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Lesart | Beitrag vom 27.01.2020

Primo Levi: "Ist das ein Mensch?"Rationale Analyse des Grauens

Von Tobias Wenzel

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Das Bild zeigt den italienischen Schriftsteller Primo Levi 1985 zwei Jahre vor seinem Tod. (picture-alliance / Leemage / Mario Dondero)
Der italienische Schriftsteller Primo Levi 1985 - zwei Jahre vor seinem Tod. (picture-alliance / Leemage / Mario Dondero)

Primo Levi hat Auschwitz überlebt. Sein erschütternder Bericht "Ist das ein Mensch?" erschien 1947 fast unbeachtet von der Öffentlichkeit, inzwischen zählt er zur Weltliteratur. Zusammen mit dem NDR hat ihn Der Audio Verlag als Hörbuch produziert.

"Mag es eine Anmaßung sein: aber jetzt kann ich, Nummer 174517, durch Sie zu den Deutschen sprechen, kann sie an das erinnern, was sie getan haben ", schreibt Primo Levi in seinem "Brief an den deutschen Übersetzer", den er seinem Auschwitz-Bericht "Ist das ein Mensch?" vorangestellt hat.

Das Buch ist für den italienischen Autor der Versuch einer "inneren Befreiung" und soll ein Beitrag zur Untersuchung des "menschlichen Geistes" sein. Bewusst hält Primo Levi seine Emotionen zurück, will so der rationalen Analyse Raum geben.

650 Menschen eingepfercht in einen Zug

Die Gefühle beim Hören sind aber gerade dadurch umso stärker. Im Februar 1944 werden Primo Levi und andere Juden, insgesamt 650 Menschen, eingepfercht in einen Zug, aus Italien nach Auschwitz deportiert. Frauen und Kinder werden von den Männern getrennt und im Vernichtungslager Birkenau ermordet.

Auch die dreijährige Emilia aus Mailand, "ein neugieriges, ehrgeiziges, fröhliches und kluges Kind; dessen Vater und Mutter es unterwegs im überfüllten Waggon noch gelungen war, ihm in einer Zinkwanne ein lauwarmes Bad zu bereiten, da sich der entartete deutsche Lokomotivführer bereitgefunden hatte, Wasser von der Lokomotive abzuzapfen, die uns alle in den Tod fuhr."

Alexander Fehling trifft ausnahmslos den richtigen Ton: den eines zugleich gebrochenen und doch gnadenlos sachlich erzählenden Zeitzeugen. Zum Glück wurde die fast achtstündige, ungekürzte Lesung nicht mit Musik untermalt. Solch eine Geschichte muss einfach für sich stehen.

Blicke wie durch eine Glaswand

Primo Levi kommt ins Lager Auschwitz III, das an die Buna-Werke der I.G. Farben grenzt. Während viele der Insassen schon nach drei Monaten vor Erschöpfung sterben, überlebt der promovierte Chemiker, weil er im Labor arbeiten darf. Nach bestandener Chemieprüfung beim Deutschen Dr. Pannwitz. Dessen Blick wird Primo Levi nie mehr vergessen.

"Könnte ich mir bis ins Letzte die Eigenart jenes Blickes erklären, der wie durch die Glaswand eines Aquariums zwischen zwei Lebewesen getauscht wurde, die verschiedene Elemente bewohnen, so hätte ich damit auch das Wesen des großen Wahnsinns im Dritten Reich erklärt."

Wie Menschen entmenschtlicht werden

Wie die Insassen gedemütigt werden, indem sie nackt im Schnee stehen müssen, wie der Hunger ihre Träume bestimmt, wie Hoffnungslosigkeit herrscht, weil sie glauben, Auschwitz – Zitat – "nur durch den Kamin" verlassen zu können, kurz: wie Menschen entmenschlicht und seelisch und körperlich vernichtet werden, das macht dieses Hörbuch auf erschütternde Weise deutlich.

Als Ausnahmeerscheinung in all dem Schrecken erlebt Primo Levi einen italienischen Zivilarbeiter, der ihn mit Essen versorgt.

"Ich glaube, dass ich es Lorenzo zu danken habe, wenn ich noch heute am Leben bin. Nicht so sehr wegen seines materiellen Beistands, sondern weil er mich mit seiner Gegenwart, mit seiner stillen und einfachen Art, gut zu sein, dauernd daran erinnerte, dass noch eine gerechte Welt außerhalb der unseren existierte."

Menschlichkeit, Scham und Wut

Wer wenigstens ein Fünkchen Menschlichkeit besitzt und dieses Hörbuch hört, zumal in einer Zeit, in der auch hierzulande Antisemitismus wieder zunimmt, der kann nicht anders, als Scham und Wut zu empfinden. Als Primo Levi über den Tag vor der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee schreibt, denkt er erneut darüber nach, wann man überhaupt noch von einem Menschen sprechen kann:

"Mensch ist, wer tötet. Mensch ist, wer Unrecht zufügt oder leidet; kein Mensch ist, wer jede Zurückhaltung verloren hat und sein Bett mit einem Leichnam teilt. Wer darauf gewartet hat, bis sein Nachbar mit Sterben zu Ende ist, damit er ihm ein Viertel Brot abnehmen kann, der ist, wenngleich ohne Schuld, vom Vorbild des denkenden Menschen weiter entfernt als der roheste Pygmäe und der grausamste Sadist."

Ein Buch, ein Hörbuch, das 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz wichtiger ist denn je.

Primo Levi: Ist das ein Mensch?
Aus dem Italienischen übersetzt von Heinz Riedt
Gesamtlesung von Alexander Fehling
Der Audio Verlag, 6 CDs
7 Stunden und 54 Minuten, UVP: 20 Euro

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