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Kompressor | Beitrag vom 09.09.2015

Preis der NationalgalerieEine vitale und vergnügliche Shortlist

Von Simone Reber

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Christian Falsnaes, Slavs and Tatars, Anne Imhof und Florian Hecker (v.l.n.r.) sind die Nominierten für den Preis der Nationalgalerie 2015. (Preis der Nationalgalerie / David von Becker)
Die Künstler Christian Falsnaes, Slavs and Tatars, Anne Imhof und Florian Hecker (v.l.n.r.) sind für den Preis der Nationalgalerie 2015 nominiert. (Preis der Nationalgalerie / David von Becker)

Die Siegerkür wird nicht leicht: Christian Falsnaes, Florian Hecker, Anne Imhof und Slavs and Tatars haben es auf die Shortlist für den Preis der Nationalgalerie 2015 geschafft. Das Ringen um Macht und das Performative kennzeichnen die Arbeiten der ausgewählten jungen Künstler.

"El Dschihad" steht auf großen Spiegeln, ganz oben in lateinischen Buchstaben, darunter in tatarischer oder arabischer Schrift. Die Lettern verlaufen seitenverkehrt. Sie sind deutlich als Titel einer Zeitschrift zu erkennen. Besucher stutzen, doch das Künstlerduo Slavs and Tatars zitiert mit seinem jüngsten Werk ein deutsches Propagandablatt aus dem Ersten Weltkrieg. Es sollte muslimische Kriegsgefangene zum Aufstand gegen ihre Kolonialherren anstacheln, zum Heiligen Krieg gegen die Feinde Deutschlands:

"Es war ein Magazin, das in Berlin produziert wurde, in den Sprachen der muslimischen Untertanen der Entente-Mächte. Also der Moslems unter der Herrschaft der Franzosen, der Engländer und der Russen. Es ist ein sehr beredtes Beispiel, weil es das Vorbild liefert für die Instrumentalisierung des politischen Islam, die wir heute noch kennen."

Sprache als Herrschaftsinstrument

Slavs and Tatars wollen sich weder auf Identität noch auf Nationalität festlegen. In sehr präzisen und überraschenden Beispielen analysieren sie, wie Sprache als Herrschaftsinstrument verwendet wird. Etwa bei der Kyrillisierung des arabischen Alphabets in der Sowjetunion. Mit den arabischen Schriftzeichen verschwanden auch ihre Bedeutungen. Subtil sickern die aktuellen Konflikte in die Kunst der Gegenwart. Fast immer geht um Macht in dieser Ausstellung der Kandidaten für den Preis der Nationalgalerie. Um die Macht über die Sprache, über die Straße, über die Gedanken.

Betonwannen aus Rinnsteinen, Boxsäcke, an den Wänden Edelstahlpissoirs und feine, fragmentarische Zeichnungen, die an Graffiti erinnern – die Frankfurter Künstlerin Anne Imhof holt den Straßenkampf ins Museum. Blechtafeln in Lamborghini-Blau sind von Schlüsseln mit feinen Kratzern überzogen, während im Hintergrund ein unschuldiges Pfeifen ertönt.

Sechs Tänzer und neun Schildkröten

Für Anne Imhofs Performance werden sechs Tänzer und neun Schildkröten in dieser Großstadtarena antreten.

"Die Werke, die ich hier zeige, sind in der gleichen Sprache verfasst, wie das Stück. So sehen Sie da diese Figur, die so etwas ist, wie ein Zeichen, was fast wie ein Verkehrszeichen funktioniert. Oder ziemlich universell für Hingabe. Eine zentrale Bewegung ist die Verbeugung oder das Moment des Fallens vor einer anderen Person. Wenn man seinen Kopf beugt, vor jemandem anderen in jeder alltäglichen Situation ist das schon ein ganz schönes Zeichen."

Wer beugt sich vor wem? Wer zieht die Fäden, wer gibt die Anweisungen? Um die Strategien zum Austarieren der Kräfte darzustellen, nutzen die Künstler in diesem Jahr die Performance. Mit ihr, sagt die Kuratorin Anna Catharina Gebbers, gelangen Zufall, Störung und Veränderung in die Kunst:

"Ich glaube, dass Performancekunst jetzt gerade besonders interessant ist in der Zeit der vielfältigen Multiplizierbarkeit von Dingen durch das internet. Performance kommt meiner Meinung nach einer bestimmten Sehnsucht nach Einzigartigkeit entgegen. Es ist sehr viel schwieriger zu wiederholen, als ein Objekt, das man produziert und reproduziert. Performance läßt sich naturgemäß schlecht reproduzieren."

Synthetischer Klang als immaterieller Körper

Bei dem Komponisten Florian Hecker lenkt computergesteuerte Musik die Besucher. Der synthetische Klang wird zum immateriellen Körper, zur unsichtbaren Skulptur, die den Weg versperrt oder freigibt. Die beiden Räume sind unterschiedlich gedämmt, die Töne sollen sich mal ausdehnen, mal von den Wänden abprallen will Florian Hecker:

"Verhallung ist normalerweise sehr schwer zu verorten. In der Arbeit hier sind die Wände mit einem metallbedampften Stoff verkleidet, der ganz andere Reflektionseigenschaften aufweist, als in dem Raum, der viel mehr absorbierend ist, mit diesen lodenartigen Stoff."

Freundliche Verführung des Publikums

Christian Falsnaes schließlich gibt einen Teil der Macht an die Besucher zurück, indem er sie an der Entstehung seiner Werke beteiligt. Der Däne ist berüchtigt für seine manipulativen Aktionen, bei denen er das Publikum freundlich verführt, über Grenzen zu gehen und so neue Erfahrungen zu sammeln.

"Ich spreche für mich ganz persönlich. Aber ich habe das Gefühl, dass wir im Moment eine Kunst brauchen, die eher eine Verbindung zwischen Menschen herstellt, die ein Nähe ermöglicht, die ein Erlebnis im Augenblick, ein soziales, körperliches Erlebnis ermöglicht, statt etwas, das Distanz schafft."

So verwandelt sich in dieser Ausstellung das Ringen um die Macht in Kooperation. Selten war die Shortlist so vital, vielschichtig und vergnüglich. Die Juroren werden schwer zu kämpfen haben, um in diesem Wettbewerb einen Sieger zu küren.

Christian Falsnaes, Florian Hecker, Anne Imhof und Slavs and Tatars stellen in der Shortlist-Ausstellung zum Preis der Nationalgalerie vom 11. September 2015 bis 17. Januar 2016 im Hamburger Bahnhof in Berlin ihre künstlerischen Positionen vor.

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