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Profil / Archiv | Beitrag vom 16.05.2011

Preiswürdiges aus dem Google-Universum

Michael Wolf findet seine Schnappschüsse bei "Streetview"

Von Anette Selg

Die "Google-Fotos" von Michael Wolf werden kontrovers diskutiert. (Stock.XCHNG / Ben Gribbin)
Die "Google-Fotos" von Michael Wolf werden kontrovers diskutiert. (Stock.XCHNG / Ben Gribbin)

Michael Wolf nimmt Googles gigantische Bildwelt unter die Lupe. Wenn ihm etwas auffällt, fotografiert er das Motiv mit seiner Kamera vom Bildschirm ab und vergrößert es. Die überdimensionalen Arbeiten sind in vielen Ausstellungen zu sehen und wurden nun mit der "World-Press-Auszeichnung" geehrt.

Internetkommentar: "Großartige Arbeit! Dieser Typ ist ein großartiger Fotograf und ein großartiger Künstler. Er hat etwas Neues gemacht, eine neue Idee, ein neues Konzept, und dadurch einen Dialog eröffnet, der die Dinge wirklich voranbringt."

Positive Stimmen zur Prämierung von Michael Wolfs Google-Arbeiten finden sich nicht viele auf der Webseite des "British Journal of Photography". Die Mehrzahl der über 50 Kommentatoren, fast alle männlich, ist empört über die "World-Press"-Prämierung für den deutsch-amerikanischen Fotografen.

Internetkommentar: "Was für traurige Zeiten! - Es ist traurig, wenn jemand einfach nur am Computer sitzt und die Arbeiten anderer abfotografiert, und es ist noch trauriger, wenn er dafür auch noch ausgezeichnet wird."

Berlin, Brunnenstraße, an der Grenze zum Wedding. Der Fotograf Michael Wolf hat kurze hellgraue Haare, trägt ein Wolljacket und sitzt im Ladengeschäft seines Verlegers Hannes Wanderer. Wolfs Street-View-Bücher liegen auf dem Tisch, darunter ein schmaler Band mit Menschen, die alle der Google-Kamera den Mittelfinger zeigen. Der Verleger, der Michael Wolfs Arbeiten seit Jahren herausbringt, hält die "Ehrenvolle Erwähnung" bei den "World Press Awards" für eine gute Entscheidung.

Wanderer: "Wir waren sehr überrascht, dass die 'honorable mention' für diese virtuelle Bildstrecke vergeben wurde, weil das beim 'World Press Photo Contest' wirklich eine Novität war, und haben uns sehr darüber gefreut, weil wir beide klar der Auffassung sind, dass die Auseinandersetzung mit den automatisiert erzeugten Bildwelten und natürlich mit der Flut von Bildern, die übers Internet verbreitet werden, eine der wichtigsten Bilddiskussionen der Zukunft ist."

Angefangen hat Michael Wolfs Arbeit mit Google-Bildern in Paris. Dort lebt der Mittfünfziger seit einigen Jahren mit seiner Familie. Und weil er in dieser Stadt, die ihm wie ein Museum erscheint, keine Bilder machen kann, kam er im Sommer 2008 auf die Idee, Paris am Bildschirm, auf "Street View", zu erkunden.

"Ich bin einfach rein am Eiffelturm und hab dort angefangen und bin dann die Straße runter, so weit wie es geht, und dann nach rechts. Man muss halt sehr genau jeden Zentimeter abgucken, was sich da verbirgt, weil. Ich war natürlich nicht nur an den ganz offensichtlichen Sachen interessiert, sondern auch, was ist hinter der Fensterscheibe? Da muss man schon genau hingucken."

Längst nimmt Wolf das gesamte Google-Universum unter die Lupe. Wenn ihm etwas auffällt, fotografiert er das Motiv mit seiner Kamera vom Bildschirm ab und vergrößert es. Die überdimensionalen Arbeiten sind in vielen Ausstellungen zu sehen. Es sind tragische oder komische Momentaufnahmen des Lebens aus allen großen Städten der Welt.

"Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass man sehr, sehr viele verschiedene – ich nenn die 'unfortunate events' – sieht: einen Mann, der vom Fahrrad runterfällt. Kinder, die sich kloppen. Einen Mann, der mit’m Revolver auf seinen Sohn schießt. Die verrücktesten Sachen."

Es sind diese auf "Street View" entdeckten Bilder von Unfällen, Herzinfarkten und anderen Unglücksfällen, die bei den "World Press Awards" ausgezeichnet worden sind, in der Rubrik "Themen des Alltags".

Google hat sich bisher noch nicht bei Wolf gemeldet.

"Ich hab immer gehofft, dass was passiert, weil ich dachte, diese Auseinandersetzung wäre interessant, weil, hier hat man jemand, der ganz klar Bilder klaut, und ich klau von denen. Wer ist hier der erste Klauer, und wer hat Recht oder wer hat Unrecht? Ich denke, dann müsste Google erstmal klären, was die machen, was die Rechtsgrundlage ist von deren Arbeit."

Das Leben in modernen Megacities ist das Thema von Wolfs fotografischem Werk. Das gilt für seine Google-Arbeiten, aber auch für seine Dokumentationen, seine eigenen Projekte.

Michael Wolf, 1954 in München geboren, wächst in Kalifornien auf und beginnt bereits als Teenager zu fotografieren. In den 70ern studiert er Bildjournalismus an der Folkwang-Universität in Essen. 1994 geht Wolf als Bildreporter für den stern nach Hongkong. Seine Begeisterung für Asien hält bis heute an.

"In Englisch nenn ich das immer 'unpredictable', also diese Unvorhersehbarkeit, die man in China erlebt, wo man wirklich nicht weiß, wenn ich um diese Ecke gehe, was erwartet mich da. Das kann ein Riesenloch sein, wo ein Pferd ersäuft oder das kann auch ein Panzer sein. Ist alles schon passiert."

Nach dem Einbruch der "New Economy" im Jahr 2000 verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen für Bildjournalisten rapide. Wolf beginnt eigene Projekte zu fotografieren, ist auf der Suche nach einer eigenen Bildsprache. Nach einem Jahr kommt er bei einer renommierten Fotogalerie in San Francisco unter Vertrag, mit seinen Aufnahmen von Hongkongs schwindelerregenden Hochhausfassaden. Es folgen Bücher, Ausstellungen. Heute hängen seine Arbeiten unter anderem im Metropolitan Museum in New York.

Dass aus der Prämierung seiner Street-View-Bilder eine derart lebhafte Kontroverse entstanden ist, über Authentizität, Fotografie und Kunst und über den Umgang mit virtuellem Bildmaterial, gefällt Michael Wolf - und er gibt die Meriten gerne weiter: an Google.

"Ich finde es großartig. Ich denke, Google wird irgendwann mal einen bedeutenden fotografischen Preis bekommen, weil, es ist eine grandiose Leistung, zwischen 2008 und 2011, ich weiß nicht, wann sie fertig sind weltweit, eine fast flächendeckende Dokumentation unserer Großstädte gemacht zu haben."

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