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Echtzeit | Beitrag vom 11.05.2019

Pritzker-Preisträger Balkrishna DoshiEin Baumeister, der mit Beton spielt

Von Gerd Brendel

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Blick auf das Architekturbüro von Sangath in Ahmedabad (Vitra Design Museum / Iwan Baan)
Balkrishna Doshi, Architekturbüro Sangath, Ahmedabad, 1980 © Iwan Baan 2018 (Vitra Design Museum / Iwan Baan)

Die Fachwelt rieb sich im vergangenen Jahr die Augen: Wer ist dieser Pritzker-Preisträger Balkrishna Doshi? In Ahmedabad, wo der indische Architekt sein Büro hat, stehen einige seiner Beton-Gebäude – die teilweise als Höhlen unter die Erde wachsen.

Nachmittags in Ahmedabad. Auf der "Drive in Road" staut sich der Verkehr unter den Betonstelzen, auf denen irgendwann einmal Metrozüge fahren sollen. Links und rechts Hochhäuser. Aber hinter einem Eisentor erwartet den Besucher eine grüne Oase in der Großstadtwüste: Grashügel, Wasser plätschert. Schmale Tonnengewölbe ragen aus dem Grün wie Wellen aus Stein. Der Eingang liegt versteckt unter Bäumen.

Rajeev Kathpalia, Senior Architect bei Sangath, ist langjähriger Mitarbeiter von Balkrishna Doshi und sein Schwiegersohn: "Sangath ist sanskrit für ein paar Leute, die zusammen etwas machen. Als Kollektiv wurde es 1955 gegründet, mit einem Architektur- und einem Forschungs-Büro zu Stadtentwicklung. Das Gebäude selbst ist von 1981."

Ein Raum halb Kapelle, halb Höhle

Der Betonbau liegt zwei Meter unter Bodenniveau, durch die Oberlichter in den Tonnengewölben fällt Sonnenlicht auf die langen Arbeitstische. Ein Raum halb Kapelle, halb Höhle: Auch ohne Klimaanlage ist es hier angenehm kühl.

"Ich benutze Beton um eine Architektur zu schaffen, die fließt und lebt wie ein Organismus." – In unzähligen Interviews hat Balkrishna Doshi sein Credo wiederholt. Auch in unzähligen Vorlesungen.

Der Architekt Dhaval Shah hat in den 90er-Jahren bei Doshi studiert, auf einem Campus, den sein Professor selbst entworfen hat. Bis heute zählt CEPT, das Centre for Environmental Planning and Technology, mit seinen knapp 1000 Studierenden zu den Elite-Hochschulen des Landes für Architektur

Ateliers, Bibliothek und Vorlesungsgebäude haben Doshi und seine Kollegen als Quader entworfen. Breite Betonstreben gliedern die Fassaden aus roten Klinkersteinen.

"Uns wurde beigebracht: Beton ist wie Lehm, ein formbares Material, das man in jede beliebige Form gießen kann. Du kannst einen Bambuskorb aus Beton gießen oder einen Holzbalken. Mit Beton kann man spielen."

Dem Beton Leben verleihen

Architektur, das ist für Doshi ein lebendiger Organismus, der jede denkbare Form annehmen kann. Und Beton wie der Grundstoff, dem der Architekt Leben verleiht. Das vielleicht organischste Bauwerk Doshis steht auch dem Campus. Von außen sieht man nur die Kuppeln. Die wie gestrandete fliegende Untertassen aus dem Boden wachsen. Die Höhle darunter hat Doshi für seinen Freund M.F. Husain gebaut.

Blick in den Amdavad Ni Gufa Kunstraum (Vitra Design Museum / Iwan Baan)Balkrishna Doshi in Zusammenarbeit mit M.F. Husain, Amdavad Ni Gufa Kunstraum, Ahmedabad, 1994 © Iwan Baan 2018 (Vitra Design Museum / Iwan Baan)

"Die Freunde haben sich mit dem Projekt gegenseitig an ihre Grenzen geführt", erinnert sich Dhaval Shah: "Husain wollte eine Galerie die seine Kunst herausforderte und Doshi ließ sich von Husain zu einer neuen Gebäudeform herausfordern."

Die kahlen Wände der Betongrotte hat Indiens berühmtester Maler bis unter die Kuppeln mit abstrakten Formen überzogen.

Mit seinen Gebäuden überraschen und mit ihnen Verstecken spielen, so erklärte Doshi einer CNN-Reporterin seine Arbeitsweise. Aber das gelingt ihm nicht immer. Mitten in der wuseligen Altstadt von Ahmedabad steht eines seiner frühen Gebäude aus den 70er-Jahren: Das Kulturzentrum Premabhai Hall.

Ein sehr wuchtiges Raumschiff. Das auskragende Obergeschoß überragt das mittelalterliche Badra Fort turmhoch. Ein brutalistischer Fremdkörper und das Gegenteil von fließender Architektur. Doshi und Beton, das ist eben nicht nur eine Erfolgsgeschichte, sondern auch eine des Scheiterns, mit einem Architekten, der aus seinen Fehlern gelernt hat. Und das allein macht Balkrishna Doshi schon zu einer Ausnahmeerscheinung unter seinen Kollegen.

Architektur für alle – In "Fazit" sprachen wir mit Jolanthe Kugler, der Kuratorin der Ausstellung "Balkrishna Doshi. Architektur für den Menschen". Die erste Retrospektive über das Gesamtwerk des indischen Architekten und Pritzker-Preisträgers außerhalb Asiens ist noch bis zum 8. September 2019 im Vitra Design Museum in Weil am Rhein zu sehen.

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