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Breitband | Beitrag vom 27.06.2020

PressefreiheitWie eine taz-Kolumne polarisiert

Eine Kolumne von Samira El Ouassil

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Die Tageszeitung taz steckt in einem Briefkasten.  (picture alliance / dpa-Zentralbild / Soeren Stache)
Hier fing es an: Die Kolumne in der Tageszeitung sorgte für Aufregung. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Soeren Stache)

Die "taz"-Kolumne der Autor*in Hengameh Yaghoobifarah sorgte für einen Eklat, der weit über brancheninterne Journalismusdebatten hinausging. Eine Aufarbeitung der Geschehnisse.

In ihrem Text "All Cops are berufsunfähig" stellt die Autor*in Hengameh Yaghoobifarah die hypothetische Frage, wo die Polizei nach einer eventuellen Auflösung am wenigsten Schaden verursachen kann. Die überzeichnete Antwort: auf der Mülldeponie. Nachdem Bundesinnenminister Horst Seehofer mit einer Anzeige drohte, wurde der Text zum gesamtgesellschaftlichen Politikum.

In einem anfänglichen Clusterfuck wurde erst mal viel vermischt: Presse- und Meinungsfreiheit, die schon länger existierende Tradition der Polizeikritik oder insgesamt Kritik an der Exekutive. All das ist nicht neu. Man denke nur an das Urteil über den Satz "Alle Soldaten sind Mörder" oder, ganz banal, die Textzeile "I shot the Sheriff".

Aber in diesem Fall geht es auch um Repräsentation, Identitätspolitik und Intersektionalität, also Mehrfachdiskriminierung, und – das sage ich mit allem Respekt – es ist auch ein Generationenkonflikt, innerredaktionell, aber auch in der Gesellschaft. Irgendwann fühlte sich die Debatte so an, als würden Basketballer auf einem Fußballfeld Volleyball spielen – und dazwischen rennen noch ein paar Hooligans und rasende Rasenreporter über den Platz, die versuchen, das alles einzuordnen.

Am Anfang war die Aufregung

Aber mit jeder weiteren Eskalation hat sich auch die Berichterstattung über die Kolumne verändert. Es wurden immer mehr Aspekte herausgearbeitet. Zuerst wurde der Text in einer sehr buchstäblich zu nehmenden Eigentlichkeit gelesen – von mir im ersten Moment übrigens auch. In der Empörung, der Kritik und den Verrissen ging es vornehmlich darum, sich zu einem demokratischen Wert, den man als verletzt wahrnahm, zu positionieren.

Wie ein diskursiver Obelisk der Debatte ragte hier der Satz: "Menschen dürfen nicht Müll genannt werden" heraus. Was uns aber auch zur nächsten Phase der Diskussion führte: Hat Hengameh Yaghoobifarah das überhaupt so geschrieben? Und hat sie das so gemeint?

Marc Felix Serrao von der "NZZ" kommentierte es kritisch. In der "taz" gab es eine innerredaktionelle Debatte, die nach außen publiziert wurde. Den Start machten gleich drei distanzierende Texte von Chefredakteurin Barbara Junge, Bettina Gaus und Stefan Reinecke.

Danach kam das Germanistikseminar

Die zweite Phase war eine Art kollektives Germanistikseminar, wo sich nun alle noch mal in die kritisch-hermeneutische Textanalyse hineingearbeitet haben. Das hat sich überschnitten mit der Diskussion über das Wesen von Satire, die Gattung der Kolumne, was sie kann, darf und, hier sehr wichtig: Wer spricht? Wer wird kritisiert? Wer darf kritisiert werden?

Patrick Bahners hat auf Twitter eine interessante Textexegese gestartet. David Hugendick und Jo Schneider haben in der "ZEIT" großartig den Umgang von Satire und Machtverhältnissen aufgeschlüsselt. Ulf Poschardt hat in der "Welt" darauf geantwortet. Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch hat auch Defizite im allgemeinen Textverständnis konstatiert. Interessant war auch der Debattenbeitrag von Deniz Yücel in der "Welt", der einerseits versucht hat, diesen "Müll"-Satz rekontextualisieren und andererseits auf die identitätspolitischen Argumentationen bei der Einordnung des Textes eingegangen ist. 

Dann wurde es spannend

Was uns direkt in die nächste – und interessanteste – Phase der Debatte führt: das Aufziehen vom brancheninternen, mikrosoziologischen zum gesamtgesellschaftlichen Makro-Diskurs. Der Betrachtung, was dieser Diskurs-Clash eigentlich über unsere aktuellen Konfliktlinien sagt. Darüber, wer ein Redeprivileg, ein Kritikprivileg, ein Satireprivileg hat. 

Macht es einen Unterschied, dass die Autor*in intersektional, also mehrfach diskriminiert, wird? Ist ihre Kritik schon automatisch aus ihrer Position heraus nicht auch als eine systemische wahrzunehmen, als sich nicht gegen einzelne Streifenpolizisten richtende, sondern insgesamt als Verspottung der Repräsentanten einer Staatsmacht zu wertende?

Saskia Hödl hat einen mit Yaghoobifarah solidarischen Text geschrieben, der darauf eingeht, auch auf die diskursiven Machtverhältnisse. Mely Kiyak hat dies ebenfalls in der "ZEIT" ausgearbeitet, wenn sie nach dem Recht der Mehrstimmigkeiten in den Medien fragt. Christian Jakob hat eine Art Crashkurs in Sachen Intersektionalität in einem Essay für die "taz" aufbereitet, und Margarete Stokowski hat das in ihrer Kolumne sehr lesenswert aufgefächert.

Es ist kompliziert

Die Frage, ob eine Autorin mit einem deutschen Namen weniger Empörung ausgelöst hätte, kann man mit 'ja' und 'nein' beantworten. 'Nein' deshalb, weil wir oft beobachten konnten, dass, wenn die Verletzung der Sitten oder eines gesellschaftlichen Konsenses als zu kränkend oder schmerzhaft empfunden wird, um es noch satirisch zu lesen, die Empörung komplett unabhängig vom Privilegienstatus des Kommentierenden erfolgt. Denken Sie an Martin Sonneborn, Jan Böhmermann, Leo Fischer, die, wenn sie nur in die richtigen Wunden bohren, auch oft juristische Androhungen als aufjaulende Reaktion ernteten.

Die Empörung fiele bei einer Autorin mit deutschen Namen also nicht zwangsläufig kleiner aus, wohl aber weniger giftig, weniger persönlich, weniger ad hominem. Ein Moritz Hürtgen bekommt nach einer satirischen Verspottung eines gesellschaftlichen Missstandes in Deutschland vermutlich seltener den Satz zu hören: "Wenn es dir hier nicht gefällt, geh dahin, wo du herkommst."

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