Tacheles 21.11.2020

Prävention sexuellen Missbrauchs von Kindern "Pädophile dürfen nicht ausgegrenzt werden"Moderation: Susanne Führer

Beitrag hören Die Hände eines Mannes halten eine weisse Maske. (Getty Images / iStock / francescoch)Die menschliche Sexualität sei vielfältig, „der Mensch ist anders nicht zu haben“, so Klaus Beier. (Getty Images / iStock / francescoch)

Wenn Pädophile ihre Neigungen beherrschen können, sollten sie nicht stigmatisiert werden, sagt der Sexualwissenschaftler Klaus Beier. Er hält die Vielfalt der menschlichen Sexualität für schützenswert, solange dadurch niemand gefährdet werde.

Rund 60 Prozent der gerichtsbekannt gewordenen Fälle von sexualisierter Gewalt gegen Kinder werden von Männern verübt, die keine pädophile Neigung haben, sagt Klaus Beier, Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité Universitätsmedizin Berlin. Umgekehrt würden nicht alle Pädophilen übergriffig und vergingen sich an Kindern oder konsumierten Bilddarstellungen von sexuellem Kindesmissbrauch. 

"Ich weiß, dass das schwer nachzuvollziehen ist, aber man muss sich klarmachen: Es gibt zum einen die Ansprechbarkeit für das kindliche Körperschema", sagt Beier. Das zeige sich für die Betroffenen in den Fantasien. "Das heißt, sie merken, wenn sie erregt sind, dass kindliche Gestalten und Kinder in ihren Fantasien als erregungssteigernd vorkommen. Aber wir wissen, dass nur ein Teil dieser Menschen auch Übergriffe begehen wird. Das heißt, es ist falsch anzunehmen, wer die Ausrichtung hat, begeht auch Straftaten."

"Die sexuelle Ausrichtung hat niemand in der Hand"

Etwa ein Prozent der männlichen Bevölkerung in Deutschland weise diese Ansprechbarkeit auf. Rund 250.000 Männer und Jugendliche in Deutschland seien pädophil, so der Sexualwissenschaftler. Bei Frauen komme das im Vergleich dagegen äußerst selten vor. 

"Ich spreche deshalb von Ansprechbarkeit, weil es etwas ist, was sich für die Betroffenen ereignet", sagt Beier. "Die merken in der Jugend, welche Ausrichtung sie haben, sie merken, was für sie sexuell erregend wirkt, ohne dass sie sich das ausgesucht hätten. Das gilt für jeden Menschen. Keiner hat in der Hand, wie seine sexuelle Ausrichtung ist."

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Die menschliche Sexualität sei vielfältig, "der Mensch ist anders nicht zu haben". Alle Menschen seien zu respektieren, gleich, welche Neigungen sie hätten. Vorausgesetzt – und das sei der zentrale Punkt – niemand erleidet Schaden durch die sexuellen Wünsche eines anderen.

Erfolgreiche Prävention 

Daher hat Beier vor 15 Jahren das Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden" ins Leben gerufen. Das Therapieprogramm wendet sich an Männer und Jugendliche, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen und therapeutische Hilfe suchen.

Für Beier ist das Programm eine Erfolgsgeschichte. Seine Erfahrung ist: "Verursacherbezogene Prävention funktioniert." Inzwischen gibt es auch in anderen deutschen Städten Standorte. Das Ziel der Therapie sei eine "vollständige Verhaltensabstinenz", was die Übergriffe und die Nutzung von Missbrauchsabbildungen betrifft.

Das Bild zeigt Klaus Michael Beier, Sexualmediziner an der Charite Berlin, während einer Pressekonferenz.  (picture alliance / dpa-Zentralbild / Britta Pedersen)Klaus Michael Beier, Leiter des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin an der Charité, spricht in Berlin über die Bilanz des Projekts der Charité "PPJ - Primäre Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch durch Jugendliche", 2017. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Britta Pedersen)

Die öffentliche Diskussion über die Leiden der Opfer sexualisierter Gewalt befördere seine Arbeit, sagt Beier. Das Wissen um die Langzeitfolgen sexuellen Missbrauchs motiviere ihn noch mehr, die Prävention zu verstärken. "Ich bin froh über die Zunahme dieser Diskussion. Die kann gar nicht groß genug, breit genug geführt werden."

Kampf gegen Missbrauchsdarstellungen im Internet

Für Beier ist der sexuelle Missbrauch von Kindern ein weltweites Problem, befördert durch das Internet. Er sieht da eine klare rechtspolitische Aufgabe und ist besorgt, dass die Problematik in der gesellschaftlichen Diskussion noch nicht ausreichend angekommen sei. "Im Internet, im Darknet hat es innerhalb von acht Jahren eine Verhundertfachung von Bildmaterialien gegeben", sagt der Sexualwissenschaftler. "Dort sind alle möglichen Formen sexueller Interaktion mit Kindern – einschließlich Gewaltanwendung – zu sehen und recherchierbar. Es müssen Wege gesucht werden, das zu verhindern!"

(sf)

Klaus M. Beier ist Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin an der Charité - Universitätsmedizin Berlin. Das von ihm gegründete Präventionsprojekt "Kein Täter werden" begann vor 15 Jahren in Berlin, mittlerweile gibt es mehrere Standorte in ganz Deutschland. Beier promovierte in Medizin und in Philosophie, habilitierte in Sexualmedizin. 2017 erhielt er das Bundesverdienstkreuz.


Das Interview in ganzer Länge:

Deutschlandfunk Kultur: Wenn in der Öffentlichkeit von Pädophilie die Rede ist, also von sexuellem Interesse an Kindern, dann eigentlich immer im Zusammenhang mit Verbrechen und Strafe. Dann geht es um sexuellen Missbrauch von Kindern, inzwischen sagt man eher sexualisierte Gewalt gegen Kinder, oder auch um das Strafmaß, das nun deutlich erhöht werden soll. Wie gerechtfertigt ist Ihrer Ansicht nach die Verbindung von Pädophilie und Verbrechen?

Klaus Beier: Diese Verbindung ist nicht gerechtfertigt, weil wir wissen, dass Menschen, die eine pädophile Neigung haben, nicht zwangsläufig Übergriffe begehen. Ich weiß, dass das schwer nachzuvollziehen ist, aber man muss sich klarmachen: Es gibt zum einen die Ansprechbarkeit für das kindliche Körperschema. Das zeigt sich für die Betroffenen in den Fantasien.

Das heißt, sie merken, wenn sie erregt sind, dass kindliche Gestalten und Kinder in ihren Fantasien als erregungssteigernd vorkommen. Aber wir wissen, dass nur ein Teil dieser Menschen auch Übergriffe begehen wird. Das heißt, es ist falsch anzunehmen, wer die Ausrichtung hat, begeht auch Straftaten.

Deutschlandfunk Kultur: Das heißt anders herum: Nicht jede sexualisierte Gewalt gegen Kinder wird von Pädophilen ausgeübt.

Beier: Das heißt es auch. Wir wissen, dass nur ein Teil der Übergriffe auf Kinder zurückgeht auf Menschen mit einer pädophilen Neigung. Bei diesen Menschen besteht seit dem Jugendalter die Ansprechbarkeit für das kindliche Körperschema. Das heißt, die Taten gehen auch zurück auf diese Präferenzbesonderheit, die sie in sich tragen.

Dann gibt es eine Gruppe von Tätern, die haben keine sexuelle Präferenzbesonderheit in diesem Sinne, also, sind sexuell gar nicht ansprechbar auf das kindliche Körperschema, sondern auf das erwachsene Körperschema. Von diesen kann aber auch Gefahr ausgehen für Kinder. Wir kennen da unterschiedliche Tätertypen, wenn man das so beschreiben darf, die diese Übergriffe begehen, obwohl sie sexuell nicht auf Kinder ausgerichtet sind.

Deutschlandfunk Kultur: Gibt es irgendeine Schätzung, wie sich das prozentual verhält, wer solche Straftaten begeht?

Beier: Diese Schätzungen kennt man bisher nur aus dem sogenannten Hellfeld. Das heißt, Untersuchungen an justizbekannt gewordenen Tätern. Hier muss man sich ja immer klarmachen, dass ein Abschirmungsinteresse besteht für Präferenzbesonderheiten, weil die Betroffenen ja ohnehin besorgt sind, ausgegrenzt zu werden, wenn bekannt würde, dass sie diese Neigung haben.

Die Zahlen, die wir aus dem Hellfeld zur Verfügung haben, besagen, dass etwa 40 Prozent zurückgehen auf Präferenztäter und 60 Prozent der Taten gehen zurück auf diejenigen, die gar keine Ansprechbarkeit für das kindliche Körperschema haben. So in etwa ist das Verhältnis.

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Deutschlandfunk Kultur: Pädophilie gilt als eine "Störung der Sexualpräferenz". Das sexuelle Begehren richtet sich auf Kinder. Sie sagen "Ansprechbarkeit auf das kindliche Körperschema". Wie viele Menschen leiden unter dieser Störung? Kann man das sagen?

Beier: Wir wissen aus bevölkerungsbasierten Erhebungen, dass etwa ein Prozent der männlichen Bevölkerung diese Ansprechbarkeit aufweist. Die Zahlen aus anderen Studien, die mittlerweile publiziert wurden, liegen sogar etwas höher. Man kann ein Prozent als eine sichere Größenordnung annehmen.

Das würde bedeuten, dass wir allein in Deutschland 250.000 Betroffene haben, die diese Ansprechbarkeit aufweisen. Ich spreche deshalb von Ansprechbarkeit, weil es etwas ist, was sich für die Betroffenen ereignet. Die merken in der Jugend, welche Ausrichtung sie haben, sie merken, was für sie sexuell erregend wirkt, ohne dass sie sich das ausgesucht hätten. Das gilt für jeden Menschen. Keiner hat in der Hand, wie seine sexuelle Ausrichtung ist. Bei den allermeisten ist sie auf erwachsene Körperschemata und bei einer Minderheit ist sie auf das kindliche Körperschema ausgerichtet.

Es wäre falsch, allein das zum Gegenstand einer Entwertung dieser Menschen und zum Gegenstand einer Ausgrenzung oder Stigmatisierung zu machen. Da bin ich der Sexualwissenschaftler, der zu Ihnen spricht, weil ich die gesamte Vielfalt menschlicher Sexualität kenne und schütze.

Man darf in keiner Weise Minoritäten ausgrenzen. Man muss nur einen Punkt beachten, und der heißt, dass andere nicht in Mitleidenschaft gezogen werden dürfen durch diese Präferenzbesonderheit. Das ist das, was bei der Pädophilie eben der Fall sein kann, aber nicht muss.

Pädophile sind anfälliger für psychische Erkrankungen

Deutschlandfunk Kultur: Ich habe gefragt, wie viele Männer darunter "leiden". Ich war mir nicht so sicher bei der Formulierung. Leiden sie wirklich darunter? Gibt es einen Leidensdruck?

Beier: Ja. In den allermeisten Fällen gehen wir davon aus, dass dieser Leidensdruck besteht. Das können wir auch daran ermessen, dass sie eine erhöhte Prävalenz haben für anderweitige psychische Belastungen.

Deutschlandfunk Kultur: Also, Anfälligkeit?

Beier: Ja, dass sie eine höhere Prävalenz für depressive Auslenkungen, für Angststörungen haben und dass die Betroffenen das für sich behalten, nicht kommunizieren können. Das ist Standard. Das ist etwas, was man für sich behält. Und das heißt immer, dass sie innerlich vereinsamen, dass sie isoliert sind, dass sie die Sorge haben: "Wenn andere wüssten, was in mir vorgeht, dann wären die nicht mehr meine Freunde." Oder: "Meine Eltern würden mich verstoßen." Dieses Problem kennen wir bei vielen Minoritäten. Auch das möchten wir durch unsere Aufklärungsarbeit angehen.

Deutschlandfunk Kultur: Sind denn ausschließlich Männer betroffen? Es scheint zumindest so. In der Öffentlichkeit spricht man zumindest nur über sie. Frauen werden höchstens mal wegen Beihilfe verurteilt.

Beier: Nach unseren bisherigen Erfahrungen kommt die pädophile Neigung auch bei Frauen vor, aber das ist höchst selten. Wir haben in der gesamten Laufzeit des Projektes in Berlin über 3000 Kontaktaufnahmen durch männliche Betroffene und 30 durch Frauen. Wenn man hier die Diagnostik einsetzt, dann führte die in der Regel nicht dazu, dass am Ende eine pädophile Sexualpräferenz festgestellt wurde, sondern eher eine Zwangsstörung, eine Sorge, pädophil sein zu können. Aber die Begleitfantasien bei der Selbstbefriedigung waren auf Erwachsene ausgerichtet.

Wer vorbeugen will, muss wissen, wer die Täter sind 

Deutschlandfunk Kultur: Lüdge, Bergisch Gladbach, Münster – diese Ortsnamen stehen für Netzwerke pädophiler Straftäter. Da sagen Sie, 60 Prozent dieser Täter sind gar nicht pädophil. Aber da stellt sich die Frage: Welche Motive haben diese Männer, wenn sie gar nicht erregt werden von kindlichen Körpern?

Beier: Das ist sogar eine extrem wichtige Frage, weil wir insgesamt das Problem sexuellen Kindesmissbrauchs oder der Nutzung von Missbrauchsabbildungen adressieren müssen, und zwar wegen der Folgen, die das für die Kinder haben kann. Für das Kind spielt es ja gar keine Rolle, wer jetzt Täter ist und ob eine pädophile Neigung vorliegt oder nicht.

Die Folgen des Missbrauchs für die Opfer sind immer besser beschreibbar. Ich kann gar nicht genug betonen, dass wir davon ausgehen, dass es bei den Betroffenen zu neurobiologische Veränderungen auch im Gehirn kommt, deshalb werden auch die Langzeitfolgen für uns erklärbar.

Und das motiviert uns auch, Prävention zu machen. Ich bin ein Verfechter der Primärprävention. Ich möchte dazu beitragen, dass es gar nicht erst zu den Taten kommt. Also muss ich mir Gedanken machen: Wer sind die Verursacher und wer von diesen Verursachern ist erreichbar für die präventiven Maßnahmen, die wir anbieten können?

Bei den Nichtpräferenztätern gibt es eine geringe Erreichbarkeit. Es sind beispielsweise sexuell unerfahrene Jugendliche. Es sind intelligenzgeminderte Täter, die in ihrer sozialen Kompetenz eingeschränkt sind und dann auf Kinder ausweichen, sich aber eigentlich Kontakte mit erwachsenen Frauen wünschen.

Dann gibt es Täter mit Persönlichkeitsstörungen und solche in problematischen Familienverhältnissen, wo es zu anderweitigen Traumatisierungen der Kinder kommt, die zusätzlich sexuell missbraucht werden. In diesen Familien gibt es ein Amalgam von negativen Entwicklungsbedingungen, wo dann auch sozialpolitische Maßnahmen erforderlich wären.

Aber diejenigen, die eine pädophile Sozialpräferenz haben, können wir erreichen, weil sie seit der Jugend wissen, dass diese Ansprechbarkeit besteht und weil damit ein Leidensdruck kombiniert sein kann, und in vielen Fällen auch ist. Das ist der Ausgangspunkt für unsere verursacherbezogene Prävention, dass wir genau diese Gruppe erreichen möchten.

Wunsch nach Partnerschaft 

Deutschlandfunk Kultur: Wir sprechen jetzt immer von Sexualpräferenz. Aber im Allgemeinen ist der Mensch so gemacht, dass er nicht nur Sex mit jemandem haben will. Man verliebt sich ja auch und will jemandem in jeder Hinsicht nahe sein. Heißt das, Pädophile verlieben sich regelrecht in Kinder?

Beier: Das ist so. Es ist völlig richtig, dass wir uns in unseren Beziehungen wünschen, angenommen zu sein, wertgeschätzt zu werden, dass uns Vertrauen entgegengebracht wird. Das ist im Idealfall durch einen Sexualpartner gegeben, bei dem wir uns sicher fühlen, geschützt werden, dem wir gerne begegnen möchten – auch in körperlicher Nähe.

Bei Menschen, die eine solche Ansprechbarkeit aufweisen, insbesondere bei dem sogenannten exklusiven Typ – da ist ausschließlich das kindliche Körperschema erregungssteigernd einprogrammiert – gibt es solche Partnerschaftsfantasien, also den Wunsch, eine solche Beziehung führen zu wollen, das Leben mit einem Kind verbringen zu wollen – in Partnerschaft.

Deutschlandfunk Kultur: Nicht erfüllbar. Man hat Homosexuelle sehr lange diskriminiert, wegen ihrer Homosexualität, aber auch diskriminiert wegen dieser Verbindung, die hergestellt worden ist: Homosexueller = Päderast – so wurde das damals noch genannt – beziehungsweise pädophil. Gibt es irgendeinen Zusammenhang zwischen Homosexualität und Pädophilie?

Beier: Keinen anderen als den zwischen Heterosexualität und Pädophilie, nämlich insofern keinen, weil die entscheidende Kategorie, die wir uns in der Diagnostik anschauen, das kindliche Körperschema ist, welches erregungssteigernd bei Menschen mit pädophiler Neigung ist.

Bei der Homosexualität, so wie es üblicherweise als Begriff gebraucht wird, haben Sie eine Ansprechbarkeit für Erwachsene. Das ist ein kategorialer Unterschied. Insofern ist ein Vergleich oder eine In-Bezug-Setzung dieser Gruppen falsch.

Deutschlandfunk Kultur: Von den Pädophilen verlieben sich die einen in Jungs und die anderen in Mädchen?

Beier: Korrekt, wobei es ja den nicht ausschließlichen Typus gibt. Da gibt es eine Ansprechbarkeit für das kindliche und das erwachsene Körperschema. Und dann wäre es denkbar, dass sie sich in Mädchen verlieben, aber auch in Frauen oder eben in Jungs, und auch in Männer. Diese Kombinationen kennen wir.

Die Ursachen sexueller Neigungen sind unbekannt

Deutschlandfunk Kultur: Bei der Homosexualität hat es viele Jahre, Jahrhunderte gebraucht, bis anerkannt wurde, dass Homosexualität nicht ansteckend ist und dass man sie auch durch Willenskraft nicht ablegen kann und dass man niemanden verführen kann, so zu werden. Das ist immer noch nicht überall anerkannt, aber, sagen wir mal, in unseren Breitengraden.

Sie haben etwas Ähnliches über die Pädophilie gesagt, wenn ich Sie richtig verstanden habe, Herr Beier. Sie haben gesagt: Es ereignet sich. Das ist plötzlich da. Das heißt, wir wissen nichts über die Ursache?

Beier: Korrekt. Wir können nicht sagen. Warum ein Mensch gleichgeschlechtlich orientiert wird, der andere gegengeschlechtlich, der eine eine Ansprechbarkeit für das kindliche Körperschema entwickelt, der andere einen Fetischismus – das können wir nicht sagen. Es ist auch zurückzustellen hinter die Frage: Was erwarten wir eigentlich von den Antworten? Was folgt daraus?

In dem Moment, wo diese Ursachensuche darauf aus ist zu überlegen, wie man bestimmte Präferenzen ausschalten kann, würde man gegen die Vielfalt menschlicher Sexualität votieren. Davon würde ich dringend abraten. Es ist ein Ausdruck menschlicher Sexualität, dass sie diese Vielfalt aufweist. Das müssen wir anerkennen und wir müssen alle respektieren, gleich, welche Ausrichtung sie haben. Aber wir müssen äußerst viel investieren in dem Punkt, dass andere keinen Schaden nehmen dürfen durch die sexuellen Wünsche anderer. Das ist ein extrem wichtiger Punkt. Um den sollte es gehen!

Deutschlandfunk Kultur: Das heißt, selbst wenn Sie könnten, Sie würden nichts gegen die Pädophilie unternehmen?

Beier: Nein. Ich sehe die nicht als Feindbild. Es gibt keinen Grund, jemanden wegen seiner Ausrichtung zu entwerten, zu stigmatisieren und ihm zu bedeuten, dass er ein schlechter Mensch ist, weil er diese Ausrichtung hat. Das hielte ich für falsch. Wir müssen einfach hinnehmen, dass die menschliche Sexualität genau durch dieses Spektrum gekennzeichnet ist. Der Mensch ist anders nicht zu haben.

Präventionsarbeit kann helfen 

Deutschlandfunk Kultur: Vor 15 Jahren haben Sie an der Berliner Charité das Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden" ins Leben gerufen. Das ist ein Therapieprogramm für pädophile Männer und Jugendliche, das ihnen helfen soll, eben: Kein Täter zu werden, also Kinder nicht sexuell zu missbrauchen oder Bilder davon zu konsumieren.

Wie gut ist das Ihnen und Ihrem Team gelungen?

Beier: Nach meiner Einschätzung ist das eine Erfolgsgeschichte. Vor 15 Jahren hat kaum jemand geglaubt, dass Betroffene überhaupt zu uns kommen würden. Unser Ansatz, "wir bewerten nicht eure Ausrichtung, aber wir wollen dazu beitragen, dass es nicht zu Schaden kommt für Kinder", der hat verfangen. Der hat bei vielen dazu geführt, dass sie gesagt haben: "Diese Hilfe nehme ich an." – Und ich bin absolut überzeugt, dass dieser Weg richtig und ausbaubar ist.

Das heißt, verursacherbezogene Prävention funktioniert. Die Menschen kommen. Und je besser wir werden in unserer Außendarstellung, in unseren Werbemöglichkeiten, die wir mittlerweile immer stärker ins Internet verlagern, umso mehr werden sich auch an uns wenden. Das ist gut und angestrebt, weil damit die Chancen steigen, dass wir Übergriffe verhindern und dass wir die psychische Gesundheit der Betroffenen stärken.

Wir wollen dazu beitragen, dass sie ihre Teilhabe an der Gemeinschaft erleben können ohne schlechtes Gewissen, ohne Schuldgefühle, ohne die Überlegung, "da habe ich etwas falsch gemacht, da habe ich anderen Schaden zugefügt". Das ist ja eine Last, die sie sonst mit sich tragen.

Deutschlandfunk Kultur: Aber ich habe einem Ihrer Vorträge entnommen, dass es auch während der Therapie trotzdem auch zu Übergriffen gekommen ist.

Beier: Ja, es gibt einige sehr wenige Fälle, wo uns das bekannt geworden ist. Wir evaluieren ja kontinuierlich das, was wir tun. Das ist etwas, was wir natürlich mit aller Energie versuchen wollen, zukünftig zu verhindern. Es sind einige wenige Fälle, aber es gibt sie.

Und was uns genauso besorgt, ist die Nutzung von Missbrauchsabbildungen. Hier ist die Schwelle sehr niedrig, sich dieses Material zu besorgen und wieder in den Konsum zurückzufallen. Wir versuchen, dass dauerhaft eine vollständige Verhaltensabstinenz erreicht wird – sowohl was die Nutzung von Missbrauchsabbildungen, als auch, was Übergriffe betrifft.

Missbrauchsabbildungen im Internet

Deutschlandfunk Kultur: Ich glaube, die Nutzung dieser Missbrauchsabbildungen wird gerne auch vor sich selbst damit gerechtfertigt: "Ich tue keinem Kind etwas an. Ich gucke nur ein Bild an."

Beier: Was vollständig falsch ist. Das vermitteln wir hier auch. Ich bin äußerst besorgt über die – sagen wir mal – noch nicht ausreichend in der gesellschaftlichen Diskussion angekommene Problematik. Im Internet, im Darknet hat es innerhalb von acht Jahren eine Verhundertfachung von Bildmaterialien gegeben. Dort sind alle möglichen Formen sexueller Interaktion mit Kindern – einschließlich Gewaltanwendung – zu sehen und recherchierbar. Es müssen Wege gesucht werden, das zu verhindern. Ich bin ein ganz starker Verfechter, dass man hier die Anstrengungen vervielfacht, und zwar in jeder Hinsicht, sowohl was die Ermittlungstätigkeit betrifft, als auch, was die Präventionstätigkeit betrifft.

Das ist für mich letztlich eine Pandemie. Ich muss jetzt mal diesen Vergleich ziehen. Das ist ein durch Menschen gemachtes Unglück, das ist keine Endemie, das ist eine Pandemie. Und die Zahlen der Betroffenen liegen um ein Vielfaches höher als bei der Corona-Pandemie.

Bei der Corona-Pandemie würde man aber diejenigen, die das Virus ausbreiten, die das Problem verbreiten, isolieren. Das geschieht hier nicht. Wir haben keinen Zugriff auf das Feld, auf dem diese Vervielfältigung stattfindet. Das muss sich ändern! Hier sehe ich eine ganz klare rechtspolitische Aufgabe, dass man sich andere Zugriffe erschließt, um an dieses Problem heranzukommen.

Das Wissen um das Leid der Opfer 

Deutschlandfunk Kultur: Die Opfer sexualisierter Gewalt, von sexuellem Missbrauch wurden lange Zeit nicht ernstgenommen und nicht gehört. Das hat sich zum Glück wirklich verbessert – wenn auch immer noch manche Institution offenkundig den Täterschutz über den Opferschutz stellt.

Aber ich habe mich gefragt, welchen Einfluss dieses vermehrte öffentliche Sprechen über die Opfer sexuellen Missbrauchs und ihr Leiden auf Ihre Arbeit mit den pädophilen Männern hat. Befördert es die? Behindert es die? Hat es gar keinen Einfluss?

Beier: Es befördert die Tätigkeit. Das war von Anfang an der Fall. Der Punkt ist ja, dass wir es in der Sexualmedizin mit Störungsbildern zu tun haben, die gehäuft vorkommen, wenn Missbrauch in der Kindheit erlebt wurde. Dazu zählen die sexuellen Funktionsstörungen, aber auch Beziehungsstörungen. Sie müssen sich klarmachen, dass dann, wenn Vertrauen von Beziehungspartnern erschüttert wurde – und es handelt sich ja meist um Menschen, die die Kinder kennen –, dann ist nachvollziehbar, dass später im Leben Schwierigkeiten entstehen und die Selbstverwirklichung in Beziehungen beeinträchtigt sein kann. Das erklärt uns, warum wir häufiger Menschen mit einer solchen Vorgeschichte auch klinisch sehen.

Und das motiviert natürlich umso mehr, die primäre Prävention anzugehen. Und ich bin froh über die Zunahme dieser Diskussion. Die kann gar nicht groß genug, breit genug geführt werden. Das ist nach meiner Auffassung ein weltweites Problem, mit dem wir uns hier befassen müssen.

"Niemand darf zu Schaden kommen"

Deutschlandfunk Kultur: Sie haben vorhin über die Prävalenz der Pädophilen für andere psychische Erkrankungen gesprochen, für Depressionen zum Beispiel, dass sie häufig vereinsamen, sich sozial isolieren, weil sie Angst haben, sollte bekannt werden, welche Neigung sie haben, abgelehnt zu werden. Das ist sicher keine unbegründete Angst. Es gibt ja eine wirklich weit verbreitete starke, reflexhafte Abwehr.

Ich habe mich auch persönlich gefragt, wie würde ich reagieren, wenn ich erfahren würde, dass mein Mann oder mein Sohn pädophil ist. Ich wäre auf jeden Fall schockiert. Wie sollte ich denn reagieren? Oder wie sollte die Gesellschaft mit Pädophilen umgehen?

Beier: Das ist genau das Ziel unserer Aufklärungsbemühungen, dass erkannt wird, es gibt diese Präferenzbesonderheiten. Nicht nur Pädophilie, es gibt auch Fetischismus, es gibt Masochismus. All das sucht sich niemand aus. Und man muss kommunizieren, dass man diese Breite akzeptiert – aber nicht hinnimmt, dass andere zu Schaden kommen würden. Das wäre die Hauptbotschaft, die man senden müsste, auch innerfamiliär.

Wir haben sehr häufig auch Angehörigengespräche zu führen, in denen wir genau diese Sorgen aufgreifen und übrigens erkennen können, wie groß die Angst zum Beispiel unserer Jugendlichen ist – wir haben ein Extra-Projekt für Jugendliche eingerichtet –, dass die Eltern sie verstoßen könnten, dass sie kein Anrecht mehr haben auf ihre Liebe und ihren Schutz und ihre Fürsorge, weil sie diese Besonderheit aufweisen, für die sie ja nichts können.

Deutschlandfunk Kultur: Ist das schon mal passiert, dass die Jugendlichen von ihren Eltern verstoßen wurden? Dass die Eltern sagten: "Du bist nicht mehr unser Kind?"

Beier: Nein. Das ist nicht passiert, aber wir haben schon einige denkwürdige Strecken gemeinsam mit den Eltern hinter uns, wo wir auch korrigierend eingreifen mussten. Wo beispielsweise versucht wurde, durch vermeintlich therapeutische Maßnahmen dazu beizutragen, dass sich die Neigung in Luft auflöst. Zum Beispiel, dass man dem Sohn großzügig den Besuch bei Prostituierten bezahlen möchte in der Annahme, dass sich aus diesen Erfahrungen heraus die Ansprechbarkeit auflöst.

"Niemand will mit einem Pädophilen befreundet sein"

Deutschlandfunk Kultur: Sie haben gerade andere Vorlieben genannt, wie Fetischismus, Masochismus. Trotzdem, ich wüsste von kaum einer anderen Sexualpräferenz, die so sehr mit einem Tabu belegt ist wie Pädophilie. Darum fand ich es besonders interessant, dass nun der Krimi-Autor Jan Costin Wagner einen neuen Ermittler eingeführt hat, der pädophil ist. Er ist ein guter Polizist, er ist ein guter Ehemann, Vater einer elfjährigen Tochter und – pädophil.

Ich lese das als ein Indiz dafür, dass dieses starre Tabu vielleicht doch ein paar Risse bekommt.

Beier: Es wäre wünschenswert. Da liegt noch ein langer Weg vor uns. Und die emotionale Verstörtheit bei der Vorstellung, dass Kinder Opfer werden können, ist ja auch total nachvollziehbar. Man müsse jetzt den Schritt machen zu sagen: Es gibt eben Betroffene, die haben die Fantasien, aber die machen es nicht. Die wollen das auch nicht machen und die werden es auch nicht machen.

Diesen Schritt zu gehen, das fällt sehr vielen Menschen schwer. Die Daten, die uns dazu vorliegen, sind äußerst bezeichnend.

Es gibt eine Fußgängerbefragung: "Stellen Sie sich vor, Ihr Nachbar ist pädophil, hat aber noch nie eine Straftat begangen. Der ist clean. Was würden Sie meinen? Was soll mit dem geschehen?" – 40 Prozent der Fußgänger sagten: "Muss in Haft! Muss ins Gefängnis!" Und zehn Prozent sagen: "Sollte besser tot sein." Befreundet sein will mit dem niemand – obwohl er nichts gemacht hat.

Pädophile müssen sich mit ihrer Neigung auseinandersetzen 

Deutschlandfunk Kultur:  Naja, Sie haben zwar vorhin gesagt, im Hellfeld habe die Mehrheit der Täter diese pädophile Neigung nicht. Aber wenn man die Gruppe der pädophilen Männer vergleicht mit der Gruppe der Männer, die das nicht sind, sondern die von Erwachsenen angezogen sind, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein pädophiler Mann übergriffig wird, doch höher, nicht?

Beier: Die ist vor allem dann höher, wenn sich der Betreffende damit nicht auseinandergesetzt hat. Dann ist sie sogar wesentlich höher. Genau das ist ja der Grund, warum wir möchten, dass die Betroffenen sich damit auseinandersetzen, und warum wir dazu ermutigen, sich im sozialen Empfangsraum Verbündete zu suchen, die einen unterstützen, so dass man nicht das Gefühl hat, man wird ausgegrenzt. Wir wirken bei unseren Patienten darauf hin, dass sie ihre Angehörigen einbeziehen und ihnen das Problem zu offenbaren.

Deutschlandfunk Kultur: Apropos Angehörige: Nicht nur im Krimi sind Pädophile verheiratet, haben Kinder. Ist das Fassade? Ist das ein Ersatz?

Beier: Wenn ein nicht ausschließlicher Typus der Pädophilie vorliegt, nicht. Dann gibt es sowohl die Ansprechbarkeit für das kindliche als auch für das erwachsene Körperschema. Das heißt, da werden authentische Beziehungen zu Erwachsenen eingegangen.

Aber die Ansprechbarkeit ist dadurch nicht weg. Und wenn Versuchungssituationen entstehen oder Konflikte oder partnerschaftliche Probleme, dann ist denkbar, und die klinische Erfahrung belegt das, dass dann der Wunsch, die Bildmaterialien anzuschauen oder sogar direkte Kontakte zu realisieren, größer wird. Damit steigt die Gefahr der Fremdgefährdung.

Gefahr von Kinderbildern im Internet  

Deutschlandfunk Kultur: Man kann ja auch beobachten, dass viele Eltern ihre kleinen Kinder nicht mehr nackt am Strand oder im Schwimmbad herumlaufen lassen, häufig aus einer diffusen Sorge heraus, damit Pädophile anzulocken. – Ist das eine berechtigte Sorge oder ist das eine übertriebene Prüderie?

Beier: Berechtigt ist die Sorge, unbefangen Nacktbilder der eigenen Kinder im Internet zu verbreiten. Die sind dann nicht selten Gegenstand von Recherchen und werden in ganz anderen Zusammenhängen verwendet. Wir staunen immer wieder über die Naivität mancher Eltern. Ich sagte ja bereits, dass wir eine andere Herangehensweise der Gesellschaft an diese Möglichkeiten des Internets insgesamt brauchen. Das betrifft auch die Inanspruchnahme von Pornographie durch Kinder.

Deutschlandfunk Kultur: Aber das ist ja jetzt keine Pornographie. Ich könnte auch sagen, das interessiert mich doch nicht, was ein Mann in London mit dem Foto meiner fünfjährigen Tochter macht.  

Beier: Na ja, er wird es aber möglicherweise verformen, mit Bildbearbeitung in andere Zusammenhänge bringen. Die Eltern sind aufgefordert, den Schutz am eigenen Bild für das Kind zu übernehmen und dafür Sorge zu tragen, dass so etwas nicht geschehen kann. Das ist im Moment nur dadurch möglich, dass man die Bilder nicht ins Internet hineinstellt – auch wenn es vermeintlich geschützte Gruppen sind, mit denen man das teilt.

Deutschlandfunk Kultur: Pädophile, haben wir gelernt, können nichts für ihre Veranlagung. Sie sind Menschen, die niemals das leben dürfen, was sie sich ersehnen, was sie begehren. Das ist ein schweres Schicksal. Sie treten als Sexualwissenschaftler für den Schutz auch dieser Menschen ein. Und doch, Herr Beier, würden Sie einen Pädophilen als Babysitter beschäftigen?

Beier: Das würde schon deshalb nicht sonderlich sinnvoll sein, weil die Versuchungssituation für den Betreffenden – wir erleben auch häufig, dass der Wunsch besteht, in Erziehungsberufen tätig zu werden – ein unnötiges Risiko schafft. Und Menschen, die verantwortungsbewusst mit ihrer Neigung umgehen, die erkennen das auch. Es wäre äußerst unklug, solche Situationen herbeizuführen. Davon würden wir also abraten.

Es ist auch unnötig, solche Risiken einzugehen. Und diejenigen, die sich aus meiner Sicht verantwortungsbewusst mit der Problematik auseinandersetzen, folgen dem auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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