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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.11.2014

Premiere am Deutschen TheaterHoffnungslose Umdrehungen

Stephan Kimmig inszeniert in Berlin "Die Frau vom Meer" von Hendrik Ibsen als Spießerhölle

Von André Mumot

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Steven Scharf und Susanne Wolff in der Inszenierung von Ibsens "Die Frau vom Meer" am Deutschen Theater in Berlin (dpa / picture-alliance / Claudia Esch-Kenkel)
Steven Scharf und Susanne Wolff in der Inszenierung von Ibsens "Die Frau vom Meer" am Deutschen Theater in Berlin (dpa / picture-alliance / Claudia Esch-Kenkel)

Häuslich domestizierte Elendsfiguren und kurze Träume unter der Außendusche: Am Deutschen Theater Berlin vermiest Regisseur Stephan Kimmig mit einer mürrisch-finsteren Inszenierung dem Publikum Ibsens "Frau vom Meer".

Am Ende geht Ellida. Wie Ibsens Nora verlässt sie ihren Mann, küsst ihn noch einmal und lässt ihn dann für alle Zeit zurück. Ganz fabelhaft macht das Susanne Wolff, die an diesem Abend im Deutschen Theater Berlin viel krakeelt hat, burschikos und rotzig und latent unsympathisch gewesen ist. Eine Ehefrau, die man sowieso lieber loswerden als halten will. Aber was soll's. Jetzt geht sie jedenfalls ab, mit einer tapferen, klugen Zärtlichkeit und stillen Würde, und macht, Regisseur Stephan Kimmig sei Dank, endgültig jenes Stück zunichte, das Ibsen 1888 schrieb und das heute nicht gerade häufig auf den Spielplänen zu finden ist.

Eigentlich nämlich endet "Die Frau vom Meer" ganz anders. Eigentlich trauert jene unglücklich verheiratete Ellida Wangel einem Seemann hinterher, den sie einst geliebt hat, und der plötzlich wieder vor der Tür steht. Nach einigem Hin und Her gibt ihr Ehemann sie frei, und nun, da sie zum ersten Mal eine eigene Entscheidung treffen kann, zum ersten Mal Freiheit empfindet, entscheidet sie sich gegen ihren fliegenden Holländer mit dem Namen Freeman und geht doch nicht fort. Ibsen hat hier mit dem Holzhammer gearbeitet, die Begegnungsszenen mit dem raunenden Fremden mystisch verkitscht und eine Moral gefunden, die uns heute verstaubt erscheinen mag, da sie so offene Türen einrennt: Nur eine frei gewählte Beziehung, die auch aus freien Stücken jederzeit beendet werden kann, ist etwas wert.

Es wird Gift und Galle gespuckt

Diese schlichte Vernünftigkeit, die Abgeklärtheit, die die wilde Romantik durchbricht und aushebelt – vielleicht ist sie aber doch noch eine Irritation. Für Stephan Kimmig auf jeden Fall. Der greift nämlich lieber noch tiefer in die Klischee-Kiste und erzählt zum gefühlt millionsten Mal von der spießigen Hölle bürgerlicher Ehen, aus der man nur so schnell wie möglich entkommen muss, wenn das was werden soll mit dem guten Leben. Ein düster dräuendes Alptraumszenario entfaltet er auf der schwarzen Bühne von Katja Haas: Hier dreht sich schmucklos das todtraurige schwarze Loch des Schlafzimmerkastens, und die häuslich domestizierten Elendsfiguren springen dann und wann unter die Außendusche, um kurz und schmerzvoll vom Meer zu träumen.

Steven Scharf, der sich in flüchtigen Visionen eine Mütze aufsetzt und den Fremden von der See spielt, läuft hier vor allem als tumber Ehemann Amok, entpuppt sich in diesen hoffnungslosen Umdrehungen als eine Art Doktor Wangel und Mr. Hyde: eben noch in manieriert verrenkten Überforderungs-Mätzchen gefangen, stürzt er sich im nächsten Moment in wilder Aggression auf den chronisch schlecht gelaunten Ex-Hauslehrer Arnholm von Michael Goldberg, der den ganzen Abend ausschließlich Gift und Galle spuckt.

Groteske Verdrießlichkeit

Dieses mürrische Gehabe ist schon deshalb so ärgerlich, weil Ibsen neben der der dick aufgetragenen Zentralgeschichte mit ganz feiner Hand seine Nebenhandlungen entfaltet, komödiantisch bittere Sommerferienszenen, in denen die Töchter aus erster Ehe überlegen, ob sie sich verlieben oder heiraten sollen, den Hauslehrer zum Beispiel oder einen todkranken, kindischen Künstler (Benjamin Lillie), und wenn ja, zu welchem Zweck. Aber ach, auch Franziska Machens und Lisa Hrdina, die ihre Sache gut machen, müssen die groteske Verdrießlichkeit auf die Spitze treiben, müssen zu oft geifern, bibbern, mit zusammengebissenen Zähnen Hass versprühen.

Gerade erst hat Intendant Ulrich Khuon, angesprochen auf die Inszenierungsenttäuschungen an seinem Haus, im Interview mit dem Berliner Tagesspiegel davon gesprochen, man müsse "die großen Narrative neu erfinden". Bis das geklappt hat, begnügt man sich aber erst mal mit Abenden wie diesem, der zu keinem Zeitpunkt mehr bietet als eine verkniffene Notlösung. Ein Vergeuden von Schauspielkraft ist das, ein Abarbeiten an einem Stück, an dem der Regisseur keinen Gefallen finden mag und das er – wenn schon, denn schon – nun auch dem Publikum endgültig vermiest.

Informationen des Deutschen Theaters zur Inszenierung "Die Frau vom Meer"

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