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Länderreport | Beitrag vom 02.10.2020

Prekäre ArbeitsverhältnisseMusiklehrer in der Krise

Von Anke Petermann

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In der Musikschule. Kinder sitzen um zwei Streichinstrumente herum.  (picture-alliance / Frank May)
Ohne Lehrer nutzen die schönsten Instrumente nichts. (picture-alliance / Frank May)

Eigentlich möchten sie Kindern Instrumente und Kultur nahebringen. Allerdings sind die Arbeitsbedingungen oft so schlecht, dass viele Musiklehrerinnen und Musiklehrer mit ihrem Beruf hadern und sich umorientieren.

Andreas Kubitzki spielt die Marimba, ein großes Xylophon, sein Schüler John übt auf den Bongos. Der 13-jährige Schlagzeugschüler trägt Maske und nickt immer begeistert, wenn Kubitzki eine neue Passage zum Üben vorschlägt.

John nimmt Privatunterricht bei Andreas Kubitzki. Im Keller seines Hauses hat der Musikpädagoge einen großen Übungsraum mit Marimba, Pauken und Schlagzeugen eingerichtet.

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Seine Arbeitszeit an kommunalen Musikschulen hat der Mainzer stark zurückgefahren:

"Ich war an mehreren Musikschulen hier im Rhein-Main-Gebiet. Es ist einfach so, dass die Absicherung fehlt und das Honorar extrem niedrig ist für einen Selbständigen. Und dann gibt es an manchen Musikschulen noch festangestellte Kollegen, die verdienen das Doppelte. Wenn man da nebendran sitzt und die gleiche Arbeit macht, fühlt man sich einfach nicht gut."

An Musikschulen arbeiten lohnt sich nicht

Besser fühlt sich Kubitzki, seitdem er nur noch einen Nachmittag an der Musikschule in Worms lehrt und ansonsten Privatstunden gibt:

"Ich habe zwar die gleiche Arbeit oder sogar noch mehr als an der Musikschule, kann aber wirklich mein eigenes Ding machen und bekomme ein höheres Honorar von den Eltern, da der Abschlag an die Musikschule auch an mich geht. Ich bekomme die Ferien durchbezahlt, was an der Musikschule nicht der Fall ist. Da kommt es ja jeweils auf den Vertrag an."

Damit hat Kubitzki auch dem erzwungenen Stückeln von Beschäftigungsverhältnissen ein Ende gemacht. Der Vorsitzende der Fachgruppe Musik bei Ver.di Rheinland-Pfalz/Saarland erläutert:

"Die Musikschulen haben vor einigen Jahren die Stundenzahl auf zwölf Unterrichtsstunden gedeckelt. Das heißt, ich darf an einer Musikschule nur noch anderthalb Tage unterrichten. Was sich nicht lohnt. Man durfte nicht mehr arbeiten – aus dem Grund, dass man sich einklagen könnte."

Es ist wie eine Scheinselbstständigkeit

Jan Brach unterrichtet an der Kreismusikschule Kaiserslautern Gesang, Klavier und Gitarre. Die zahlt zwar in den Ferien weiter, doch insgesamt sind auch Kubitzkis jüngerem Kollegen die Honorare zu dürftig. Seit neun Jahren ist der staatlich geprüfte Musikschullehrer im Job. Viel für die Rente habe er in der Zeit aber nicht zurücklegen können.

Die Vorteile der Selbständigkeit enthielten die Musikschulen ihren Honorarkräften vor, klagt Brach, nämlich: unabhängig von Weisungen zu agieren, Unterrichtsorte und -Termine frei zu wählen:

"Man muss allerdings den Schüler-Eltern-Kontakt selbst regeln. Oft gibt es kein Sekretariat, das das für einen erledigt. Natürlich darf man eigentlich auch nicht krank sein. Wenn man krank ist, fällt der Unterricht aus. Den muss man im besten Fall, wenn man bei einer guten Musikschule ist, nachholen. Im schlechtesten Fall kriegt man ihn einfach nicht bezahlt."

Ein Berufswechsel ist attraktiver als weitermachen

Brach hat einen anderen Ausweg gefunden als sein Gewerkschaftskollege Kubitzki: Der 29-Jährige hat nebenberuflich Musik fürs Lehramt an Gymnasien studiert und bald seinen Bachelor in der Tasche. Seinen Job an der Musikschule im Kreis Kaiserslautern hat er auf einen Arbeitstag zwischen 14 und 20 Uhr verringert:

"In dieser verkleinerten Form werde ich weiter an der Musikschule tätig sein, weil mir die Aufgabe sehr wichtig ist. Aber wenn das Studium zu Ende ist und es ans Referendariat geht, wo man dann im Prinzip schon Vollzeit arbeitet, dann ist es auch vorbei.

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