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Interview / Archiv | Beitrag vom 14.11.2014

Präsident der HochschulrektorenkonferenzDoktoranden nicht mit Dauerverträgen ausstatten

Horst Hippler widerspricht Zahlen über prekäre Verhältnisse

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Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (dpa / picture alliance / Frank Leonhardt)
Horst Hippler widersprach Zahlen, wonach 80 Prozent der jungen Wissenschaftler in prekären Verhältnissen leben. (dpa / picture alliance / Frank Leonhardt)

Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Horst Hippler, hält den Mitarbeiterwechsel an den Universitäten für unverzichtbar. Wissenschaftlicher Nachwuchs müsse fluktuieren, sagte Hippler.

Aber die Hochschulen benötigten für die Lehre auch Personal, das langfristig eingesetzt werde. Hippler sagte in Reaktion auf Äußerungen von Bildungsministerin Johanna Wanka, die Hochschulen würden die zusätzlichen finanziellen Mittel für Personal nutzen, wenn das Geld dort ankomme. Er widersprach Zahlen, nach denen 80 Prozent der jungen Wissenschaftler in prekären Verhältnissen arbeiteten.

"Die Zahlen sind falsch", sagte Hippler. "Da sind Doktoranden mitgezählt." Sie könnten nicht während ihrer Promotion dauerhaft angestellt werden. Eine längerfristige Förderung von Forschungsarbeit sei beispielsweise durch Anträge bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft möglich. Hippler warnte davor, von Einzelfällen auf die allgemeine Situation an den Hochschule zu schließen. "Das ist sehr gefährlich", sagte er.

Die Universitäten seien zwar in der Pflicht, etwas zu tun, aber es gehe nicht, dass Doktoranden Dauerverträge bekämen. Hippler sagte, die Bundesländer würden das durch die BAföG-Reform freiwerdende Geld unterschiedlich verteilen. Einige Länder würden in die Hochschulen investieren, andere eher in Kitas.

Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz sieht die Wissenschaft nicht in Abhängigkeit von der Wirtschaft. "Die meisten Drittmittel kommen aus der öffentlichen Hand und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und von der Europäischen Union", sagte er. "Das heißt, von der Wirtschaft kommt relativ wenig Geld." Die Wirtschaft investiere vor allem in feste, kurzfristige Projekte.

Das Interview im Wortlaut:

Korbinian Frenzel: Es sind goldene Zeiten für die Bildung, den Eindruck könnte man kriegen nach dem gestrigen Tag im Bundestag. Das Kooperationsverbot ist bald Geschichte und das bedeutet konkret: Der Bund kann dauerhaft Geld in die Unis stecken. Dass das Not tut, zeigt vielleicht allein eine Zahl: Gerade mal jede fünfte Nachwuchswissenschaftskraft in Deutschland hat einen festen Vertrag, 80 Prozent müssen sich durchhangeln von Befristung zu Befristung. So viel Prekariat in der Wissenschaft leistet sich kaum ein anderes europäisches Land. Ich habe gestern an dieser Stelle mit der Bundesbildungsministerin gesprochen, Johanna Wanka, und die hat eine klare Erwartung, dass dieses Problem gelöst wird. Und sie sagt am Ende auch, von wem:

Johanna Wanka:Wir werden auch das Wissenschaftszeitvertragsgesetz verändern. Das heißt aber nicht, dass wir dieses Problem – mehr unbefristete Stellen oder Stellenhülsen –, dass wir das damit lösen können, sondern das geht eher über das, was wir jetzt bereits beschlossen haben, mehr Geld und die Entscheidung, in den Universitäten das auch entsprechend einzusetzen.

Frenzel: Der Ball liegt bei den Universitäten, sagt die Ministerin. Was sagt der Präsident der Deutschen Hochschulrektorenkonferenz Horst Hippler? Herr Hippler, erst mal einen schönen guten Morgen!

Horst Hippler: Ja, schönen guten Morgen!

Frenzel: Werden die Unis diesen Spielraum nutzen für mehr, für bessere Jobs?

Hippler: Wenn das Geld bei den Hochschulen ankommt, werden sie das sicherlich dafür nutzen. Denn das Geld muss ja nachhaltig zur Verfügung gestellt werden, also nicht in einem kurzen Projekt. Daraus kann man keine Dauerstellen finanzieren. Wenn Geld nachhaltig ankommt, wird man das natürlich dafür nutzen.

Frenzel: Ist es das Geld alleine, das den Unis bisher fehlte? Viele haben den Eindruck, dass es oft auch kein wirkliches Interesse gibt, unbefristete Stellen im großen Stil zu schaffen, weil die Unis so natürlich flexibler bleiben. Voller Gewinn für die Unis, volles Lebensrisiko für den wissenschaftlichen Nachwuchs!

Häufiger Wechsel ist wichtig

Hippler: Na ja, Sie wissen ja, dass eine Universität davon lebt, dass das Personal fluktuieren muss. Wissenschaftlicher Nachwuchs muss auch fluktuieren, der kann auch nicht nur in den Hochschulen bleiben. Es gibt außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, es gibt Forschungseinrichtungen in der Wirtschaft. Es ist so, dass die Hochschulen mit dem Geld natürlich auch die Verantwortung für die Lehre übernehmen wollen und müssen, und dafür brauchen sie eben Personal, was auch langfristig eingestellt wird. Aber natürlich brauchen wir einen großen Teil an Fluktuationen. Die Frage ist ja nur, brauchen wir sie auf Dauer oder geht es darum, jungen Leuten mal einen Vertrag über drei, vier Jahre zu geben, aber dann muss man auch wissen, dass dann Schluss ist?

Frenzel: Aber welche Größenordnungen sind es da? Ich habe die Zahl genannt, im Moment sind 80 Prozent des Nachwuchses in solchen Verhältnissen!

Hippler: Ja; die Zahlen sind falsch. Die kommen aus einer Hilfserhebung, die Zahlen sind falsch. Da sind Doktoranden mitgezählt. Und niemand wird wohl davon ausgehen, dass man Doktoranden während der Promotionszeit auf Dauer einstellt.

Frenzel: Wir haben jetzt einen solchen Doktoranden auch noch im O-Ton, wir haben gestern mit ihm gesprochen, Matthias Kuhn. Er ist Doktorand am Institut für Soziologie an der TU Dresden, hat da eine Initiative gegründet, die sich für mehr Rechte, für mehr Stabilität für sich und seinesgleichen ausspricht. Und er hat das Problem ausgerechnet oder er hat das Problem für die Forschung so benannt:

Matthias Kuhn:... dass zum Beispiel langfristige Projekte gar nicht mehr gemacht werden können. Die Professoren sind viel mit Organisation zu tun, es wird nun mal viel Forschung auch durch die Mitarbeiter betrieben. Und eine nachhaltige, langfristige Forschung ist auf solchen Stellen natürlich nicht möglich. Viel ist dann nur dadurch bestimmt, wo gerade Bedarf ist. Also, diese Drittmittel kommen dann zum Teil eben auch aus der Wirtschaft. Und das bestimmt, was geforscht wird.

Frenzel: Der Doktorand Matthias Kuhn. Herr Hippler, hat er da auch recht?

Einzelfälle nicht überbewerten

Hippler: Nur teilweise. Ich denke mal, auch die Sozialwissenschaftler können Forschungsanträge bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft stellen. Und dort ist die Finanzierung natürlich langfristiger, die ist nicht nur für ein Jahr, die ist für drei Jahre mit der Option der Verlängerung. Ich denke mal, da gibt es, glaube ich, ganz unterschiedliche Sichtweisen. Das Problem, was wir haben, ist, dass wir von Individualfällen auf das Allgemeine schließen. Das ist sehr gefährlich. Ich halte die Universitäten natürlich in der Pflicht, dass sie da etwas tun, dass sie genau hinschauen. Aber es geht natürlich nicht, dass ein Doktorand einen Dauervertrag bekommt, einen Vertrag, der vielleicht den Doktoranden in die Lage versetzt auch, seine Promotion zu Ende zu führen und vielleicht hinterher noch einen ??? zu bekommen, aber da braucht er schon einen neuen Vertrag, weil dann ja sozusagen auch die Zuständigkeit für das Projekt ein anderes ist.

Frenzel: Und wenn wir auf die Drittmittel schauen, die er angesprochen hat? Wie abhängig ist denn die Wissenschaft von der Wirtschaft mittlerweile?

Hippler: Eigentlich gar nicht. Wenn Sie genau hinschauen, ist das fast gar nichts. Denn die meisten Drittmittel kommen aus der öffentlichen Hand und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und von der Europäischen Union oder auch vom Bundesministerium oder auch aus dem Land. Das heißt, von der Wirtschaft kommt relativ wenig Geld. Und wenn es kommt, dann kommt es für feste Projekte. Und die sind natürlich, weil die Wirtschaft Interessen hat, dass diese Projekte auch durchgeführt werden, meistens kurzfristig, denn die Wirtschaft ist natürlich kurzfristig orientiert.

Frenzel: Diese neuen Möglichkeiten, die geschaffen werden durch die Bundesfinanzierung in der Bildung, wenn es denn so kommt, wenn das Kooperationsverbot fällt, wenn auch der Bundesrat zustimmt: Da hat uns die Bildungsministerin Wanka gesagt, die Länder würden das sehr unterschiedlich nutzen. Also Klartext: Manche Länder machen es gar nicht gut. Teilen Sie diese Einschätzung?

Das Fell des Bären ist schon verteilt

Hippler: Ja, da hat Frau Wanka völlig recht. Die Idee ist ja gewesen, dass der Bund die BAföG-Mittel komplett übernimmt und dass dafür 1,17 Milliarden freigeschaufelt werden in den Ländern und dass die Länder diese Gelder in Schulen und Hochschulen investieren sollten. Einige Bundesländer tun das, einige Bundesländer tun das mehr oder weniger und einige wollen es gar nicht tun. Aber das ist ja alles noch ungegessen, das Fell des Bären ist schon verteilt worden, bevor sozusagen der Bär erlegt ist. Und ich denke aber, der Unterschied in den Bundesländern wird sehr groß sein, einige Länder werden das Geld – haben sie auch schon versprochen – in die Hochschulen, in die Schulen stecken, andere werden sie eher in Kitas stecken.

Frenzel: Wenn es diese Unterschiede gibt in den Bundesländern, brauchen wir dann nicht vielleicht eine Bundesbildungsministerin, die nicht nur Geld mit dem Füllhorn verteilt, sondern auch stärker selbst gestalten kann und will?

Hippler: Na ja, mit der Abschaffung des Kooperationsverbots kann man natürlich mehr gestalten und mitmachen. Aber natürlich wäre es wichtig, dass der Bund das nicht alles alleine übernimmt, dass Bund und Länder das gemeinsam machen. Und dann ist die Frage, wie die Länder sozusagen ihr Scherflein dazu beitragen, dass sozusagen ein gesamtpolitisches Bild dann auch finanziert werden kann.

Frenzel: Horst Hippler, der Präsident der Deutschen Hochschulrektorenkonferenz, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Hippler: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

 

 

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