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Fazit / Archiv | Beitrag vom 27.01.2018

Premiere am Deutschen SchauspielhausEin gewagter "Kaufmann von Venedig" in Hamburg

Von Michael Laages

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Der Schauspieler und Autor Joachim Meyerhoff: hier in Köln auf der Lit.Cologne, dem Internationalen Literaturfest (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)
Der Schauspieler und Autor Joachim Meyerhoff (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)

Die preisgekrönte Regisseurin Karin Beier bringt in Hamburg mit dem gefeierten Schauspieler Joachim Meyerhoff Shakespeares umstrittenstes Werk "Der Kaufmann von Venedig" auf die Bühne: Ein wacher Blick der Zeitgenossin auf ein ewiges Stück Theater, urteilt unser Kritiker.

In England hat sie studiert, und der Karriere-Weg der Regisseurin Karin Beier hat mit Shakespeare begonnen. Sie kann als Expertin, wenn nicht gar als Spezialistin gelten für dessen Werke. Und sie weiß sie auch zu platzieren im Alltag heute – "Der Kaufmann von Venedig" ist mit all den fatalen antisemitischen Untertönen natürlich das klassische Stück für den 27. Januar, den internationalen Tag des Erinnerns an die Opfer des Holocaust.

Inszenierung voll beispielhafter Erinnerungsarbeit

An diesem Tag vor 73 Jahren befreite bekanntlich die Rote Armee das Konzentrationslager in Auschwitz-Birkenau. Und Karin Beier kann auch mutig sein mit Shakespeare – Routine jedenfalls ist dieser "Kaufmann von Venedig" nicht. Vieles ist anders als sonst, Karin Beier riskiert tatsächlich eine Deutung des vertrauten Stoffes. Die wiederum hat viel zu tun mit der Zeit, mit diesen 73 Jahren, die vergangen sind, seit der Alptraum von Auschwitz zu Ende war. Voll beispielhafter Erinnerungsarbeit steckt diese Hamburger Inszenierung.

3000 Dukaten Darlehen gegen "ein Pfund Fleisch" aus dem Körper des Schuldners – ausgehend von diesem finsteren Witz, den sich der (aus heutiger Sicht) Bankier und Jude Shylock erlaubt mit dem venezianischen Kaufmann Antonio, der mit geliehenem Geld dem geliebten Freund die Brautwerbung bei einer reichen Erbin finanzieren will, zitiert Beiers Team all die verächtlichen Vorurteile und diskriminierenden Klischees herbei, die jüdisches Leben in den Jahrhunderten nach und auch schon vor Shakespeare belastet haben.

Und nicht nur jüdisches Leben – die reiche Erbin in Belmont, die die Brautwerber ja auf die legendäre Probe stellt (ob wohl ein goldenes, silbernes oder blei-graues Kästchen sie und das Erbe als Schatz birgt), quillt nur so über von rassistischen Vorurteilen.

Shakespeare um allerlei Texte erweitert

Beier lässt Shakespeare dafür um allerlei Texte erweitern und in der Tat bereichern, unter anderem von Mariette Navarro und sicher auch vom Dramaturgen Christian Tschirner, der ja auch Stücke schreibt unter dem Namen "Soeren Voima". Aber keine dieser Zugaben wirkt aufgesetzt. Jede ist klug verzahnt mit der originalen Fabel – so funktioniert Dramaturgie.

Und schon als Fantasie zur Geschichte der Stigmatisierung nicht nur des Juden, sondern des Fremden an sich wäre dieser Shakespeare ziemlich gelungen – doch Beier geht weiter. Beharrlich verschiebt sie die Perspektive – zwar steht natürlich immer noch der Geldverleiher mit dem mörderischen Schuldschein im Zentrum, aber immer deutlicher gerät dessen Tochter Jessica ins Visier. Umworben von einem dieser windigen Venezianer aus der schrillen Rialto-Gang, sagt sie sich innerlich los vom Vater und all der Last, die das Jüdisch-Sein auch ihr aufgebürdet hat. Sie lässt sich entführen und treibt sich rum.

Haus in Trümmern, Existenz vernichtet

Seit aber schon bei der Entführung das Haus der Familie in Trümmer geht und der Vater zur Rache-Furie mutiert, erst recht, als ihm zum Schluss, in der erniedrigenden Niederlage vor Gericht, die Existenz komplett vernichtet wird, wächst die Last auch wieder auf den Schultern der Tochter. Beier und die Choreographin Kate Strong finden dafür ein Bild – einen riesigen Tisch nimmt Gala Othero Winter, die diese Tochter Jessica spielt, auf den Rücken und wuchtet ihn über die Bühne; wirft sie ihn ab, verfällt sie in wilden, wirr zuckenden Tanz. Ist das "Befreiung"? Oder bleibt sie doch nur gefangen?

Und als zuvor Shylock begnadigt wird vom regierenden Dogen der Stadt, dann ist mit der Schauspielerin Winter quasi die Tochter in dessen Herrscher-Kluft geschlüpft – wird der zentrale Konflikt des Abends also eigentlich vor allem bei Shylocks zu Hause ausgetragen?

Die Inszenierung steckt voller kluger Fragen und weiß keine Antwort. Das ist ihre Stärke. Und sie bezieht Haltung zum Stück – ignoriert zum Beispiel das eher verquatschte Finale im Haus der reichen Erbin, wo ja nur noch ein paar unwesentliche Fragen zur männlichen Untreue geklärt werden; unwichtig, findet Beier und lässt vom 5. Akt nur ein kurzes Palaver ganz rechts hinten im Dunkel der Bühne übrig. Auch die Probe mit dem Silberkästchen fällt weg – wir wissen ja, wie's geht ...

Eintritt in ein falsches Paradies

Ohnehin ist dieses Belmont ein falsches Paradies – denn wer hier eintritt, legt sich prompt die elisabethanische Haartracht der Hausherrin zu. Noch so eine pfiffige Idee, diesmal wohl von der Kostüm-Gestalterin Vera Gessecker. Die Bühne von Johannes Schütz ist funktionell und effektiv: ein Portal mit zwei Etagen, das auch ohne viel Mühe zerstört und umgestürzt werden kann.

Und mit dem viel gerühmten Schauspieler und Buchautor Joachim Meyerhoff, als Gast vom Wiener Burgtheater regelmäßig auch in Hamburg tätig, steht Karin Beier natürlich auch ein furioser Shylock zur Verfügung – "aasig" kann er sein in hanseatischer Hans-Albers-Manier, und in den Furor aus Rache kann er die Figur stürzen lassen; aber kühlen Kopf und kaltes Blut lässt er diesen Shylock selbst im Beinahe-Untergang bewahren.

Meyerhoffs Shylock, Gala Othero Winters Jessica, die Portia von Angelika Richter und die Männer-Bande drumherum und zwischendrin – dieses Ensemble wäre schon genug für eine starken "Kaufmann von Venedig". Karin Beier will und ihr gelingt mehr: der wache Blick der Zeitgenossin auf ein ewiges Stück Theater.

"Der Kaufmann von Venedig"
Von William Shakespeare
Regie: Karin Beier
Deutsches Schauspielhaus in Hamburg

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