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Fazit | Beitrag vom 23.08.2021

PotsdamStreit um den Abriss des DDR-Rechenzentrums

Nikolaus Bernau im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

Das Rechenzentrum und die Baustelle für den Wiederaufbau des Turms der Garnisonkirche spiegeln sich in einer Pfütze in Potsdam. (imago / Martin Müller)
Die zwei Streitobjekte stehen dicht beieinander: Das ehemalige DDR-Rechenzentrum und die Baustelle des Garnisonskirchenturms. (imago / Martin Müller)

Die Stadt Potsdam steckt im Dilemma: Sie kann das Gebäude des DDR-Rechenzentrums und damit Kunsträume erhalten oder die Garnisonskirche neu aufbauen, für die keine Nutzungsidee besteht. Dabei konkurrieren zwei Ideen, was Potsdam ist oder sein soll.

Das ehemalige Rechenzentrum in der Potsdamer Innenstadt wird seit sechs Jahren als Kreativhaus genutzt. Künstlerinnen und Künstler haben dort ihre Ateliers oder organisieren Ausstellungen. Doch damit könnte 2024 Schluss sein, denn die Atelierverträge laufen aus.

So ist in der Landeshauptstadt von Brandenburg wieder die Debatte ausgebrochen, ob das ehemalige DDR-Gebäude abgerissen und stattdessen die Garnisonskirche wieder aufgebaut werden soll. Seit 1990 wird der Streit immer wieder geführt. Wie ist es dazu gekommen?

Zentrum des preußischen Militärkults

Der Architekturkritiker Nikolaus Bernau sagt, ursprünglich habe an der Stelle des Rechenzentrums das Hauptschiff der Garnisonskirche gestanden: "Sie war eine der bedeutendsten preußischen Kirchenbauten, aber auch Zentrum des Militärstaats und des Militärkults in Preußen".

Dementsprechend sei es der Handlungsort des "Tags von Potsdam" gewesen, als sich die konservativen und monarchistischen Eliten Deutschlands 1933 in den "Dienst Hitlers" stellten. Als die Kirche 1945 zerstört wurde, sei mit dem Aufbau bald wieder begonnen worden. Aber 1968 hätte die DDR-Führung wegen genau dieser Erinnerungskultur die Ruine der Kirche  gesprengt.

Demonstrativ habe sie dann von 1969 bis 1971 an dieser Stelle das neue Rechenzentrum bauen lassen, "als technologisch modernster Bau der Stadt" nach den Plänen des Architekturkollektivs Sepp Weber. Das Gebäude sei nur "eine durchschnittliche Kistenarchitektur", meint Bernau. "Das ist jetzt nichts Besonderes, das muss man wirklich ganz klar sagen."

Allerdings sei es inzwischen deswegen interessant, weil solche Bauten sehr selten geworden seien. Das liege an der Abrisspolitik und der Postmoderne, die diese Art der Architektur "überformt" habe.

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk Kultur. (Foto: imago / fStopImages / Malte Müller)

Dazu komme, dass das Äußere seit 1971 geschmückt sei mit "ganz tollen Wandmosaiken" des Künstlers Fritz Eisel über das Thema: Der Mensch bezwingt den Kosmos. Es sei eine klassische "Zukunftsmetaphorik der DDR". Und genau darin stecke das erste Konfliktpotenzial, sagt Bernau: "Da stehen zwei völlig unterschiedliche Ideen von dem, was Potsdam ist, was Geschichte ist, welche Bedeutung Geschichte hat, welche Bedeutung Zukunft hat, in schärfster Konkurrenz zueinander."

Versprechen nicht gehalten

Auf der anderen Seite gäbe es die Menschen, die unbedingt die Garnisonskirche an dieser Stelle wieder aufbauen lassen wollen. Am Bau des Turms sei bereits begonnen worden. Ursprünglich sei versprochen worden, dass das Wiederaufbauprojekt komplett privat finanziert werden solle. Jedoch sei mittlerweile klar, dass ohne die Hilfe der Bundesregierung "überhaupt nichts in die Gänge kommt".

Bernau kritisiert: "Für das Kirchenschiff gibt es nicht einmal eine Nutzungsidee. Die evangelische Kirche hat lange ganz explizit abgelehnt, überhaupt diese Kirche wieder haben zu wollen." Außerdem gebe es keine Gemeinde in der Potsdamer Innenstadt, die das Gebäude nutzen könnte. "Das heißt, die Stadt oder eine bestimmte Pressure Group in der Stadt möchte an dieser Stelle irgendwas errichten", sagt Bernau, "dort steht aber eben das Rechenzentrum, was eine sehr interessante Nutzung gefunden hat".

Potsdam habe genau wie Berlin und andere deutsche Großstädte einen akuten Ateliermangel. Sie seien aber auf moderne Kunst angewiesen, um eine Stadt attraktiv zu gestalten. Besonders Potsdam wolle heraus aus dem "Kult um Friedrich den Großen".

"Jeder Abriss ist eine Klimasünde"

In diesen Konflikt hätten sich schließlich die Klimaaktivistinnen und -aktivisten von Architects for Future eingeschaltet. Sie hätten nachgewiesen, dass viele Behauptungen der "Propagandisten eines Kirchenschiffbaus" schlichtweg falsch seien, zum Beispiel, dass der Brandschutz durch den jetzigen Bau gefährdet sei.

Außerdem halte die Klimagruppe jeden Abriss für "eine Sünde wider den Klimaschutz", sagt Bernau. Architects for Future habe bei dem bekannten Architekten Eike Rosweg-Klinge von der Technischen Universität Berlin ein Gutachten in Auftrag gegeben; es belege, dass Abrisse eine "ökologische Katastrophe" seien und nur Müll produzierten. Stattdessen müssten vorhandene Gebäude instand gesetzt und nach Möglichkeit erweitert werden – so auch das Rechenzentrum in Potsdam.

(sbd)

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