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Interview | Beitrag vom 24.06.2021

Prekäre Bedingungen für NachwuchswissenschaftlerNach zwölf Jahren ist Schluss

Amrei Bahr im Gespräch mit Nicole Dittmer

Am Wilhelm-Ostwald-Institut für Physikalische und Theoretische Chemie der Universität Leipzig arbeitet der 33-jährige Chemiker Dr. Jonas Warneke mit den Mitgliedern seiner Nachwuchsforschergruppe, der Chemikerin Ziyan Warneke und Dipl. Physiker Harald Knorke (l-r) an einem Ionen-Depositions Instrument zum Abscheiden gasförmiger Ionen auf Oberflächen. (picture alliance / dpa / Waltraud Grubitzsch)
Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sind hochmotiviert. Doch ihre Zukunft ist oft unsicher. (Symbolbild) (picture alliance / dpa / Waltraud Grubitzsch)

Viele Studierende träumen von einer Karriere in der Wissenschaft, gar von einer Professur. In der Realität wird der Nachwuchs mit befristeten Verträgen abgespeist. Das hat fatale Folgen für die deutsche Wissenschaft, sagt Nachwuchsforscherin Amrei Bahr.

Für viele Studierende ist "Wissenschaftlerin/Wissenschaftler" ein Traumberuf. Doch der Weg zum Karriereziel Professur oder Forschungsgruppenleiter ist steinig. Wer Karriere in der Wissenschaft machen möchte, muss mit vielen befristeten Verträgen rechnen.

Die Bundesregierung legte vor Jahre gesetzlich fest, dass der wissenschaftliche Nachwuchs maximal sechs Jahre vor und sechs Jahre nach der Promotion mit befristeten Verträgen beschäftigt werden darf. Offizielle Begründung: Eine Vielzahl von Dauerbeschäftigten verstopfte das wissenschaftliche System – und dies sei der Innovation in Forschung und Entwicklung hinderlich.

Hier geht es zur Denkfabrik 2021. Auf der Suche nach dem Wir. (Foto: Deutschlandradio / Malte Müller)

Nach zwölf Jahren ist also für die meisten Schluss, wenn sie bis dahin nicht zumindest eine Juniorprofessor ergattert haben. Denn unbefristete Verträge als Forscherin oder Forscher ohne Professur sind äußerst rar.

Viele Nachwuchswissenschaftler in Warteposition

Dem steht ein starker Anstieg beim wissenschaftlichen Personal gegenüber, wie ein aktueller Bericht des Bundesforschungsministeriums (BMBF) zeigt: An den Hochschulen ist der Bestand des wissenschaftlichen und künstlerischen Personals unter 35 Jahren ohne Professur von 2005 bis 2018 um 78 Prozent gestiegen. In der Altersgruppe 35 bis 45, ebenfalls noch ohne Professur, betrug der Aufwuchs 43 Prozent. 

Ein lange schwelender Streit zwischen den Betroffenen und dem BMBF kocht nun hoch. Ausdruck findet er unter anderem bei Twitter unter dem Hastag #IchBinHanna. Der Name bezieht sich auf ein junge Forscherin, die das BMBF beispielhaft heranzog, um sein Befristungsgesetz zu erläutern.

Die promovierte Philosophin Amrei Bahr gehört zum großen Heer der prekär beschäftigten Wissenschaftlerinnen. Sie ist Mitinitiatorin von #ichBinHanna. Sie selbst finanziert ihr Forscherinnenleben mit zwei 50-Prozent-Anstellungen an der Universität Düsseldorf, während ihrer Doktorarbeit bezog sie vorübergehend Arbeitslosengeld, weil sich zunächst kein Anschlussvertrag fand.

"Das Problem besteht nicht nur darin, dass für die Beschäftigten keine Planungssicherheit gegeben ist, sondern auch darin dass  Forschung und Lehre darunter leiden, dass hochqualifizierte Leute mit vielen Kompetenzen und Expertise aus dem System herausgedrängt werden", betont Bahr.

Manche fallen nach zwölf Jahren in ein Loch

Existenzängste sind damit vorprogrammiert, eine Familie zu gründen ist damit ebenfalls eine unsichere Angelegenheit. Denn so manche und mancher fällt nach den insgesamt zwölf Jahren in ein tiefes Loch: in der Wissenschaft ohne Chance und fast zu alt, um außerhalb, in der freien Wirtschaft, noch etwas ganz Neues zu starten.

Vor allem die Hochschulen seien unterfinanziert, ein großer Teil der Forschungsfinanzierung komme aus projektbezogen eingeworbenen Drittmitteln – über die dann auch die Stellen finanziert werden, erläutert Amrei Bahr das Problem. Dies führe zu den berüchtigten, oft nur halbjährigen Kettenverträgen für Doktoranden und Postdocs.

Es geht um mehr als Arbeitsverträge

In der Politik gebe es durchaus offene Ohren für das Problem – das sei in der aktuellen Stunde im Bundestag, wo das Thema diskutiert wurde, deutlich geworden.

Bahr hofft, dass Initiativen wie #IchBinHanna vermitteln könnten, dass es nicht nur um eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft gehe, sondern dass daran auch die Zukunftsfähigkeit und Innovation der Wissenschaft hänge.

(mkn)

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