimmer hängt.

"Ein oder zwei Striche bewirken noch nicht soviel. Bei drei oder vier Strichen muss für den nächsten Tag das Handy abgegeben werden. Und bei fünf Strichen gibt es eine Suspendierung."

Es sei ganz wichtig, den Schülern zu vermitteln, wenn sie mit einer negativen Konsequenzen belegt werden, "dass nicht die Person die Konsequenzen erfährt, sondern das Verhalten der Person".

Dafür würden sie sogenannte smarte Ziele setzen, wie man sie auch in der BWL finde.

"Das kommt auch aus einem sehr amerikanisch angehauchten System. Und das funktioniert eigentlich ganz gut, den Schülern dabei zu helfen, sich Ziele zu setzen. Wie erreiche ich die, was brauch ich dafür? Und wenn die mal nicht erreicht werden, zu schauen, woran hat es eigentlich gelegen, und wie kann ich das besser machen?"

Strenge Lehrer erwünscht

"Wenn ich weiter rede, werde ich auf gelb gesetzt. Das hilft uns auch, uns weiter zu konzentrieren", sagt Hümeysa Ay. Der 14-Jährige geht in die achte Klasse. Seine Eltern stammen aus der Türkei, die Mutter arbeitet als Altenpflegerin, der Vater im Tiefbau. 

"Die Lehrer gehen auf einen zu, fragen wo man helfen kann. Unsere Lehrer sind ja eigentlich voll jung und die verstehen auch Spaß."

Natürlich müssten die Lehrer auch streng sein im Unterricht, sagt Hümeysa. "Wir beschweren uns auch, wenn Lehrer nicht so streng sind", meint er. In der Grundschule habe er nur schlechte Noten gehabt, in Englisch, Deutsch, Mathe.

"Aber nachdem ich auf die Schule kam, hab ich mich auch voll verbessert. Ich hatte eine 3,2. Jetzt ist mein Durchschnitt 2,9."

"Ich finde sehr, sehr gut, wie die Lehrer hier unterrichten", meint auch einer der anderen Schüler, der ebenfalls in die achte Klasse geht. Alles würde einem zweimal erklärt, damit auch jeder weiter komme. Auch er habe früher viele Probleme in der Schule gehabt.

"Jetzt hat sich mein Zeugnis sehr verbessert. Früher war mein Notendurchschnitt 3,0. Mein jetziger ist 2,1."

Überraschend ist, wie zufrieden die Schüler mit der allgegenwärtigen Disziplin sind. Als ob sie die Quinoa-Schule von einer Art falschem Liberalismus erlöst hat, einem Liberalismus, der Gleichgültigkeit und Schlampigkeit, der Schulversagen akzeptiert, Probleme ignoriert und Kinder und Jugendliche durch die Institution Schule hindurchfallen lässt.

Quinoa ist ein Gegenmodell. Mit Lehrern, die als Quereinsteiger schlechter bezahlt werden. Ein ausgebildeter Pädagoge mit Staatsexamen verdient an einer staatlichen Schule rund 1500 Euro mehr. Zu diesem "Gehaltsverzicht" kommen dann noch Spenden und Stiftungsgelder dazu. Das erlaubt den Verzicht auf Schulgeld.

"Hier lernen wir die wesentlichen Dinge"

"Es ist eine interkulturelle Mischung", sagt Maria Meyer, Mutter von zwei Waldorfschulkindern. Sie heißt es gut, dass an der Waldorfschule alle Feste gefeiert würden. Ganz im Gegensatz zu staatlichen Kindergärten oder Schulen. Jüdische Feste, islamische Feste, christliche Feste.

"Geschwinde, zünd Kinder die Chanukka Lichtlein an", liest Andrea Setzer-Blonski vor. Die Lehrerin für Musik und für jüdische Kultur stammt aus Brasilien. Sie feiert im interkulturellen Unterricht mit den Kindern das jüdische Chanukka-Fest.

"Wir lernen schon etwas weniger", sagt der 15-jährige Mehmet Spahic. "Andere lernen viel auswendig und das haben sie nach einer Woche vergessen. Und das ist dann unnötiger Stress. Hier lernen wir die wesentlichen Dinge."

"Waldorf ist viel freundlicher und man ist einfach mehr wie so eine Familie", meint die 14-jährige Leyle Frank. "Es geht wirklich um dein Leben, wie es später wird, du wirst halt viel unterstützt."

Die Waldorfpädagogik orientiert sich an der inneren Welt der Kinder. Sie baut keinen Druck auf, sondern möchte eher einen Sog erzeugen: Kinder und Jugendliche folgen ihren Bedürfnissen. Dem folgen dann freiwilliges Lernen und bessere Ergebnisse.

Privatschulen gehen neue Wege

Private Schulen haben in der Bildungsgeschichte Deutschlands immer eine besondere Rolle gespielt. "Sie sind diejenigen Schulen, die neue Wege gehe, die neue Konzepte ausprobieren", sagt Professor Heiner Barz, Bildungsforscher an der Universität Düsseldorf. Wer habe beispielsweise die ersten Ganztagschulen angeboten?

"Schulen in freier Trägerschaft!"

Wer die ersten Gesamtschulen?

"1919, eine Waldorfschule in Stuttgart."

Wer habe zuerst auf Sitzenbleiben, auf Schulnoten, auf Ziffernzeugnisse verzichtet?

"Schulen in freier Trägerschaft. Wer hat zuerst Projektarbeit eingeführt? Schulen in freier Trägerschaft. Es gab natürlich viele Entwicklungen, positive Beispiele, da hat das allgemeinere Regelschulwesen davon profitiert, das Regelschulwesen hat das später übernommen."

Diese Avantgarderolle erkennt auch Udo Michallik, Generalsekretär der Kultusministerkonferenz an. Privatschulen könnten stärker experimentieren. "Sie haben natürlich durch die Freiheit, die sie haben, in der Ausgestaltung ihres pädagogischen Konzeptes, im Vergleich zu staatlichen Schulen immer die Möglichkeit gehabt, etwas auszuprobieren", sagt Michallik. Und deshalb hätten sie durchaus eine Vorbild- und Experimentierfunktion. 

Bessere Abschlüsse als an Brennpunkt-Schulen

Als besonders gelungenes Beispiel führt Bildungsforscher Heiner Barz eine Waldorfschule in Mannheim an:

"Waldorfpädagogik ist nicht ein Elite-Thema, wo nur die bildungsbeflissenen Lehrer ihre Kinder hin schicken können. Sondern ist eigentlich gerade für die sozialen Brennpunkte, die Kinder mit Migrationshintergrund, gerade für die Kinder, die nicht Deutsch als Muttersprache haben, eröffnen die vielen Elemente der Waldorfpädagogik, Gedichte, Reime, Lieder mit Bewegung kombiniert, diesen Kindern eine besonders günstige Möglichkeit, sprachliche Defizite auszugleichen. Und das scheint auch durch die Begleitforschungen in Mannheim entsprechend bestätigt zu sein."

Seine Untersuchung aus dem Jahr 2009 ergab, dass Kinder mit Migrationshintergrund innerhalb von zwei Jahren genauso gut Deutsch sprechen konnten wie Kinder ohne Migrationshintergrund. Allerdings zeigten die Kinder deutliche Defizite bei der Rechtschreibung. Daraufhin führte die Mannheimer Waldorfschule 2012 eine besondere Deutschförderung ein.

Heute liegen die Abschlüsse der Waldorfschule über denen vergleichbarer Schulen und die Quote der Schulabgänger ohne Abschluss ist niedriger. Die liegt bei vergleichbaren Schulen in Mannheim bei sechs Prozent. Die Waldorfschüler hingegen erreichen laut Schulleitung alle einen Abschluss - auch wegen des größeren zeitlichen Spielraums der Waldorfschule. Für einen Realschulabschluss bekommen die Schüler bis zu zwei Jahren mehr Zeit als an einer staatlichen Schule. Und so erreicht dann auch die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler einen Realschulabschluss oder die Fachhochschulreife.

Auch die Quinoa-Schule im Berliner Bezirk Wedding erreicht bessere Schulabschlüsse als vergleichbare Brennpunkt-Schulen. Der stellvertretende Schulleiter Pantilis Pavlakidis erzählt, dass der erste Jahrgang der Schule die Berufsbildungsreife, den ehemaligen Hauptschulabschluss, abgelegt habe.

"Und da haben 74 Prozent bestanden. Da liegen wir gut über dem, was im Wedding sonst erreicht wird. Da sind die Zahlen so bei 45 bis 50 Prozent. Und Berlin weit sind sie so wie bei uns um die 75 Prozent."

Aber auch das staatliche Bildungssystem in Deutschland kann auf Erfolge zurückblicken. So sank der Anteil der leistungsschwächsten Schüler von 20 auf 15 Prozent, ebenso verringerte sich die Zahl der Schulabgänger ohne Schulabschluss.

Trotz all dieser Verbesserungen bleibt es dabei: Private Schulen wie Quinoa in Berlin oder die Waldorfschule in Mannheim erzielen mit ihren Methoden bessere Ergebnisse. Damit spielen Privatschulen weiterhin eine schon lange eingeübte Rolle. Als Vorbild für das staatliche Bildungswesen und als Erfolgsfahrstuhl für Kinder und Jugendliche mit Bildungsbenachteiligung.

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