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Fazit | Beitrag vom 15.08.2019

Preis der Nationalgalerie 2019Künstlerische Kommentare zu politischen Großwetterlagen

Carsten Probst im Gespräch mit Vladimir Balzer

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Die Videoinstallation "Likeness" (2018) von Simon Fujiwara im Hamburger Bahnhof in Berlin, die sich mit der medienwirksamen Inszenierung von Anne Frank auseinandersetzt. Eine Wachsskulptur von Anne Frank schreibt ihr berühmtes Buch und lächelt ununterbrochen, während eine Roboterkamera sie dabei filmt.  (© Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin, Courtesy Collection Lafayette Anticipations – Fonds de dotation Famille Moulin, Paris, Esther Schipper, Berlin and Dvir Gallery, Brussels and Tel Aviv, Foto: Mathias Völzke)
Die Videoinstallation "Likeness" (2018) von Simon Fujiwara im Hamburger Bahnhof in Berlin, die sich mit der medienwirksamen Inszenierung von Anne Frank auseinandersetzt. (© Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin, Courtesy Collection Lafayette Anticipations – Fonds de dotation Famille Moulin, Paris, Esther Schipper, Berlin and Dvir Gallery, Brussels and Tel Aviv, Foto: Mathias Völzke)

Bei der letzten Ausgabe des Preises der Nationalgalerie wurden einige Aspekte der Auszeichnung von den Künstlerinnen scharf kritisiert. Diesmal soll die Kunst wieder im Vordergrund stehen. Kunstexperte Carsten Probst hat eine Favoritin ausgemacht.

Die vier nominierten Künstlerinnen bei der letzten Ausgabe des Preises der Nationalgalerie im Jahr 2017 hatten u. a. die Auswahlkriterien und die Vergabezeremonie scharf kritisiert. Die Wahrnehmung des Inhalts ihrer Arbeiten habe unter der Fokussierung auf ihr Geschlecht und ihre Herkunft gelitten. Den Veranstaltern wurde "selbstgefällige Verwendung von Vielfalt als Instrument der Öffentlichkeitsarbeit" vorgeworfen.

Ethisch-moralische Verantwortung der Kunst

"Einige Kritikpunkte damals waren wirklich gerechtfertigt. Die Zeremonie war pompös, es traten Schauspieler auf, also es ging nicht in erster Linie um die Kunst", sagt der Kritiker Carsten Probst.

Udo Kittelmann, der Direktor der Nationalgalerie in Berlin, habe, auch mit Blick auf die Erfahrung vor zwei Jahren, nun in einer Rede darauf hingewiesen, dass die künstlerischen Beiträge von den Institutionen immer mehr auch eine ethisch-moralische Verantwortung verlangten.

Die vier nominierten Künstler für den Preis der Nationalgalerie 2019, Pauline Curnier Jardin, Simon Fujiwara, Katja Novitskova und Flaka Haliti blicken freundlich in Richtung des Betrachters. (Foto: David von Becker)Die vier nominierten Künstler für den Preis der Nationalgalerie 2019: Pauline Curnier Jardin, Simon Fujiwara, Katja Novitskova und Flaka Haliti (v.li.). (Foto: David von Becker)

"Die künstlerischen Arbeiten stehen jetzt mehr im Vordergrund und nicht das Geschlecht oder die Herkunft der Nominierten". Dazu diene auch ein kleines puristisches Booklet mit Beschreibungen der Künstler und ihrer Arbeiten, dass die Besucher bekommen.

Ein Werk sticht heraus 

"Die ethisch-moralische Verantwortung von der Kittelmann spricht, spiegelt sich in drei der vier Positionen, die man bei der Ausstellung sehen kann, gut wider. Da werden politische und kulturelle Großwetterlagen künstlerisch kommentiert. Es geht um UN-Friedensmissionen, Reproduktionsbiologie oder die Trivialisierung der Geschichtsschreibung", so Probst.

"Flaka Haliti zum Beispiel bettet die persönliche Geschichte ihrer Herkunft aus dem Kosovo in die Geschichte der Jugoslawienkriege und des darauf folgenden künstlichen Friedens ein."

Eine Installationsansicht im Hamburger Bahnhof zeigt die Komposition zweier Mixed Media Installationen von Pauline Curnier Jardin: "Qu'un Sang Impur" (2019) und "Peaux de Dame in the Hot Flashes Forest (2019). Durch eine surreal anmutende Landschaft aus roten Bäumen ist eine Leinwand mit einer älteren Frau darauf zu sehen. (© Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin, Courtesy the artist and Ellen de Brujine Projects, mit freundlicher Unterstützung des Bureau des arts plastiques des Institut français und des französischen Kulturministeriums. Foto: Mathias Völzke)Eine Installationsansicht im Hamburger Bahnhof zeigt die Komposition zweier Mixed Media Installationen von Pauline Curnier Jardin: "Qu'un Sang Impur" (2019) und "Peaux de Dame in the Hot Flashes Forest (2019). (© Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin, Courtesy the artist and Ellen de Brujine Projects, mit freundlicher Unterstützung des Bureau des arts plastiques des Institut français und des französischen Kulturministeriums. Foto: Mathias Völzke)

Besonders beeindruckt zeigt sich Probst von der Arbeit von Pauline Curnier Jardin. "Ihr Werk sticht heraus, weil es einen berührt und mitnimmt. Curnier Jardin hat eine ganz eigene und eindrückliche Bildsprache entwickelt. Ihre Film- und Rauminstallationen passen hervorragend zusammen. Aus dem zweiten Film, der dabei zu sehen ist, geht man verdattert und aufgewühlt heraus. Da wird eine unbewusste Emotionalität hervorgerufen, die man bei der restlichen Ausstellung vermisst." 

Für ihn ist Curnier Jardin die persönliche Favoritin auf den Preis, er sei sich aber nicht sicher, ob die Jury das auch so sehen werde. "Vielleicht ist den Jurymitgliedern das auch zu weich, zu emotional oder zu indirekt oder zu unklar in Hinsicht auf die Botschaft."

(rja)

Preis der Nationalgalerie 2019
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin
16.08.2019 bis 16.02.2020

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