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Studio 9 | Beitrag vom 27.04.2021

Postkartenaktion der DDR im Kalten KriegFreiheit für Angela Davis!

Von Doris Simon

Porträt der Soziologin und US-Bürgerrechtlerin Angela Davis. (Imago / Pemax)
Angela Davis bei den Weltfestspielen der Jugend und Studenten 1973 in Ostberlin. (Imago / Pemax)

Die US-Bürgerrechtlerin Angela Davis bekam im Gefängnis Anfang der Siebzigerjahre unfassbar viel Post aus der DDR. Auf Postkarten forderten ostdeutsche Bürger ihre Freilassung - ein Coup der DDR-Propaganda.

"Na, erst einmal war sie schwarz. Ja, es war auch etwas Exotisches. Sie war anders."

David Gill sitzt in seinem Büro, der Blick fällt auf Hochhäuser und den glitzernden East River. Gill ist der deutsche Generalkonsul in New York.

Er hat in der Stasi-Unterlagenbehörde gearbeitet, für die Evangelische Kirche und unter Joachim Gauck das Bundespräsidialamt geleitet. Aber in dieser Minute ist er wieder sechs Jahre alt und zurück in Herrnhut in Ostsachsen, in der DDR damals, wo die Gill-Kinder in einer evangelischen Familie eher staatsfern aufwuchsen. Angela Davis fanden sie trotzdem faszinierend.

"Sie war so ganz anders als die anderen, die als internationale Verbündete hofiert wurden in der DDR. Viele graue Männer, ähnlich aussehend wie Erich Honecker." 

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"Was ich noch weiß ist, dass wir auf Deutsch geschrieben haben, weil wir kein Englisch konnten. Freiheit für Angela Davis. Das war das Schlagwort: 'Freiheit für Angela Davis!'"

Simone Lässig war sieben Jahre alt, als sie diese Worte auf eine Postkarte mit Rosenmotiv und vorgedruckter Adresse mehr malte als schrieb. Der mächtige Klassenfeind bedrohte eine engagierte junge Frau mit dem Tod. Das berührte die Siebenjährige, die in einem eher unpolitischen Arbeiterhaushalt in Altenburg aufwuchs und zuerst von der Klassenlehrerin hörte von Angela Davis.  

"Dass es jetzt ganz wichtig ist, dass die Weltöffentlichkeit aufsteht und den US-Imperialismus in die Schranken weist und für die Freiheit dieser Frau kämpft."

Mit dem Vietnamkrieg und dem Putsch in Chile vertraut

Als Kinder seien sie, auch über das Fernsehen, mit dem Vietnamkrieg und später dem Putsch in Chile vertraut gewesen, erzählt die Kultur- und Sozialhistorikerin Lässig, die seit sechs Jahren das Deutsche Historische Institut in Washington leitet.

"In diesem Umfeld waren die USA natürlich für uns der große Aggressor. Das war die imperialistische Macht. Und diese Frau war sozusagen in diesem David-und-Goliath-Schema für uns die große Heldin, die einerseits unglaublich tapfer war, aber andererseits auch Unterstützung brauchte."

Wie Simone Lässig schrieben Millionen DDR-Bürger Angela Davis solidarische Grüße zum Geburtstag in die USA und forderten bei den Behörden ihre Freilassung. Die Postkarten für die Angela-Kampagne sei ein riesiger Erfolg der DDR-Propaganda gewesen, gerade bei den eigenen Bürgern, sagt Simone Lässig, mit der Brille der Historikerin.

"Angela Davis kam faktisch für die DDR-Führung zur rechten Zeit, um sich ein Stück ein popkulturelles Image zuzulegen. Es war gerade dieser Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker passiert, der sich doch sehr darum bemühte, auch die Jugendlichen für den Sozialismus zu gewinnen."

Was der DDR-Führung nicht passte an der US-Kommunistin und Bürgerrechtlerin, wurde unter den Teppich gekehrt.

Freiheitsrechte und Menschenrechte

"Dass sie eigentlich für etwas stand, was die DDR-Führung bekämpfte, nämlich Freiheitsrechte und Human Rights, also Menschenrechte. Das wurde nicht thematisiert. Ganz im Gegenteil."

Nach ihrem Freispruch 1972 ließ sich Angela Davis immer wieder von Erich Honecker einladen und vorführen, besonders umjubelt bei den Weltjugendfestspielen. Doch ihre Faszination behielt sie, auch für kritischere DDR-Bürger. Wenn man anders sein wollte, sagt David Gill – so wie Gills Cousin.

"Der hatte viel Haar und hat dann sein Haar getragen wie Angela Davis. Das passte eigentlich überhaupt nicht in das Bild, was die DDR-Führung von ihren Schülern und Pionieren und FDJlern haben wollte. Aber da konnte natürlich niemand was sagen."

Die Ikonisierung der US-Bürgerrechtlerin passte nicht zum Alltagsrassismus, den  Simone Lässig, die Direktorin des Deutschen Historischen Instituts, im Rückblick erinnert, für den sie als Kind aber keine Antenne hatte. 

"In meinem kleinen Städtchen in Ostsachsen, wo ich wohnte, da lebten vielleicht hundert Mosambikaner, die in Zittau in der Textilindustrie arbeiteten. Die fuhr man da jeden Morgen von diesem In-the-middle-of-nowhere-Haus zur Arbeit und dann wieder zurück. So versuchte man wirklich, Kontakte zu unterbinden. Und das war reiner Rassismus", erinnert sich der deutsche Generalkonsul in New York, David Gill.

Freiheitskampf, Rassismus und grenzüberschreitendes Engagement: für das Goethe-Institut in New York gute Gründe, die DDR-Postkartenaktion unter aktuellen Aspekten in mehreren Veranstaltungen aufzugreifen. 

"Themen wie Rassismus und die Bewegung von Black Lives Matter sind Themen, die hier in den USA von aktueller Relevanz sind. Und wir haben sehr schnell in den Gesprächen mit unseren Partnern gemerkt, dass wir mit diesem verschütteten und auch eher unbekannten Thema dieser Postkarten auf einen Nerv und auf Interesse stoßen", sagt Institutsleiter Jörg Schumacher.

Black Lives Matter sorgt für Bewegung

Für die amerikanische Gesellschaft hätten sich die entscheidenden Fragen rund um Rassismus seit den Sechziger-, Siebzigerjahren nicht verändert, glaubt David Gill. Allerdings ist er zuversichtlich, dass es dieses Mal zu Ergebnissen kommen wird, auch wenn viele US-Bürger sich der Diskussion immer noch verweigerten.

"Was bedeutet es eigentlich, dass ein großer Teil der Gesellschaft eine Geschichte hat, die aus Zwang bestand, hierher zu kommen, die bis heute nachwirkt? Wie die Chancen verteilt sind, wie der Wohlstand verteilt ist, der Reichtum, all das ist heute vielleicht fast genauso virulent, wie es in den Siebzigerjahren war."

Die Black Lives Matter-Bewegung habe Festgefahrenes in Bewegung gebracht, glaubt Historikerin Lässig. Vielleicht auch, weil es anders als vor 50, 60 Jahren keine charismatischen Führungspersönlichkeiten gebe: "Ich hoffe einfach, dass dieses breitere Fundament, das die Bewegung jetzt hat, noch mehr bewirken kann."

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