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Fazit / Archiv | Beitrag vom 02.11.2011

Prätentiöser Mythenmix

Olivier Py inszeniert sein Stück "Die Sonne"

Von Eberhard Spreng

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Die Volksbühne in Berlin (AP Archiv)
Die Volksbühne in Berlin (AP Archiv)

Theater im Theater: Eine kuriose Truppe um einen Autor und einen etwas durchgeknallten genialischen Akteur haben ein Theater gekapert und wollen dort ein vermutlich unaufführbares Stück herausbringen.

Axel hat dem Intendanten in einer Debatte über Sinn und Zweck des Theaters ein Ohr abgebissen, als der es wagte, den Begriff "Demokratie" auszusprechen. Um ihn herum gruppieren sich eine Transe im rosaroten Taftkleidchen, ein halbnackter Schmerzensmann, der sich mit dem Messer diverse Schnitte zugefügt hat, die divenhafte Mutter des Autors und die schwangere Santa; Maria wäre zu ergänzen.

Was da wie ein wilder Mix aus Geniekult, Sturm und Drang, Tuntenstadl und Weihespiel daherkommt ist Pys letztes, ins Deutsche übertragene Stück, in dem es um nicht viel weniger geht als die Frage nach dem Göttlichen im Menschen und dem Ort des Theaters im Mythengewitter. Soll es, wie Intendant und Autor behaupten, darum gehen das Theater in den Dienst von Mensch und Gesellschaft zu stellen oder sind, wie es der göttliche Axel behauptet, Kunst und Theater sich selbst genug?

Inmitten der oft kreisenden Drehbühne mit ihren kleinen Backsteingebäuden, die mal Innen-, mal Außenraum markieren, steht der Flügel des Mattheu El Fassi und begleitet das Geschehen mit musikalischen Bruchstücken von Wagners "Abendstern" bis Bachs "Matthäuspassion". Es sind der großen Götter- und Menschheitsfragen in diesem Stück einfach zu viele, auch wenn man dem Regisseur Olivier Py zugute halten muss, dass er seinen prätentiösen Mythenmix mit energiereichen Akteuren zwischen durchgeknallter Komik, legerem Pathos und religiöser Ekstase in der Schwebe hält.


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"Kultur heute" vom 15.4.2011: Kulturpolitik nach Gutsherrenart? - Über die Absetzung von Olivier Py als Leiter des Pariser Théâtre de l'Odéon ist ein Streit entbrannt

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