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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.12.2018

Premiere "Mut und Gnade" in FrankfurtIch bin nicht dieser Körper

Von Natascha Pflaumbaum

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Mut und Gnade Regie: Luk Perceval Andreas Vögler, Katharina Bach Foto: Robert Schittko Ein Mann und eine Frau im Halbdunkel auf einer nassen Bühne. Er liegt und hat seinen Kopf auf ihre Beine gebettet. Sie sitzt mit geradem Rücken auf dem Boden. (Robert Schittko)
Katharina Bach und Andreas Vögler in einer Szene des Sücks "Mut und Gnade" am Schauspiel Frankfurt in der Regie von Luk Perceval. (Robert Schittko)

Der Regisseur Luk Perceval adaptiert ein Buch von Ken Wilber für die Bühne − über die Liebe zu einer Frau und ihren frühen Tod. Dank eines spirituellen Ankers gibt es kein Ertrinken in der Krankheit, sondern den bewussten Abschied aus dem Leben.

Nach dem Tod seiner Frau Terry schreibt der amerikanische Autor Ken Wilber ein Buch über ihr Sterben. Terry hatte Brustkrebs. In "Mut und Gnade" schildert er den gemeinsamen Kampf um Leben und Tod. Der belgische Regisseur Luk Perceval hat diese Geschichte im Bockenheimer Depot in Frankfurt auf die Bühne gebracht.

Acht Menschen stehen knöcheltief im Wasser, lachen hysterisch, plantschen, schlittern, glitschen aus, suhlen sich im Wasser, und wenn der Exzess zu extrem wird, rutschen sie bäuchlings über die schwarze Bühne. Über zweieinhalb Stunden geht diese kraftaufreibende Wasserorgie, in der vier Paare die Geschichte der krebskranken Terry Wilber "inkorporieren": Sie pressen diese Geschichte durch ihre Körper. Das ist intensiv und beklemmend anzusehen, oftmals sehr akrobatisch, brutal, aber eben auch so theatral verfremdet und kodiert, dass nicht der Eindruck entsteht, hier würde einfach nur eine weitere Krebsgeschichte erzählt.

Es ist die Geschichte einer Frau, die zehn Tage nach ihrer Hochzeit erfährt, dass sie Brustkrebs hat. Es folgen OPs, Therapien, Terry schöpft Hoffnung, lebt eine Zeitlang unbeschwerter. Dann kommt der Rückfall, drastischer, lebensgefährlicher, wieder Therapien, Tod. Luk Perceval bringt diesen Stoff als "choreographische Annäherung" auf die Bühne: komplex mit chorisch skandiertem Text, rhythmisierten Bewegungsformationen der Gruppe, zärtlich akrobatischen Pas-de-deux der Paare, wispernden Monologen. Die Paargeschichte wird so aufgebrochen, das Schicksal bekommt so viele Stimmen, es sind die widerstreitenden inneren und äußeren Stimmen von Terry, ihrem Mann Ken, die Stimmen der Ärzte, Experten. Es gibt eine Musikalität ohne Musik auf der Bühne.

Mut und Gnade Regie: Luk Perceval Ensemble Foto: Robert Schittko Ensemblemitglieder in einer dynamischen Szene mit vom Boden spritzendem Wasser im Halbdunkel auf der Bühne. (Robert Schittko)Szene aus dem Stück "Mut und Gnade" am Schauspiel Frankfurt in der Regie von Luk Perceval. (Robert Schittko)

"Mut und Gnade" ist vordergründig eine Leidensgeschichte, die sich in einer Liebesgeschichte spiegelt. Luk Percevals Bühnenadaption ist jedoch vielmehr ein Plädoyer für Spiritualität. Ihm geht es um einen wesentlichen Moment im Sterbeprozess: um das "Loslassen". Am Ende macht sich die Protagonistin Terry auf einen spirituellen Weg, um sich von der Welt zu verabschieden.

"Ich habe einen Körper. Aber ich bin nicht dieser Körper!", sagt sie. Dank dieses spirituellen Ankers, droht Terry und Ken am Ende nicht ein Ertrinken in der Krankheit, sondern ein bewusster Abschied aus diesem Leben.

Perceval schafft es mit dieser Arbeit, die spirituelle Dimension des Sterbens offenzulegen. Ohne Kitsch, ohne Pathos, ohne Esoterik. Es ist mitunter ein bisschen Theater als Therapie, was er macht, aber am Ende doch eher ein Angebot, sich auf etwas einzulassen, vor dem man allzu gern die Augen verschließt.

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