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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.04.2015

Premiere am Staatstheater KasselEine grelle Farce

Von Stefan Keim

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Das Staatstheater in Kassel, Deutschland am 19. Dezember 2013 bei Dunkelheit. (picture alliance / dpa - Uwe Zucchi)
Das Staatstheater in Kassel, Deutschland am 19. Dezember 2013 bei Dunkelheit. (picture alliance / dpa - Uwe Zucchi)

Die deutsche Erstaufführung der "Hochzeit bei den Cromagnons" an der Bühne in Kassel ist eine energiegeladene Brachialkomödie. Die Geschichte ist die einer absurden Feier in einer übriggebliebenen Menschengemeinschaft nach dem großen Knall.

Das Stück "Verbrennungen" zählt zu den Rennern auf den Theaterspielplänen. Subtil und abgründig erzählt der im Libanon geborene Dramatiker Wajdi Mouawad von zwei Geschwistern, die ihre Herkunft erkunden und davon, wie Kriegserlebnisse Menschen prägen und zerstören. Um Letzteres geht es auch in der Komödie "Hochzeit bei den Cromagnons", die nun in Kassel deutschsprachige Erstaufführung hatte. Aber das schon Anfang der neunziger Jahre geschrieben Debüt Mouawads ist eine ganz andere Spielart des Theaters.

Mitten im Krieg, während um sie herum Bomben fallen, wollen die Cromagnons Hochzeit feiern. Mutter Nazha und Sohn Neel bereiten hektisch das Buffet vor, beschweren sich über den muffigen Salat, den sie beim "Armenier" gekauft haben, versuchen, aus verfaulten Kartoffeln Püree zu machen. Vater Neyif zieht einen lebenden Hammel hinter sich her, der noch mit einem stumpfen Messerchen geschlachtet werden muss. Während die Braut erst im Hintergrund bleibt und unter andauernden Schlafattacken leidet.

Eine grelle Farce im Stil von Jarrys "König Ubu"

Das Stück schwankt zwischen grotesken und stillen Momenten, in denen das Grauen des Krieges durchbricht. Beim Lesen wirkt es ziemlich disparat, schon die Sprache mischt derben Gossenslang mit poetischen Momenten und bitterer Ironie. Vielleicht lag der Text deshalb so lange in verschiedenen Dramaturgien herum, bis das Staatstheater Kassel sich nun an die Erstaufführung wagte. Und auf ganzer Linie überzeugt, denn Regisseur Gustav Rueb findet genau den richtigen Zugriff.

Er inszeniert das Stück als grelle Farce im Stil von Jarrys "König Ubu". Knallhart gehen Eltern und Kinder miteinander um, aber unterschwellig entsteht ein Gefühl von Wärme, ein Rest Zusammenhalt. "Crogmagnons" ist das französische Wort für Urmenschen, und so verhalten sie sich oft. Allerdings ist es der Krieg, der sie aus der Zivilisation zurück gebombt hat. An der Decke ihrer Wellblechbaracke, die höhlenartige Öffnungen aufweist, baumelt ein Kronleuchter. Über einer Kochplatte versuchen sie, den Hammel zu grillen. Ständig fällt der Strom aus. Das Abhalten der Hochzeit steht für ein Leben, das längst nicht mehr möglich ist. Aber die Cromagnons krallen sich daran fest, der Bräutigam ist nur Fiktion, die Gäste auch – mit einer Ausnahme einer einsamen Nachbarin -, aber das ist egal. Die absurde Fantasie ist der letzte Halt.

Den ausgezeichneten Schauspielern gelingt es, hinter dem Rausch der Groteske so viel Menschliches durchscheinen zu lassen, dass die emotionalen Augenblicke des Stückes funktionieren. Vor allem Anke Stedingk als Mutter Nazha entfacht eine energiegeladene Brachialkomik, die dennoch eine Menge Zwischentöne kennt. Christoph Förster spielt den Sohn faszinierend auf der Kippe zwischen Jungintellektueller und Kleinkind, Uwe Steinbruch überzeugt als derber Vater im aufreibenden Dienst an der Familiengemeinschaft. Besonders gelungen ist die musikalische Ebene. Zu Beginn baut ein Pianist, während er spielt, die Verkleidung seines Klaviers ab und zupft später an den offenen Saiten, so dass Klänge wie von orientalischen Instrumenten entstehen. „Hochzeit bei den Cromagnons" ist ein kraftvolles, politisch inkorrektes, mit grotesker Komik gegen das Grauen anspielendes Theaterstück. Zumindest wenn man es so packend inszeniert wie das Staatstheater Kassel.

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