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Im Gespräch | Beitrag vom 16.08.2019

Präsident des DHM Raphael GrossEin Haus zum Nachdenken über Geschichte

Moderation: Susanne Führer

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Der Präsident des DHM, Raphael Gross, steht im Innenhof des Museums an eine Säule gelehnt. (Wolfgang Siesing / DHM)
Prof. Raphael Gross, Präsident des DHM: Ausstellung soll mit Fragen provozieren. (Wolfgang Siesing / DHM)

Etwas angestaubt soll sie sein, die Dauerausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin. Ein Schweizer will das ändern: Raphael Gross ist seit zwei Jahren Präsident des DHM und Herr über eine Million Objekte. Einblicke in eine Mammutaufgabe.

Wenn man aus dem Vollen schöpfen kann, ist das manchmal ein Problem. Das Deutsche Historische Museum in Berlin hat mit rund einer Million Einzelstücken eine der größten historischen Sammlungen Europas. Nur ein Bruchteil davon kann überhaupt ausgestellt werden. Aber was?

Diese Frage treibt Raphael Gross um, seit er vor zwei Jahren Präsident des DHM geworden ist. Im Fokus: die Dauerausstellung "Deutsche Geschichte vom Mittelalter bis zum Mauerfall". Etwas in die Jahre gekommen sei die Tour durch deutsche Historie seit dem sechsten Jahrhundert und ziemlich überladen, sagen Kritiker.

Nachdenken über Geschichte kann Perspektiven erweitern

"Wir sind mitten drin", eine ganz neue Dauerausstellung auf die Beine zu stellen, versichert Raphael Gross. Was genau da am Ende ausgestellt wird, mag er noch nicht sagen, aber welche Ideen ihn dabei leiten:

"Es ist interessanter - statt einfach ein Narrativ, eine Erzählung auszubreiten, die feststeht - sich zu überlegen, in welcher Weise kann ich heute, wenn ich über die Geschichte nachdenke, etwas erkennen, was mir meine Perspektiven erweitert."

Die Ausstellung soll also aus der Geschichte keine letztgültigen Antworten ziehen, sondern Fragen provozieren, auch für die Gegenwart.

Säule von Cape Cross aus Ausstellung entfernt

Ein Objekt hat Raphael Gross schon aus der jetzigen Dauerausstellung entfernen lassen: die Wappensäule von Cape Cross. Die will er nach Namibia zurückgeben, wo sie mehr als 400 Jahre lang gestanden hatte, denn: "Es ist eine Frage der historischen Gerechtigkeit." Auch wenn Namibia keinen Rechtsanspruch auf die Rückgabe habe.

Von den Portugiesen einst errichtet, um ihren Machtanspruch über Afrika zu demonstrieren, haben die deutschen Kolonialherren das imposante Steinkreuz Ende des 19. Jahrhunderts nach Deutschland verfrachtet. Dass es nun nach Namibia zurück soll, hat auch etwas mit deutscher Schuld zu tun - dem Völkermord an Herero und Nama im damaligen Deutsch-Südwestafrika:

"Es wurde ziemlich kurz vor dem Genozid gegen Bewohner dieser Region durch deutsche Truppen weggenommen. Und es ist das einzige Objekt, das Namibia in offizieller Form zurückverlangt hat."

Beschäftigung mit Antisemitismus für jeden relevant

Raphael Gross ist Schweizer und entstammt einer jüdischen Familie, mit deutscher und jüdischer Geschichte hat er sich auch als Historiker häufig befasst. Dennoch beschäftigt ihn der aktuell wieder deutlicher sichtbare Antisemitismus "nicht mehr und nicht weniger als uns alle", denn:

"Das ist eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft, und ich finde es nicht so gut, das zu delegieren und zu sagen: 'Na ja, Sie haben ja die und die Familiengeschichte'. Es ist für mich so relevant wie hoffentlich für alle."

(pag)

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