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Lesart / Archiv | Beitrag vom 20.12.2016

Pressefotos lesenDie Dreiteilung der türkischen Gesellschaft

Claus Leggewie im Gespräch mit Frank Meyer

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Ein türkischer Polizist bewacht am 18.12.2016 auf dem Minarett einer Moschee die Beerdigung des türkischen Soldaten Fehmi Barcin, der einen Tag zuvor bei einem Angriff in Kayseri getötet worden war. (AFP / Ozan Kose)
Ein türkischer Polizist bewacht am 18.12.2016 auf dem Minarett einer Moschee die Beerdigung des türkischen Soldaten Fehmi Barcin, der einen Tag zuvor bei einem Angriff in Kayseri getötet worden war. (AFP / Ozan Kose)

In unserer Rubrik "...liest ein Bild" wenden wir Bildanalysen auf Pressefotos an. Diesmal deutet Claus Leggewie für uns ein Bild von der Beerdigung eines der Opfer des Anschlags von Kayseri. Dies repräsentiere die Dreiteilung der Türkei, so Leggewie.

Auf dem Foto ist ein vermummter Soldat zu sehen, der mit einem Maschinengewehr auf einem Minarett steht, im Hintergrund ist blauer Himmel zu sehen. Damit sei das Foto ein perfektes Symbol für den Zustand der heutigen Türkei, meint Claus Leggewie:

"Die Dreiteilung des Bildes spiegelt ein Dreierverhältnis wieder, das für die Türkei im Moment sehr bedeutsam ist, nämlich das Verhältnis von Armee, Islam und der säkularen Republik, das ja in den letzten Jahrzehnten erheblich unter Stress geraten ist."

Dass ein Soldat die Moschee beschütze, zeige, wie die alte Teilung zwischen Staat und Religion aufgehoben sei: 

"Hier sieht man, wie sich die Machtverhältnisse in den letzten 20, 30 Jahren von einem säkularen Nationalstaat, einer Republik hingewandelt haben zu einer islamischen Gesellschaft, die aber immer die Armee als Schiedsrichter hat. Die Armee ist ja im Moment sowohl die Quelle einer Besorgnis für Putschversuche gegen Erdogan, als auch der Schutz der türkischen Bevölkerung vor Terroranschlägen."

Insgesamt würden aber solche Bilder wie auch das Bild des Lastwagens in Berlin unsere Wahrnehmung von Terror zu stark beeinflussen, "weil wir zu stark auf die Oberflächenstruktur dieser Bilder achten und nicht in die Tiefe gehen."

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